Ein Festzelt, dessen Planen wegen eines heftigen Unwetters zweimal durch die Luft flogen und fast einen deutsch-schweizerischen Staatsakt verhinderte. Ein Schaffhauser Großratspräsident, der sein Redemanuskript im Matsch verlor und nicht mehr fand. Die Umstände für ein ohnehin schon kurioses Grenzereignis in einer Exklave von Wiechs am Randen heute vor 50 Jahren hätten nicht spektakulärer und widriger sein können. An einem Ort, in dessen Nähe heute die drei einzigen Windkraft-Anlagen im Landkreis Konstanz stehen, auf Verenafohren.

Die Verenahöfe in Büttenhardt sehen heute fast noch genauso aus, wie vor 50 Jahren, als sie noch zu Wiechs gehörten.
Die Verenahöfe in Büttenhardt sehen heute fast noch genauso aus, wie vor 50 Jahren, als sie noch zu Wiechs gehörten. | Bild: Albert Bittlingmaier

Es ging um einen staatstragenden deutsch-schweizerischen Gebietsabtausch der Verenahöfe, die bis 1967 eine Exklave von Wiechs am Randen waren. Von deutschem Gebiet trennte sie ein etwa 300 Meter breiter Streifen Schweizer Territoriums. Die Höfe mit drei Gebäuden, in denen Familien wohnten, befinden sich heute wie damals am Ortsrand der schweizerischen Gemeinde Büttenhardt, im direkten Anschluss an die anderen Häuser. Die 24 Bewohner hatten als Auslandschweizer aber nicht dieselben Rechte wie ihre Mitbürger, und sie sollten sogar im gut fünf Kilometer entfernten Wiechs in die Schule gehen, was sie allerdings nie taten. Durch einen 1964 abgeschlossenen Staatsvertrag zwischen Deutschland und der Schweiz, der am 4. Oktober 1967 in Kraft trat, gelangte die 43 Hektar große Fläche der Verenahöfe im Zuge des Gebietsaustauschs an die Schweiz. Heute gehören die Höfe und das umliegende Areal zu Büttenhardt.

Das Ereignis selbst, aber vor allem die Begleitumstände, sorgten schon lange für überregionale Schlagzeilen, bevor dies Wiechs durch einen Sportplatz mit der Außenlinie als Grenze tat. Direkt unter einem großen Zeitungsartikel über das amerikanisch-russische Wettrüsten um Raumfahrten zum Mond berichtete der SÜDKURIER auf einer Seite zum Weltgeschehen groß über den irdischen Grenzfall. "Wegen des Dauerregens und Sturms hat die deutsch-schweizerische Delegation den Vertrag in Schulhaus von Wiechs am Randen unterzeichnet. "Es bot sich schon ein ungewöhnliches Bild, als die Männer auf den kleinen Stühlen der Drittklässler saßen", schildert Klaus Schultheiß. Der frühere Ortsvorsteher befasst sich gerne mit solchen besonderen grenzüberschreitenden Anekdoten von Wiechs. Schultheiß und der Schreiber dieser Zeilen frösteln heute noch, wenn sie daran denken, bei welchem Sauwetter sie als Teil der Schüler von Wiechs zu den Verenahöfen aufbrachen, um den Festakt zu erleben.

Direkt unter einem Artikel über die Raumfahrt-Aufrüstung der Supermächte Amerika und Russland berichtete der SÜDKURIER über den spektakulären Staatsakt.
Direkt unter einem Artikel über die Raumfahrt-Aufrüstung der Supermächte Amerika und Russland berichtete der SÜDKURIER über den spektakulären Staatsakt. | Bild: Albert Bittlingmaier

Als die hohen Herren das Schulhaus verlassen wollte, teilten Boten mit, dass das Unwetter noch immer tobe und das Festzelt durch die Luft geflogen sei. Und die Sorge des damaligen Bürgermeisters von Wiechs am Randen, Hugo Schultheiß, dass "der Teufel in d'Supp' nei spuckt" wurde bestätigt. "Schon auf dem Weg zu den Verenahöfen kehrte der Konvoi wieder um und tröstete sich in einem Dorfgasthaus mit Freischnaps", berichtete der SÜDKURIER. Trotz aller Unbill des Wetters befand der Büttenhardter Gemeindepräsident Hans Muhl: "Düs kann noch übbes gebe, aber die Dütsche sollet kumme". Die Dütsche kamen. Und die Eidgenossen hatten das Zelt wieder aufgestellt. Zum Beschweren der Zeltplanen mussten ein paar Schweizer auf das Dach sitzen, damit der Staatsvertrag im Trockenen abgewickelt werden konnte.

Das machte aber noch etwas Schwierigkeiten. Während der Schaffhauser Großratspräsident Ernst Steiert, der die Begrüßung halten wollte, verschwunden war, weil er sein Redemanuskript nicht mehr fand, hatte es sich die Schweizer Delegation inzwischen in einem Jagdhaus gemütlich gemacht. Die verwirrten deutschen Kollegen konnten sie zunächst nicht finden. Im Festzelt wurden dann die Ansprachen über das Megaphon eines Kriminalbeamten gehalten, weil das Unwetter die Mikrofon-Anlage lahmgelegt hatte. Der Schweizer Minister Bindschelder bedauerte sogar, dass die zehnjährigen Verhandlungen um den Gebietsabtausch ein Ende hatten. "In dieser Zeit habe ich alle badischen Weinsorten kennengelernt. Und es gab sogar eine Hochzeit unter Delegationsmitgliedern", so Bindschelder. "Das Ganze ist eben eine feine Sache", brachte es der südbadische Regierungspräsident Anton Dichtel auf den Punkt.

