Mit so viel Arbeit hätte Wolfgang Schäfle nicht gerechnet. Weder an diesem Tag, denn das Beringen von drei Jungstörchen kostet ihn einige Anstrengung. Noch grundsätzlich, denn als er mit dem Beringen begann, gab es gerade mal 15 Brutpaare in ganz Baden-Württemberg. Im vergangenen Jahr 2018 wurden 1200 gezählt. Davon leben 89 Brutpaare im Landkreis Konstanz. Ihrem Nachwuchs verhilft der 81-Jährige zu einem Ring nicht um den Finger, sondern um den Fuß. Damit das gelingt, muss er erst einmal in die Höhe: Diese Störche haben sich nicht nur den Garten von Klaus Zepf in Watterdingen ausgesucht, sondern einen Strommast am Eck des Geländes.

Mal hilft die Feuerwehr, mal der Energieversorger

Deshalb braucht Wolfgang Schäfle die Unterstützung des Energieversorgers. Wenn er demnächst in Singen unterwegs ist, werde er die Feuerwehr um Hilfe bitten, sagt er. Doch bei Strom sei die weder zuständig noch Experte, daher ist er an diesem Tag seit 8.30 Uhr mit Dietmar Speck unterwegs. Der Mitarbeiter des Energieversorgers ED Netze ist dafür eigens aus Donaueschingen angerückt. Der Garten in Watterdingen ist ihr letzter Stop, die Tour hielt zuvor in Hilzingen-Duchtlingen und zweimal in Mühlhausen-Ehingen. Nicht immer war der Storchenvater erfolgreich: In Duchtlingen seien die vier Störche schon zu alt gewesen und weggeflogen. Auch die Störche in Klaus Zepfs Garten sind schon sehr munter. „Ich habe gewusst, dass es eng wird.“ Bei der Ringlieferung sei es zu Verzögerungen gekommen, erklärt er, deshalb habe er nicht früher handeln können.

Theoretisch ist so ein Ring schnell umgestülpt.

Praktisch ist das gar nicht so einfach, zwischen Stromkabeln erst das Nest und dann ein Tier zu erreichen.

„Stochenvater“ Wolfgang Schäfle beringt drei Störche in Tengen-Watterdingen, die sich im Garten von Klaus Zepf niedergelassen haben.
„Stochenvater“ Wolfgang Schäfle beringt drei Störche in Tengen-Watterdingen, die sich im Garten von Klaus Zepf niedergelassen haben. | Bild: Tesche, Sabine

Es knackt, als der Korb der Hebebühne immer näher kommt. Es ruckelt, als Dietmar Speck noch ein wenig höher steuert. Und die Tiere flattern mit den Flügeln, wenn sie Schäfles Griff entgangen sind. Angst, dass ein Jungtier aus dem Nest fällt, habe er nicht: „Nein, die können sicher schon fliegen“, sagt der Storchenvater. „Ich will ja nur das Beste für meine Lieblinge“, ergänzt er und zeigt auf seinen Spazierstock, den er zur Beringungs-Hilfe umfunktioniert hat. Der Bogen sei ideal, um unter den Körper eines Tieres zu fassen, ohne es zu verletzen. Damit zieht er einen Storch zu sich, bevor er ihm ein Handtuch über den Kopf legt und nach dem schmalen langen Bein fasst, um den Ring umzulegen.

Video: Arndt, Isabelle

Die Rundung des Spazierstocks hat er dafür zusätzlich gepolstert. „Der ist noch keine 36 Jahre im Einsatz, so wie ich, aber fast“, sagt Schäfle und lacht.

Wolfgang Schäfle mit seinem Spazierstock, den er umfunktioniert hat.
Wolfgang Schäfle mit seinem Spazierstock, den er umfunktioniert hat. | Bild: Tesche, Sabine

Klaus Zepf beobachtet das Geschehen vom Boden aus, er steht mit zusammengekniffenen Augen unter seinem Apfelbaum. Um ihn haben sich Nachbarn und Freunde versammelt, denn die Beringung ist in Watterdingen zum Storchenfest geworden. Der Grill ist angeheizt und je länger das Beringen dauert, desto mehr riecht es nach Grillkohle. Seit 2013 lassen sich hier Störche nieder, doch der erste Nachwuchs habe leider nicht überlebt. In diesem Jahr ging es den Störchen im Hegau deutlich besser als etwa in Salem, wo einige Jungtiere wegen langanhaltendem Regen und Kälte gestorben sind.

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„Das ist spannender als ein Krimi, was da passiert“, sagt Zepf. Wenn Störche sich um ein Nest zanken, können sie mit ihrem Schnabel ganz schön austeilen. „Der Schnabel ist ihre Waffe“, bestätigt Schäfle. Am besten sieht der Hausherr solche Szenen von seinem Wintergarten aus – er habe extra die Bäume im Garten so geschnitten, dass er einen idealen Blick aufs Storchennest hat.

Die Storchenberingung wird zum Storchenfest mit Nachbarn und Freunden.
Die Storchenberingung wird zum Storchenfest mit Nachbarn und Freunden. | Bild: Tesche, Sabine

Warum Störche heutzutage überhaupt noch beringt werden

„Es gibt keinen Vogel, der so gut erforscht ist, wie der Storch„, bestätigt Wolfgang Schäfle. Doch es gebe immer noch so viel zu erfahren. Eine Beringung sei auch deshalb wichtig, „weil unberingte Vögel sind anonyme Vögel“. Schäfle schildert den Fall eines jüngst verunglückten Storchs, der gegen eine Laterne prallte. Wenn das Tier dabei gestorben wäre, würde ein Versorger des Nachwuchses fehlen und Vogelschützer sollten eventuell zufüttern. Da helfe es, die Herkunft des Tieres zu kennen. Die ist übrigens für jeden offenkundig: A5N62 steht zum Beispiel an so einem Ring aus Kunststoff, daneben ist DER eingraviert. DER steht für Deutschland und Radolfzell, dort ist eine von drei Beringungsstationen in ganz Deutschland. Die Ringnummer ist individuell und wird von Wolfgang Schäfle direkt in ein Büchlein eingetragen. Sie wird für immer untrennbar mit dem Tier verbunden sein und zeigt: A5N62 stammt aus dem Hegau.

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