Was braucht man, um alles hinter sich zu lassen, seinen Job zu kündigen und im Ausland noch einmal ganz neu anzufangen? Braucht es Mut? „Nein, Abenteuerlust“, sagt Hanspeter Wibbelt und stellt sein Fahrrad ab. Als er zuletzt Abenteuerluft riechen wollte, ging der ehemalige Grünen-Stadtrat und Bäcker der Kinderdorf-Bäckerei für zwei Jahre nach Dubai in die Vereinigten Emirate.

Hanspeter Wibbelt und sein Rad

Seit drei Monaten ist er wieder zurück in Stockach und will dem SÜDKURIER seine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die das Thema Rad gleich mehrere Male streift. Denn: Hanspeter Wibbelt und sein Bike gehören einfach zusammen.

Hanspeter Wibbelt bei seinem Besuch in der Stockacher Redaktion des SÜDKURIERS.
Hanspeter Wibbelt bei seinem Besuch in der Stockacher Redaktion des SÜDKURIERS. | Bild: Singler, Julian

So ist da die Anekdote, dass er bei einem seiner ersten Flüge nach Dubai, vor vier Jahren, 23 Kilo Gepäck mitnehmen durfte. Und allein 18 davon waren sein Fahrrad mitsamt Ausrüstung. Mit dem Rest an Gepäck musste er eben sparsam sein. Doch: „Das Wichtigste war ja dabei“, sagt Wibbelt.

Und so sind da die vielen kleinen Geschichten, die der Bäcker aus den Emiraten erzählt. Geschichten von Mountainbike-Touren – mitten in der Wüste. Und Geschichten über den chaotischen, ja fast unberechenbaren Verkehr in der Metropole. Wo er niemals Rad fahren würde. Zu gefährlich, sagt er. Zu waghalsig.

Die Wüste empfindet Hanspeter Wibbelt nicht als wüst. Er sagt: „Sie ist schön fürs Auge.“
Die Wüste empfindet Hanspeter Wibbelt nicht als wüst. Er sagt: „Sie ist schön fürs Auge.“ | Bild: Wibbelt

Losgegangen ist alles mit einer Anzeige in einer Zeitung. „Bäckermeister in Dubai gesucht“. Seine Frau hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, ihn mehrmals angestupst. Und auch in Wibbelts Kopf war bald nur noch Platz für einen Gedanken. „Du warst 28 Jahre in der Kinderdorf-Bäckerei“, sagte er sich. „Die Kinder sind aus dem Haus. Eigentlich könntest du jetzt noch einmal was wagen.“

Und weil Hanspeter Wibbelt nicht lange fackelt, ging er erst zwischen Weihnachten und Neujahr 2017, dann 2018 für neun Monate und schließlich 2019 für zwei Jahre nach Dubai. Um dort als Senior-Manager in einer Biobäckerei zu arbeiten. Sie neu auszurichten. Wibbelt war nämlich für die Produktentwicklung zuständig. Und das in einem internationalen Team aus Indern, Nepalesen, Philippinen, Deutschen und Arabern.

Hässlich, schönes Dubai

Was er in all den Jahren erlebt habe? „Viel zu viel, um es erzählen“, sagt Wibbelt, halb scherzend, halb ernst gemeint. Denn schnell wird klar: Um in Erinnerungen zu schwelgen braucht es Zeit. Und die ist im Alltag nur selten zu finden. Wer sich die Zeit aber nimmt, dem wird Wibbelt von seinen Streifzügen durch Abu Dhabi und Oman erzählen.

Er wird einem erzählen, wie schön Oman liegt – umfasst von Wüsten, Oasen und entlang des Persischen Golfs, dass Abu Dhabi städtebaulich kleine Wow-Effekte setzt. Am schönste sei dort die Scheich-Zayid-Moschee, sagt Wibbelt.

