Wer Bäcker wird, backt gerne. Wer Schriftsteller wird, schreibt gerne. Wie ist das denn bei einem Fußballkommentator, Herr Bollenbacher? Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Ich habe schon als Kind in Büßlingen regelmäßig Fußball geschaut und mir die Radio-Konferenzen angehört. Die Kommentatoren haben mich immer fasziniert – der Nervenkitzel, der da zu spüren war. Die erste bewusste Kindheitserinnerung, die mir in dem Zusammenhang einfällt, ist die Europameisterschaft 1996 – Oliver Bierhoff und das Golden Goal. Nach und nach dachte ich mir dann: Das ist ein cooler Job, den die da machen, die Schreihälse im Radio und Fernsehen (lacht). Ich habe mich dann im Internet informiert und bin so auf den Studiengang Sportpublizistik in Tübingen gestoßen. Während meines Studiums habe ich Praktika absolviert, nach meinem Studium ein dreijähriges Volontariat. Heute bin ich Sportberichterstatter für den SWR und die ARD.

Der Fußball hat Sie schon früh begeistert. Sind die anderen Sportarten, über die Sie berichten müssen, ein Übel, das Sie in Kauf nehmen?

Es stimmt, Fußball hat mich in meiner Jugend am meisten interessiert. Ich habe ja auch lange für den SV Büßlingen gespielt. Ich war aber auch im Leichtathletik-Verein und habe Tennis gespielt. Es gibt viele Sportarten, die faszinierend sind. Ich kenne mich nicht unbedingt mit Pferden und Tanzen aus – für alles andere bin ich sehr offen (schmunzelt). Und zum Thema Fußball muss man ehrlicherweise sagen, dass es als Journalist gar nicht mehr so einfach ist, an die Spieler heranzukommen. Bei anderen Sportarten ist alles noch etwas lockerer. Ich war zum Beispiel vor kurzem beim Turnen in Stuttgart und habe dort einen Tag lang einen US-Star begleitet. Das war richtig spannend.

Wie bereiten Sie sich denn auf ihre Einsätze im Stadion vor?

Bei Spielen, die später in der Sportschau ausgestrahlt werden, bekommt man im Vorhinein eine Vorbereitungsmappe. Die werden von Statistikfirmen erstellt und bilden schon mal eine gute Grundlage. Wenn ich keine Mappe bekomme, gehe ich den Kader durch und schreibe mir vom Torwart bis zum Stürmer zu allen Spielern etwas auf. Wie viele Spiele hat der jeweilige Spieler gemacht? Wie viele Tore hat er geschossen? Bei welchen Vereinen hat er gespielt? Ist er dynamisch oder langsam? Schlägt er gute Flanken? Das schreibe ich mir stichwortartig auf und drucke es aus. Sobald die Aufstellung feststeht, notiere ich mir die taktische Ausrichtung. Das alles habe ich dann während des Spiels vor mir liegen. Dazu noch ein, zwei Seiten zu den Vereinen, zur Form der Mannschaften, zu den Trainern. Ich fühle mich immer sicherer, wenn ich gut vorbereitet bin.

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Haben Sie auch schon mal eine Live-Berichterstattung in den Sand gesetzt?

Einen richtigen Bock geschossen, habe ich bis jetzt noch nicht. Bei mir gab's noch kein "Schalke 05" (lacht). Definitiv eine Herausforderung ist aber der Zeitdruck. Am vergangenen Sonntag musste ich zum Beispiel einen vierminütigen Beitrag für die Sportschau um 18.10 Uhr fertig haben. Um 14 Uhr war ich noch vor Ort. Danach bin ich direkt zum Sender gefahren, da haben wir dann geschnitten und getextet. Es war eine ziemlich knappe Nummer, am Ende hat aber alles geklappt. So war es bisher immer. Klar, hat man vielleicht auch mal einen Fehler im Beitrag. Aber das kann unter diesem Zeitdruck vorkommen.

Was zeichnet denn einen guten Kommentator aus?

Man sollte nicht zu steif sein, aber auch nicht Marktschreier-mäßig kommentieren. Eine lockere Linie finde ich okay, so lange man sich nicht zum Clown macht. Die Fakten sollten stimmen und man sollte ein Spiel richtig einschätzen können. Solange das gegeben ist, darf man ruhig unterhaltsam sein, finde ich.

Auch das Trainingslager des SC Freiburg in Andalusien hat Michael Bollenbacher begleitet. Sein persönlicher Höhepunkt: Ein ausführliches Interview mit Trainer Christian Streich.
Auch das Trainingslager des SC Freiburg in Andalusien hat Michael Bollenbacher begleitet. Sein persönlicher Höhepunkt: Ein ausführliches Interview mit Trainer Christian Streich. | Bild: Privat

Schreiben Sie sich im Vorhinein bestimmte Sprüche auf, auf die Sie während des Spiels zurückgreifen?

Da bin ich kein Fan von. Klar, wenn man besonders kuriose Spielernamen liest, kommt man vielleicht in Versuchung, einen entsprechenden Witz raushauen zu wollen. Es sollte aber nicht so sein, dass man sich im Vorhinein bestimmte Sprüche zurechtlegt. Das ist nicht authentisch und die Zuschauer zuhause merken das. Ich finde, man kann sich im Vorfeld Gedanken machen, aber die sollten nicht schon komplett ausformuliert sein bevor der Ball überhaupt rollt.

