Die Corona-Krise wirbelt das Leben seit einigen Wochen kräftig durcheinander – auch für Familien mit Schul- oder Kindergartenkindern. Seit drei Wochen ist für sie nichts mehr, wie es mal war. Unterricht und Betreuung finden zu Hause statt. Für Eltern, Kinder, Lehrer und Schulleiter ist das eine große Herausforderung. Erfahrungen nach drei Wochen Unterricht zu Hause:

Was Familien sagen

Die beiden Töchter von Regina und Tobias Turri aus Herdwangen gehen in die Grundschule in Stockach-Winterspüren und ins Stockacher Nellenburg-Gymnasium. Die Kommunikation mit den Schulen funktioniere gut. Ihre Töchter Patrizia, zehn Jahre, und Sabrina, elf Jahre, würden die Aufgaben auch problemlos abarbeiten. Zudem habe die Familie das Glück, dass die Eltern ihre Arbeit ins Home Office verlegen können. So seien sie zur Stelle, wenn es Fragen gebe. „Wenn diese Sorge, die einem die Entwicklung des Virus macht, nicht wäre, würden wir das Ganze als eine geschenkte, freie Zeit mit der gesamten Familie sehen“, so die Eltern. Doch für die Turris ist auch klar: Unterricht zu Hause kann kein Ersatz für reguläre Schule sein.

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So sieht es auch Jörg Dieterich, der drei Kinder hat. Die beiden Söhne besuchen das Nellenburg-Gymnasium, die Tochter die Stockacher Grundschule. In seinen Augen ist der Unterricht zu Hause „in der aktuellen Situation der beste Notnagel, den wir haben, um ein Minimum an Arbeitseinstellung und Lernbereitschaft aufrecht zu erhalten.“ Doch der persönliche Kontakt zu Mitschülern und Lehrern fehle, was die Hauptmotivation für die Schüler sei. Und bei jüngeren Schülern sei es mit der Selbstdisziplin noch schwierig.

Joris und Rahel Götzeler, die in die achte und neunte Klasse der Waldorfschule in Wahlwies gehen, wissen zu schätzen, dass man sich Zeit und Aufgaben im Homeschooling selber einteilen kann. Und der Unterricht über die Lernplattform, die die Schule nutzt, funktioniere gut, berichtet Rahel im aktuellen Rundbrief der Schule. Die jüngeren Geschwister Liron, dritte Klasse, und Levin, fünfte Klasse, berichten aber auch von Tücken der Technik. Und Liron findet es blöd, dass sie sich nicht mit Freundinnen treffen kann.

Die Kinder Levin, Joris, Rahel und Liron Götzeler (von links) bei der Schularbeit am heimischen Esstisch. Sie besuchen die Waldorfschule im Stockacher Ortsteil Wahlwies.
Die Kinder Levin, Joris, Rahel und Liron Götzeler (von links) bei der Schularbeit am heimischen Esstisch. Sie besuchen die Waldorfschule im Stockacher Ortsteil Wahlwies. | Bild: Familie Götzeler

Alexandra Schwab-Strauß aus Stockach betont die Herausforderung für die Eltern: „Am Morgen bin ich als Lehrerin und Erzieherin tätig. Daneben läuft der Haushalt. Vormittags wird gespielt, gebastelt, gewaschen und gekocht, Hausaufgaben werden kontrolliert. Am Nachmittag gehen wir raus. Zur Stärkung des Immunsystems wird im Garten gearbeitet oder ein Spaziergang unternommen“, schreibt sie. Und gibt freimütig zu, dass ihre drei Kinder auch Regeln auf die Probe stellen.

Erfahrungen von Lehrern

Unter Lehrkräften hat die Schulschließung eine Welle an Versuchen und Tests ausgelöst. Manche Lehrer starten einen Kanal auf einer Videoplattform, um mit den Schülern in Kontakt zu bleiben. Stefan Gräsle, Musiklehrer am Nellenburg-Gymnasium, nutzt ein Videokonferenz-Programm, um seine Oberstufenschüler zu unterrichten. Und Sebastian Fritz, der am Berufsschulzentrum (BSZ) auch am Medienentwicklungsplan arbeitet, berichtet, dass das BSZ durch das Tablet-Projekt schon Erfahrung mit digitalen Plattformen hatte.

Die Schule nutze ebenfalls eine Lernplattform sowie eine Schul-Cloud. Für seine Schüler im Wirtschaftsgymnasium habe er Lernvideos gemacht, indem er auf einem Tablet-Rechner eine Art Tafelbild entworfen und das gleichzeitig kommentiert habe. Und es gebe auch Lehrer, die Stunden per Videokonferenz halten. Fritz ist auch Klassenlehrer von Berufsschülern. Bei ihnen, die in einem Betrieb zur Ausbildung sind, seien Videokonferenzen wegen der Zeitplanung schwierig.