Die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi.
Die Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi. | Bild: Wibbelt

Und er wird einem erzählen, wie er in Al Qudra mit dem Moutainbike durch die Wüste radelte – die er kein bisschen als wüst empfindet. „Diese Stille“, sagt 62-Jährige. Und lächelt. „In der Wüste ist es absolut still. Fürs Auge ist sie schön anzusehen – und kurioser Weise hast du überall Internet.“ Sich in Zeiten von Google Maps in der Wüste zu verirren, sei also völlig ausgeschlossen.

„So viel blinky, blinky“

Und doch wird Hanspeter Wibbelt einem auch sagen, dass Dubai eine eigenartige, fast schon abschreckende Stadt sei. „Weil du erlebst, wie die Service-, und Reinigungskräfte, die Bauarbeiter und Aushilfen, morgens wie Ameisen aus ihren Wohncamps in die Stadt gekarrt werden, um für einen Hungerslohn von 200 Euro monatlich zu arbeiten, während überall in der Stadt der Reichtum zur Schau gestellt wird“, sagt Wibbelt. „So viel blinky, blinky!“

Der Blick von oben auf Dubai.
Der Blick von oben auf Dubai. | Bild: Wibbelt

Und so viel Abzockerei. Und alles nur wegen dem schönen Schein. Dabei ist Wibbelt oft gereist und hat sich auf andere Lebensweisen eingelassen. Aber an Dubai kann er sich nicht gewöhnen. „Auch nach all den Jahren nicht.“

Das Abenteuer suchte er früh

Ein Abenteurer war er schon immer. Mit 20 hat Wibbelt monatelang am Muncho Lake nahe der Rocky Mountains in Kanada gearbeitet, stand morgens in der Backstube, mitten im Nirgendwo, dort am Highway, wo auf 120 Meilen (190 Kilometern) verstreut nur 23 Einwohner lebten – und flog mittags oder an freien Tagen mit dem Wasserflug durchs Hinterland, um die Forellen aus dem See zu fischen.

Und vor zwölf Jahren baute er in Malaysia „Hanspeters Café“ mit auf, lebte und arbeite für eine Weile in Asien. Als er das erzählt, klingt er wie einer der nicht lange fackelt, der sich mit Kleinigkeiten nicht aufhält, sondern handelt. Der so ein Café auch mal mit June, seiner asiatischen Kollegin, aus dem Nichts aus dem Boden stampft.

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Was er von seinen Reisen mitnehme? Wibbelt dreht nachdenklich den Kopf. „Es ist schade, da ist man sein halbes Leben Bäcker, hat sich beigebracht, wie man ursprünglich backt ohne Fertigprodukte und Zusatzstoffe. Und da hat man manchmal das Gefühl, dass dieses Wissen verloren geht.“

„Die Leute wollen lernen“

Die Momente, in denen sich wirklich jemand dafür interessierte, hätten sich darum tief in sein Herz eingebrannt. „Das war in Dubai so, das war in Asien so. Die Leute wollte lernen“, sagt Wibbelt. Und auch er habe etwas gelernt – in Asien etwa achtsamer mit sich selbst zu sein.

Dubai: Von Wibbelt aufgenommen bei einem Spaziergang durch die Stadt. Im Hintergrund sieht man die großen Wolkenkratzer der Stadt.
Dubai: Von Wibbelt aufgenommen bei einem Spaziergang durch die Stadt. Im Hintergrund sieht man die großen Wolkenkratzer der Stadt. | Bild: Wibbelt

Was er am meisten vermisse? „Aktuell Dubai“, sagt der Bäcker. Obwohl die Stadt so abschreckend sei? Er lacht. Wenn Wibbelt an Dubai denkt, denkt er auch an 40 Grad warme Sommer und 20 Grad warme Winter. „Ich vermisse die Wärme“, sagt er, als müsste er bald wieder loszuziehen. Wieder reisen. „Deutschland ist mir zu kalt geworden.“