Nun, da die Hälfte seiner Amtszeit vorüber ist, die bekanntlich acht Jahre dauert, kann man durchaus eine Zwischenbilanz ziehen. Erst mal fällt auf, dass Marian Schreier immer für Überraschungen gut ist, auch wenn man glaubt, ihn in den mehr als vier Jahren, die er in Tengen als Bürgermeister amtiert, gut einschätzen zu können. Seine fachliche Beschlagenheit ist legendär, denn Schreier kann, um nur eine unter vielen Anekdoten beispielhaft anzuführen, wenn nötig sogar aus den Fußnoten der Tengener Friedhofsordnung frei zitieren – wie in einer Gemeinderatsitzung tatsächlich geschehen. Doch ist er alles andere als ein Bürokrat oder Paragraphenreiter, denn genauso versteht er es, locker und volksnah zu sein. Als Beleg soll auch in diesem Fall eine kleine Geschichte genügen, die vorletzte Fasnacht so geschah: Zehn Minuten bevor er seine Büttenreden am Bunten Abend des Narrenvereins Kamelia hielt, schrieb er diese am Tisch beim Bier mal eben um, um auf das vorher Geschehene und Gehörte noch einzugehen. Diese Spontanität und Kreativität muss man erst mal haben . . .

Auch im Kreistag aktiv

Nicht nur bei seinen Tengener Bürgern hat Schreier einen großen Stein im Brett, auch über seine Stadt hinaus genießt er eine gewisse Popularität, denn bei der letzten Kreistagswahl konnte er im Wahlkreis Engen die zweitmeisten Stimmen auf sich vereinen und wurde dabei nur knapp vom Engener Bürgermeister Johannes Moser übertroffen. Somit kann er in den nächsten fünf Jahren im Kreistag seine Expertise einbringen, doch dies ist noch kein Indiz dafür, dass er über seine achtjährige Amtszeit als Bürgermeister von Tengen hinaus der Region erhalten bleiben wird. Marian Schreier hält sich zu seiner beruflichen und damit auch zu seiner politischen Zukunft noch bedeckt und gibt zu Protokoll, dass er diesbezügliche Fragen in den kommenden Monaten beantworten wolle. Gleichwohl bekennt er, dass er die vielfältigen und interessanten Aufgaben, die das Amt des Bürgermeisters mit sich brächten, nach wie vor mit Freude angehe, wobei ihn besonders der große Gestaltungsspielraum reize. Den hat er seit seiner Amtsübernahme im Mai 2015 auch genutzt, indem er seine drei Kardinalziele, die er sich damals vorgenommen hatte, konsequent umsetzte beziehungsweise beherzt in Angriff nahm. Diese hießen solide Finanzen, Entwicklung des Leitbilds 2030 und die Implementierung einer Verwaltung, die auf Augenhöhe mit den Bürgern ist.

Solide Finanzen als Ziel

Da die Basis für seine Arbeit solide Finanzen waren und sind, bestand die wichtigste, wenn auch schmerzliche Maßnahme darin, die Pflegeheime Blumenfeld zu schließen, die der Stadt Tengen zwischen 2010 und 2015 ein Defizit in Höhe von 5 Millionen Euro bescherten. Somit verfügte Schreier zu Beginn seiner Amtszeit nur über einen sehr engen finanziellen Handlungsspielraum. War das Jahr 2016 das der Sanierung, deklarierte er das Jahr 2017 zum Jahr des Planens, und erst ab 2018 verfügte die Stadt wieder über genügend finanziellen Spielraum, um größere Investitionsvorhaben zu realisieren. Die Kitas wurden schon 2017 erweitert und renoviert, der neue Bauhof 2018 in Angriff genommen, verschiedene Neubaugebiete erschlossen und die Neugestaltung des Stadtkerns mit einem Architektenwettbewerb in Angriff genommen.