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Beide Lehrer sind sich einig, dass der Zeitaufwand höher sei. Ein Video von einem Musikstück zu erstellen, dauere viel länger, als es im Unterricht vorzuspielen, sagt etwa Gräsle. Und Sebastian Fritz erklärt, dass vor allem zu Beginn des Homeschooling viele rechtliche Dinge, etwa zum Datenschutz, zu klären gewesen seien. Michaela Schäfer, die an der Wahlwieser Waldorfschule Biologie und Chemie unterrichtet, hat mit ihren Schülern ebenfalls über eine Lernplattform gearbeitet, die die Schule rasch eingeführt habe. Ihr Eindruck sei, dass man Schüler teilweise enger habe betreuen können, weil der Kontakt auch eins zu eins gelaufen sei. Schäfer ist auch Abitursbeauftragte ihrer Schule. Die Verschiebung der Prüfungen begrüßt sie: „Den eigentlichen Termin hätte man nicht einhalten können“.

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Die Position der Schulleiter

In diesem Punkt sind sich die Schulleiter im Raum Stockach einig: Alle begrüßen, dass die Abschlussprüfungen später beginnen (siehe Text unten). Weil Bewerbungsfristen für Ausbildung und Studium einzuhalten sind, könne man diese nicht noch weiter verschieben, heißt es beim Kultusministerium. Die 44 Abiturienten am Wirtschaftsgymnasium hätten auf jeden Fall die Chance, sich gut vorzubereiten, sagt BSZ-Leiterin Claudia Heitzer. Ganz allgemein werde die Notengebung allerdings schwierig, wenn nach Ostern weiter kein normaler Unterricht stattfinden könne. Denn über den Stoff aus dem Homeschooling dürfe nicht ohne weiteres eine Arbeit geschrieben werden.

„Man sieht, was man künftig braucht.“ Holger Seitz, Leiter des Nellenburg-Gymnasiums, zum Schub bei der Digitalisierung durch die Schließung der Schulen
„Man sieht, was man künftig braucht.“ Holger Seitz, Leiter des Nellenburg-Gymnasiums, zum Schub bei der Digitalisierung durch die Schließung der Schulen | Bild: Freißmann, Stephan

Für Beate Clot, Leiterin des Schulverbunds Nellenburg, ging es auch nicht zuerst um Benotung, sondern darum, im Stoff weiterzukommen. An ihrer Schule habe man dazu viel mit Videokonferenzen gearbeitet, wobei zuerst die älteren Schüler so unterrichtet wurden. Teilweise hätten Lehrer aber auch Material per Post verschickt. Apps und Erklärvideos gehörten auch hier zum Repertoire, ebenso wie in der Eigeltinger Gemeinschaftsschule. In der Abschlussklasse seien Mathe-Aufgaben im Video vorgerechnet worden, sagt Schulleiter Michael Wernersbach. Das habe den Lehrern wesentlich mehr Arbeit gemacht. Auf Erfahrungen mit digitalen Lernplattformen konnte man auch hier zurückgreifen. Und: Die Rückmeldungen seien positiv, sagt Wernersbach.

„Aus der Not heraus haben wir einen großer Mehrwert erzielt.“ Michael Wernersbach, Leiter der Eigeltinger Grund- und Gemeinschaftsschule, zum Ausbau des digitalen Lernens während der Schulschließung
„Aus der Not heraus haben wir einen großer Mehrwert erzielt.“ Michael Wernersbach, Leiter der Eigeltinger Grund- und Gemeinschaftsschule, zum Ausbau des digitalen Lernens während der Schulschließung | Bild: Susanne Schön

In Sachen Digitalisierung sei die Schließung sogar eine Hilfe gewesen, hört man von Schulleitern auch – gewissermaßen als Nebenprodukt. Holger Seitz, Leiter des Nellenburg-Gymnasiums, sagt, man habe viel ausprobiert und gelernt. Unter anderem habe die Schule einen eigenen Messenger und eine eigene Cloud eingerichtet. Der Vorteil aus seiner Sicht: „Man sieht, was man künftig braucht.“ Und: Die Schule müsse nach der Wiederöffnung vor allem Unterstützung für die Schüler bieten, die von zu Hause aus benachteiligt seien. Auch Claudia Heitzer vom BSZ hofft, dass im Ministerium nun ankomme, dass man bei der Digitalisierung Gas geben müsse. Beate Clot spricht von einem Quantensprung bei der Digitalisierung. Und Michael Wernersbach meint: „Aus der Not heraus haben wir einen großer Mehrwert erzielt.“