Noch am Morgen war der geplante Hubschreibereinsatz gefährdet, da plötzlich heftige Böen über das Mühlbachtal fegten. Außerdem fuhren einige Autofahrer in die Gefahrenzone – obwohl die Zufahrtsstraßen gesperrt waren. So sah sich der zuständige Tengener Revierförster Tobias Müller gezwungen, den Bauhof zu kontaktieren, um diesen zu veranlassen, mit schweren Maschinen die Zufahrtsstraßen komplett zu blockieren, um eine Durchfahrt unmöglich zu machen. Denn was Spezialisten im Tal vorhatten, war eine ebenso spektakuläre wie heikle angelegenheit: Ein Spezialhelikopter sollte ganze Bäume auf dem Luftwege aus dem Tal beziehungsweise aus der Mühlbachschlucht abtransportieren.

Schon am Abend zuvor hatten die Baumkletterteams des beauftragten Spezialunternehmens Rotex aus der Schweiz damit begonnen, die Sicherungsseile und die Sägemarkierungen an den zu fällenden Bäumen anzubringen. Das Unternehmen ist auf alpine, gefährliche Einsätze dieser Art spezialisiert. Wie der Revierförster erläuterte, handelte es sich um fünfundzwanzig Bäume, in erster Linie Eschen, die vom Triebsterben befallen sind, einer Pilzkrankheit, die europaweit seit Jahren diese Baumart dezimiert.

Tengener beobachten aus der Entfernung die spektakuläre Helikopter-Aktion.
Tengener beobachten aus der Entfernung die spektakuläre Helikopter-Aktion. | Bild: Helmut Groß

Da der Pilz nicht nur die Triebe und die Baumkrone, sondern zudem deren Leitungsbahnen befällt, sind auch Stamm und der Wurzelbereich geschädigt, was die bis zu 45 Meter hohen Eschen instabil werden lässt. Ende November letzten Jahres musste deshalb das bei Einheimischen und Touristen beliebte Mühlbachtal bei Tengen komplett gesperrt werden. Denn nach Starkregen und kräftigen Winden waren mehrere Eschen umgedrückt und samt Wurzelwerk aus dem Boden herausgehebelt worden. Damit stellten sie ein großes Gefahrenpotential für den Publikumsverkehr dar.

Endlich, gegen 9 Uhr morgens, wurde es windstill und der spektakuläre Einsatz konnte beginnen. Die Spezialteams erkletterten die zu fällenden Bäume und befestigten schwere Seile mit Haken an den Riesen. Dann flog der Spezialhelikopter mit seinem durch ein schweres Gewicht ins Lot gebrachtem Transportseil genau über den zu fällenden Baum. Das Seil wurde dann am Boden an ein anderes, am Baum befestigtes Seil eingehakt und dann durch den Helikopter so genau auf Spannung gebracht, dass die bis zu zwei Tonnen schweren Baumteile beim Absägen nicht auskeilen oder beim Anheben ins Trudeln geraten konnten. Bei diesen spektakulären Aktionen hielten die Schaulustigen – einige Bürger beobachteten das Spektakel – den Atem an. Nach knapp zweieinhalb Stunden und 50 Lastflügen waren die 25 Bäume aus dem Mühlbachtal entfernt und auf einer nahegelegenen Wiese von einem weiteren Spezialteam direkt zerlegt worden.

Aktion soll Biotop schonen

Tobias Müller und Bürgermeister Marian Schreier, der auch vor Ort war, zeigten sich darüber erleichtert, dass die Aktion ohne Zwischenfälle ablief. Die Entscheidung für den Helikotereinsatz begründete der Revierförster damit, dass nur auf diese Weise die Entfernung der kranken Bäume ohne Beschädigung der Wege und Brücken im engen Tal sowie des Biotops, etwa durch Seilschneisen und Rückegassen, möglich gewesen sei.

Nun regt sich in Tengen die Hoffnung, dass das Mühlbachtal bald wieder für die Naherholung geöffnet werden kann. Marian Schreier kündigte an, dass alles versucht werde, um zu Ostern das Mühlbachtal wieder für den Publikumsverkehr freizugeben.

Spezialeinsatzkräfte aus der Schweiz sind bei der spektakulären Baumfällaktion im engen Mühlbachtal im Einsatz.
Spezialeinsatzkräfte aus der Schweiz sind bei der spektakulären Baumfällaktion im engen Mühlbachtal im Einsatz. | Bild: Helmut Groß

 

 

Beliebtes Wandergebiet

  • Die Mühlbachschlucht: Der Name des Talgebiets, in dem die Eschen entfernt werden mussten, geht auf einen Mühlenbetrieb im Mittelalter zurück. Die Obere Mühle, genannt auch Eselsmühle, konnte die Stadt Tengen vor einigen Jahren kaufen. Dort wurde das Getreide im Mittelalter gemahlen, der Transport war aber nur mit Lasteseln möglich, ein befahrbarer Weg fehlte. Daher redet man noch heute von dem Zugang zur Mühle vom Eselweg. 1708 verlieh der Deutsche Orden die Mühle an mehrere Generationen der Familie Rösch. Das Mühlengebäude ist 1904 abgebrannt. 1976 wurde im Zuge einer Flurbereinigung das Gemäuer renoviert, mit einem alten Mühlrad versehen und die Schlucht des „Alten Baches“ mit Wegen und Brücken erschlossen. Damit erfolgte auch die Namensgebung „Mühlbachschlucht“.
  • Der Wanderweg: Der Mühlbachschlucht-Weg hat einen Höhenunterschied von 65 Metern, die höchste Fallstrecke des Wassers beträgt 13 Meter. Im Lauf der Jahrzehnte wurde dies ein sehr beliebter Ausflugsort.
  • Sperrungen der Schlucht: In den letzten Jahren mussten die Behörden die Schlucht immer wieder sperren. Die Schlucht ist von vielen Eschen bewachsen, die durch das Eschentriebsterben zu einem Sicherheitsrisiko geworden sind.
  • Die Helikopter-Aktion: Wie soll man die kranken Eschen entfernen? Stadtverwaltung und Förster kamen nach Prüfungen zu dem Ergebnis: Technisch und finanziell machbar ist das Fällen und Abtransportieren nur mittels Spezialhelikopter. „Aufgrund des steilen Geländes und der schmalen Straße" seien andere Alternativen, "wie beispielsweise eine Fällung über ein Spezialfahrzeug", verworfen worden, erklärt Tengens Bürgermeister Marian Schreier. Somit sei letztlich der Helikopter-Einsatz die beste Variante gewesen. (hg)