Aktive Beteiligung der Bürgerschaft

Dass Marian Schreier nicht nur Pragmatiker ist, sondern auch Visionär, bewies er mit der Gründung einer Genossenschaft zur Finanzierung und Verwaltung des neuen Ärztehauses. Wie er sagt, steht nun die Ausschreibung unmittelbar bevor, im Herbst folgten die Verhandlungen und im Frühjahr 2020 werde aller Voraussicht nach mit dem Bau begonnen. Das Ziel, die Ärzteversorgung in Tengen langfristig zu sichern, machten sich über die Beteiligung durch Genossenschaftsanteile die Bürger, Unternehmer und Institutionen der Stadt zu eigen. Das ist ein gutes Beispiel für Marian Schreiers Vision, die er seit seiner Amtsübernahme verfolgt, nämlich direkt und gemeinsam mit den Menschen Politik zu gestalten: Die Bürgerschaft nimmt aktiv Anteil an dem, was in Zukunft in ihrem Heimatort geschieht. Paradebespiel für die aktive Bürgerbeteiligung ist die Entwicklung des Leitbilds 2030, bei der die Tengener über die Zukunft ihrer Heimatstadt selbst mitbestimmen durften. Die aktive Beteiligung der Bürgerschaft Tengens und seiner Teilorte öffnete auch zusätzliche Fördertöpfe, wie zum Beispiel die Auswahl Tengens als Schwerpunktgemeinde im ELR (Entwicklung ländlicher Raum), sodass die Förderprojekte fünf Jahre lang vorrangig in den jeweiligen Jahresausschreibungen behandelt werden und sie darüber hinaus einen um 10 Prozent erhöhten Fördersatz für gemeinwohlorientierte Projekte erhalten.

Tengen ist Modellkommune

Bei einem weiteren, in diesem Fall vom Bundesinnenministerium ausgeschrieben Wettbewerb konnte sich Tengen im Jahr 2017 als „Modellkommune Open Government“ durchsetzen, wobei die Stadt im Laufe von zwei Jahren 50 000 Euro dafür bekam, neue, in die Zukunft gerichtete Projekte zur Verwaltungskultur zu etablieren. Damit sind wir beim dritten großen Ziel des Tengener Bürgermeisters angelangt, nämlich der Implementierung einer Verwaltung, die auf Augenhöhe mit den Bürgern ist. Als Erneuerer der Kommunalpolitik will er die Nutzerfreundlichkeit bei Verwaltungsakten für den Bürger verbessern. Im Rahmen des oben angesprochenen Projekts entwickelte Tengen, wie es für das Städtchen typisch ist, zusammen mit seinen Bürgern ein digitalisiertes Verfahren, bei dem online Mülltonnen bestellt und austauscht werden können. Marian Schreier kündigte an, dass im Spätherbst dieses Projekt abgeschlossen sein soll.

Hinzu kommt die gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinderat und Verwaltung und bei den Themen Ökologie und Tourismus. Ein wichtiger Satz von Marian Schreier dazu: Er könne sich gut vorstellen, dass Tengen als großer Flächeneigentümer, der viel Land verpachtet, zukünftig entsprechende Vorgaben machen wird. Es gibt nach wie vor viele Aufgaben für den jungen Bürgermeister, die noch zu erledigen sind – wobei beim Breitbandausbau schon viel erreicht worden ist und im nächsten Jahr die ersten Teilorte endlich mit dem schnellen Internet rechnen dürfen. Weitere Arbeitsfelder sind der Öffentliche Personennahverkehr, die Sanierung der Kreisstraßen und die Erweiterung der Gewerbeflächen. Klar ist auch, dass Marian Schreier trotz seiner guten Arbeit (noch) nicht über das Wasser gehen kann. Auch Tengen hat Probleme – wie etwa den Stadtwald, der aufgrund des Klimawandels vom Einnahmengarant zum Sorgenkind geworden ist.