Über Schiedsrichter sagt man: Er macht seine Arbeit gut, wenn man ihn nicht wahrnimmt. Ist das bei Kommentatoren auch so? Oder bekommen Sie viel Rückmeldung von Zuschauern?

Man bekommt schon Rückmeldung. Gehörig Respekt hatte ich zum Beispiel vor dem Pokalfinale im Frauenhandball. Da gucken ja nur die Kenner der Szene zu, diejenigen, die sich wirklich auskennen. Aber zum Glück waren die Reaktionen sehr positiv. Bisher hat man mir noch nie gesagt: "Wechselt den Kommentator aus, der hat ja gar keinen Plan." Sollte so etwas passieren, darf man das aber nicht zu nah an sich heranlassen. In Zeiten des Internets ist es leider ziemlich leicht geworden, Menschen zu beleidigen. Das hat man bei der WM 2018 erlebt, als die ZDF-Reporterin Claudia Neumann massiv angegangen wurde. Das war schon heftig. Wie auch immer man zu ihr steht: Wenn die Kritik solche Ausmaße annimmt, finde ich das bedenklich.

Sind Sie vor dem Beginn einer Übertragung noch nervös?

Eine gewisse Anspannung ist da. Der Adrenalinspiegel ist höher. Aber ich finde, das gehört auch dazu, wenn man im Stadion vor Ort ist. Man weiß ja nie, was gleich passieren wird und muss immer auf Ballhöhe sein. Aber wenn man eine Weile kommentiert hat, stellt sich im Laufe der Übertragung eine Routine und eine gewisse Sicherheit ein.

Was macht Ihnen denn am meisten und am wenigsten Spaß an Ihrer Arbeit?

Das Live-Kommentieren macht echt Spaß. Was ich außerdem in den letzten Jahren zu schätzen gelernt habe, ist das Erzählen von längeren Geschichten. Zum Beispiel ein drei oder vier Minuten langer Fernsehbeitrag mit Musikuntermalung. Das finde ich mittlerweile mit das Aufregendste. Die Schattenseite meines Berufs ist, dass gerade im Fußball immer mehr reglementiert wird.

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Sei es, dass man mit der Kamera nicht mehr auf bestimmte Szenen halten darf, weil man nicht die entsprechenden Rechte hat. Oder bei den Spielern: Wenn du gerne jemanden interviewen würdest und es dann heißt "er hat keine Lust, geht nicht". Die Vereine erlauben einem heute weniger als früher. Man kommt nicht mehr wirklich an die Spieler heran. Und wenn, dann sagen Profifußballer sowieso alle nur das Gleiche. Man hört ja kaum mal einen flapsigen Spruch. Stattdessen nur noch Floskeln: "Wir müssen von Spiel zu Spiel gucken", "Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft"...

Was war die bisher denkwürdigste Erfahrung, die Sie in Ihrer Zeit als Sportkommentator machen durften?

Was definitiv ein Highlight war – auch wenn die Partie nur 0:0 ausging – ein Spiel im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern zu kommentieren. Das war cool. Was mir auch Spaß gemacht hat, war der "Tag der Amateure" im vergangenen Mai. Villingen hat da in Lahr gegen Linx gespielt. Es ging um den Einzug in die erste Runde des DFB-Pokals. Ich durfte das Spiel als Teil einer größeren deutschlandweiten Konferenzschaltung kommentieren. Man konnte vorher locker mit den Trainern quatschen und hat witzige Sachen über die Spieler erfahren: "Er fährt im echten Leben Gabelstapler und sein Nebenspieler ist Bäcker". Dieses Spiel in einer Mini-Kabine bei 30 Grad zu kommentieren, hat richtig Spaß gemacht. Ich kannte die Spieler zwar vorher nicht, aber dafür gab es umso spannendere und ungewöhnliche Geschichten zu erzählen.

An seinen Einsatz im traditionsreichen Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern erinnert sich der junge Mann gerne zurück.
An seinen Einsatz im traditionsreichen Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern erinnert sich der junge Mann gerne zurück. | Bild: Privat

Sind Sie auch schon mal in Kontakt mit den Stars im Weltfußball gekommen?

Ja, aber auf eine ungewöhnliche Weise. Bei der Fußball-WM 2018 habe ich mich zusammen mit einem Kollegen an der Audiodeskription beteiligt. Wenn man im Fernsehen den Tonkanal umschaltet, kann man diesen Service für Blinde und Sehbehinderte abrufen. Als Kommentator muss man das Spielgeschehen noch genauer beschreiben als im Radio. Man muss das machen, was man als TV-Kommentator eigentlich nicht machen sollte: Bildbeschreibung. Mir hat diese Übung trotzdem sehr geholfen, sowohl was den Wortschatz angeht als auch die Live-Sicherheit. Und die Spiele waren hochkarätig, ich habe sogar ein Viertelfinale kommentieren dürfen.

Ihr Lebensmittelpunkt liegt in Stuttgart, kommen Sie auch noch in die alte Heimat, den Hegau, zurück?

Meine Mutter wohnt mittlerweile in Sipplingen, mein Vater in der Nähe des Schluchsees – beide besuche ich. Und natürlich fahre ich auch ein paar Mal im Jahr in den Hegau, um meine alten Freunde zu treffen. Ein Wermutstropfen ist, dass ich für meinen Beruf oft am Wochenende im Einsatz bin und dafür dann unter der Woche frei habe. Das deckt sich leider nicht so gut mit dem Zeitplan von Freunden und Familie. Deshalb bin ich manchmal ganz dankbar, wenn die Fußballsaison in die Sommerpause geht.