Tengen – Einen Ort zum Heilen, Werken, Gärtnern, Wohnen und Lernen – wenn es nach den Mitgliedern der Körberlbach GmbH geht, dann soll das alles auf dem Gelände rund um die Mittlere Mühle in Tengen Realität werden. Sie planen das Gebäude bereits im Sommer zu kaufen und in ein solidarisches Wohnprojekt zu verwandeln. „Was uns verbindet, ist der Gemeinschaftssinn. Wir wollen weg von dem Individualismus, der vor allem in den Großstädten herrscht“, sagt Henriette Rauh, Erzieherin und Naturpädagogin aus Konstanz.

Gemeinsam mit den anderen Gründern der GmbH, die aus Sebastian Graf, Heilpraktiker aus Konstanz, Markus Kastning, Physiotherapeut und Holzwerker aus Konstanz, der Gottmadinger Ergotherapeutin Ingeborg Thöne, Mediengestalterin Michaela Peternell aus Bodman, der Wellness-Expertin Sandra Heinzelmann aus Gottmadingen, Marek Jazdzewski, der als Erzieher in Radolfzell arbeitet, dem Kraftfahrer Florian Gleisner und der Demeter-Gärtnerin und Gesundheitspädagogin Aline Schönweger, die aus Südtirol stammt, besteht, wollen sie das Haus samt vier Hektar Land kaufen und anschließend an sich selbst vermieten. Mit der Miete sollen dann die Darlehen der Bank sowie etwaiger Privatinvestoren getilgt werden. Dieses Konzept stammt vom Verbund Mietshäuser Syndikat, welches selbstorganisierte Hausprojekte berät, beim Kauf unterstützt und als Partner in den Kauf mit einsteigt. „Das Haus gehört dann im Prinzip der GmbH und dem Mietshäuser Syndikat“, erklärt Henriette Rauh. So sei gewährleistet, dass das Gebäude auch zukünftig der Solidargemeinschaft zur Verfügung steht. Heißt: Wenn einer der Mieter irgendwann ausziehen will, kann jemand Neues sich der Gemeinschaft anschließen.

„Und die Liste der Interessenten ist lang“, wie Sebastian Graf berichtet. In ganz Deutschland wurden bereits mehr als hundert Projekte dieser Art realisiert. Die Hausgemeinschaften sind alle autonom. Verbunden sind sie lediglich durch das Syndikat.

In der Mittleren Mühle befinden sich insgesamt sechs Wohnungen sowie Gewerberäume im Erdgeschoss und eine Scheune. Durch den Ausbau des Dachgeschosses soll weiterer Wohnraum geschaffen werden. Die Pläne der Gruppe für Haus und Land sind schon sehr konkret. In den Gewerberäumen möchte Graf eine Zweigstelle seiner Heilpraktiker-Praxis in Konstanz einrichten. In die Wohnungen wollen sie einziehen und sich eine davon als große Gemeinschaftswohnung, die von allen benutzt werden kann, ausbauen. „Jeder soll seinen Raum haben, in den er sich zurückziehen kann. Aber genauso soll es Platz geben, um mit anderen zusammen sein zu können“, erklärt Graf. Die benachbarte Scheune möchte die Gruppe zu einem Seminar- und Veranstaltungsraum ausbauen. Ebenfalls sind Hoffeste, Ausstellungen, Konzerte, Workshops und Begegnungen geplant. „Wir sind keine Einsiedler, wir wollen Teil der Gemeinschaft in Tengen werden“, betont Graf.

Das Gelände um die Mühle möchten die Syndikats-Mitglieder bewirtschaften. Ein Demeter-Garten nach dem Konzept einer Solidarischen Landwirtschaft wäre allen Beteiligten am liebsten. Mehrere Privatpersonen – ob jetzt Teil des Wohnprojektes oder aus der Region, sei egal – tragen im Rahmen eines Vereins die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs. Im Gegenzug erhalten sie einen Teil der Ernte aus dem Garten. „Von den Mitgliedsbeiträgen würden wir gerne eine fair finanzierte Gärtnerstelle schaffen“, sagt Henriette Rauh. Auch hier sei das Interesse in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis bereits groß, sagt sie.

Keiner solle an diesem Wohnprojekt verdienen, betonen alle unisono. Da alle Mitglieder der Gruppe auch weiterhin ihrer Arbeit nachgehen wollen, seien die Mieteinnahmen sicher. Für den Kauf und die Sanierung haben sie insgesamt 495¦500 Euro veranschlagt. Für die Gründung der Körbelbach GmbH haben sowohl die neun Mitglieder gemeinsam als auch das Mietshäuser Syndikat jeweils 12¦600 Euro zusammengelegt. Ein Großteil der Finanzierung erfolgt über einen Kredit bei der Bank und über Privatinvestoren, die die Gruppe noch immer dringend sucht. „Wir sind aber sehr zuversichtlich, bereits im August einziehen zu können“, sagt Henriette Rauh.

Weitere Informationen im Internet:www.mittleremuehle.wordpress.com

Zur Geschichte

Die Mittlere Mühle in Tengen tritt zum ersten Mal 1438 urkundlich auf. Sie wechselte öfter Pächter und Besitzer, je nach dem unter welche Herrschaft Tengen fiel. Vor allem wegen des Mahlzwangs, den viele Fürsten und Kaiser Bauern auferlegten, war sie Mittelpunkt vieler Streitereien. Bauern aus dem Umkreis mussten unter Strafandrohung ihr Getreide in der Mühle mahlen lassen. 1806 kam sie mit der gefürsteten Grafschaft Tengen an das Großherzogtum Baden. Bis 1822 war sie eine sogenannte Bannmühle, dann fiel der Mühlenzwang. Ab 1843 war die Mühle in Privatbesitz. 1936 brannte sie ab und wurde neu aufgebaut. Bis 1957 betrieb die Familie Keller die Mühle, dann wurde diese stillgelegt. Die Wohneinheiten entstanden in den 60er- bis 70er-Jahren. Bis vor Kurzem war die Mittlere Mühle bewohnt. (ans)

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