Das Zeitungsbild zeigt, wie ein Mann auf dem Dach des Festzeltes verhindern will, dass sich die Planen in Luft auflösen. Zweimal flog das Zelt buchstäblich davon.
Das Zeitungsbild zeigt, wie ein Mann auf dem Dach des Festzeltes verhindern will, dass sich die Planen in Luft auflösen. Zweimal flog das Zelt buchstäblich davon. | Bild: Albert Bittlingmaier

"Im Nachhinein fühlten sich die Vertreter von Wiechs doch ziemlich von den Schweizern überfahren. Die deutsche Seite erhielt als Ersatz für das Gebiet um die Verenahöfe weitestgehend unbewirtschaftbares Land, wie fast unzugängliche Hanglagen in der Nähe von Merishausen. Die Fahnen wurden 1992 bei der Feier zum 25. Jahrestag des Gebietsabtausches in Wiechs aber nicht auf Halbmast gesetzt. Und in Büttenhardt gab es auch kein Freudenfest", blickt Klaus Schultheiß zurück. Durch einen resultierenden weiteren Gebietsabtausch wurde im deutschen Weiler Schlauch die Grenze so versetzt, dass die Nationalstraße auf Schweizer Seite gebaut werden konnte", so Schultheiß. Das erst habe ergeben, dass die Seitenauslinie des Spotplatzes Schlauch, wo 1979 der offizielle Spielbetrieb aufgenommen wurde, die Grenze bildete. "Ein Kuriosum ging – die Exklave Verenahöfe – ein anderes kam", beschreibt Schultheiß.

Besonderheiten und Kuriositäten der deutsch-schweizerischen Grenzbeziehungen

  • Der Kauf: Im Jahre 1522 kauften Kaiser Karl V. und dessen Bruder Erzherzog Ferdinand von Österreich den Verenahof zusammen mit anderen Territorien im näheren Umkreis (Tengen, Kommingen, Wiechs am Randen und andere) von Graf Christoph von Nellenburg-Tengen. Dieser wollte ausdrücklich diese Besitzungen nicht an Schaffhausen verkaufen, weil er sich von den Schaffhausern schlecht behandelt fühlte.
  • Der Streit: Im 17. und 18. Jahrhundert gab es zwischen Tengen und dem Kanton Schaffhausen immer wieder Streit um die Zufahrtswege und die genaue Grenzziehung. Die Bewohner der Verenahöfe waren zu dieser Zeit katholisch, die Einwohner von Büttenhardt jedoch protestantisch. An katholischen Feiertagen verweigerten die Hofbewohner der Verenahöfe den Einwohnern von Büttenhardt das Durchfahrtsrecht.
  • Die Rechte: 1806 fielen deren Souveränitätsrechte an Baden, sodass die Verenahöfe zur badischen Exklave innerhalb des Schweizer Kantons Schaffhausen wurden. 1815 und 1839 scheiterten Schweizer Versuche, den Verenahof zu erlangen.
  • Die Protestanten: 1855 waren die Bewohner der Verenahöfe auch protestantisch wie ihre Büttenhardter Nachbarn, sie waren die kleine protestantische Minderheit innerhalb der ansonsten vollkommen katholischen Gemeinde Wiechs am Randen.
  • Die Integrationsversuche: In den 1920er Jahren gab es Versuche, die Verenahöfe in die Schweiz zu integrieren, aber das badische Ministerium des Innern lehnte dies immer wieder ab. In den 1930er Jahren wurden zahlreiche Grenzsteine um die Exklave herum neu gesetzt.
  • Die Soldaten: Am 30. April 1945 gelang es vier deutschen Offizieren, sich auf das Exklavengebiet zu begeben. Da die Polizeigewalt auf dem Territorium vertraglich jedoch der Schweiz zustand, wurden sie von dort verwiesen.
  • Die Grenzsteine: In Wiechs am Randen stehen beim Rathaus einige Grenzsteine, die durch den Gebiets­tausch 1967 entlang der alten Hauptgrenze überflüssig geworden sind. In Büttenhardt sind vor dem Gemeindehaus einige alte Grenzsteine aus den 1930er Jahren, die rund um die Exklave standen, als Andenken zur Umrahmung einer Buschbepflanzung verwendet worden.
  • Die Exklave: Die Gemeinde Büsingen, ebenfalls einst vorderösterreichischer Besitz, liegt bis heute als Exklave in der Schweiz. Trotz mehrere Anläufe gelang eine Gebietsbereinigung nicht. Auch nicht bei den zwischenstaatlichen Verhandlungen vor 50 Jahren.
  • Der Staatsvertrag: Für Büsingen endeten die schwierigen Gespräche in der Unterzeichnung eines Staatsvertrages, der die Lebensumstände der Büsinger regeln sollte. Die deutsche Gemeinde Büsingen wurde rechtlich dem Schweizer Wirtschaftsraum zugewiesen.
  • Der Festakt: An das Jubiläum des Staatsvertrags wird in Büsingen mit einem Festakt und einer Fotoausstellung erinnert. Die historischen Aufnahmen werden von Sonntag, 8. Oktober, bis 29. Dezember im Bürgersaal gezeigt. Am Samstag, 18. November, lädt die Gemeinde ab 18 Uhr zum Galaabend in die Büsinger Exklavenhalle. (bit/bie)