Der lang anhaltende Hochsommer sorgt dafür, dass Äpfel und Birnen früher als erwartet gereift sind. Seit Tagen liegt schon viel Obst am Boden, sodass es einen vorgezogenen Bedarf für das Mosten gibt. Mittlerweile können Interessenten ihr Obst bei vielen privaten Hegauer Betrieben abliefern und dort Apfelsaft oder Most beziehen. Im Engener Stadtteil Welschingen und im Tengener Teilort Beuren am Ried gibt es noch rar gewordene Gemeindemostereien. In Welschingen kann die Einrichtung nicht wie geplant in die Mostsaison starten, weil sich kein Interessent für den Betrieb findet, wie die Engener Stadtverwaltung berichtet. Sie rät, zu einem privaten Betrieb im Stadtteil Bargen auszuweichen. Die Gemeindemosterei Beuren am Ried startet dagegen – wie in den vergangenen Jahren – bald die Saison.

"Ich kann mich an Zeiten erinnern, da standen die Welschinger vor der Gemeindemosterei mit ihrem Obst Schlange. Als Großfamilie hatte man damals schon mal gut 1000 Liter Most im Keller, auch weil dieses damalige Hausgetränk günstig war", verrät Franz Brecht. Heute trinke er kaum noch Most. Das Getränk habe an Beliebtheit verloren. Auch deshalb gehe bei der Gemeindemosterei nicht mehr viel, glaubt der 80-jährige Welschinger. "Schade, dass immer weniger Menschen bereit sind, das Obst aufzulesen und es zur Mosterei zu bringen. Dabei haben wir gerade in Engen und den Stadtteilen viele Streuobstwiesen angelegt, die für die Natur so wichtig sind", schildert der Engener Bürgermeister Johannes Moser.

Die Entwicklung habe auch zur Folge, dass das Interesse an einem Betrieb der Gemeindemosterei schwindet. "Dazu kommt, dass viele Anlieferer nur geringe Preise zahlen wollen. So fehlt der Anreiz für einen Betreiber der Gemeindemosterei, der bei uns auf eigene Rechnung arbeiten kann. Es braucht auch keine besondere Voraussetzung. Ein Bewerber muss nur in der Lage sein, die Maschine zu bedienen. Die Hygiene stellt die Stadt Engen sicher", so Moser. Sollte es einen Interessenten für den Mosterei-Betrieb geben, könne er sofort loslegen, sagt er. Schon im vergangenen Jahr sei die Gemeindemosterei Welschingen nicht in Betrieb gewesen. Damals habe es aber im krassen Gegensatz zu diesem Jahr kaum Obst gegeben.

Auch Hochtouren läuft dagegen bald die Presse in der Gemeindemosterei Beuren. "Etwa 15 Leute, von Schülern bis Ruheständlern, arbeiten abwechselnd an bestimmten Tagen in der Mostsaison von Anfang September bis Mitte Oktober, meist samstags und mittwochs, je nach Anmeldungen", berichtet Helmut Müller, der seit 2012 nach der altersbedingten Übernahme von Erhard Vestner für die technische Abwicklung der Gemeindemosterei Beuren verantwortlich ist. "Das Verbreitungsgebiet unserer Kunden hat sich in den vergangenen Jahren vergrößert. So kommen auch Leute von Singener Stadtteilen und Steißlingen zu uns. Dafür fehlen aber viele Großkunden, die früher von uns jeweils zehntausende Liter Most bezogen haben, meist für ihre Schnapsbrennerei. Die meisten dieser Kunden sind gestorben", so Müller.

"Die Mitarbeiter sind als geringfügig Beschäftigte bei der Stadt Tengen angestellt. Die übernimmt auch die Abwicklung der Rechnungsstellung", erklärt Müller. "Die Kunden liefern ihr Obst ab und bekommen dafür den Most gleich mit nach Hause", erläutert er das Konzept, das klassisch die Gemeindemosterei Beuren schon immer so vollzogen hat. Manche private Mostereien und Safthersteller verfahren anders, kaufen beispielsweise auch Obst auf und verrechnen dies mit eigenen Leistungen. "Wir stellen zu jeder Schicht einen erfahren Mann zur Verfügung, die leiten die anderen Kräfte an", so Müller.