Ob sie es wollen oder nicht: Störche im Raum Stockach werden fast automatisch mit dem Storchenbeauftragten Christian Mende in Verbindung gebracht. Mende war von 2000 bis 2020 Naturschutzbeauftragter des Landkreises für die Verwaltungsgemeinschaft Stockach. Damals lernte er den Böhringer Storchenexperten Wolfgang Schäfle kennen.

Auch mit dem Böhringer Storchenexperten Wolfgang Schäfle arbeitet Christian Mende zusammen. Schäfle hat für den Notfall eine Voliere zur ...
Auch mit dem Böhringer Storchenexperten Wolfgang Schäfle arbeitet Christian Mende zusammen. Schäfle hat für den Notfall eine Voliere zur Pflege von Jungtieren. | Bild: Tesche, Sabine

Seit einem zweitägigen Beringerkurs an der Vogelwarte in Möggingen vor fünf Jahren ist Christian Mende selbstständig zuständig für die Störche in und um Stockach.

Mende ist nicht alleine: Seit 2020 hilft ihm Astrid Wochner bei seiner Arbeit. Und er ist sehr froh über ihre Unterstützung in Wahlwies und die von Josef Martin in Hohenfels.

Zahl der Störche wächst

Der Experte sagt: „Die Störche und damit die Arbeit werden immer mehr, ich werde immer älter. Es ist gut, wenn die Arbeit fließend in andere Hände übergeht.“

Bei kniffligen Fragen steht ihnen Wolfgang Schäfle mit Rat und Tat zur Seite. Astrid Wochner betont: „Es ist unglaublich, was er für ein Wissen hat. Und er hat auch den Platz, um Störche ein paar Tage zuhause zu pflegen und zu versorgen.“

Astrid Wochner und Christian Mende erzählen, was alles zu ihren Aufgaben gehört. Die diesjährige Storchensaison hat sehr früh begonnen. Schon Ende Januar, Anfang Februar waren die ersten Rückkehrer aus dem Süden zu beobachten. Dies sei auch auf die aktuellen Klimaveränderungen zurückzuführen, so Mende.

Viele Störche überwintern schon in Südspanien oder Nordafrika und sind daher entsprechend früher zurück in ihren sommerlichen Brutgebieten.

Immer mehr Nester auf Bäumen

Normalerweise bauen die Störche ihre Nester auf Dächern und Strommasten. Mit der Zunahme der hiesigen Storchenpopulation fällt auf, dass immer mehr Störche ihre Nester auch auf Bäumen anlegen.

Besonders markant ist die Veränderung in Wahlwies: Von den 24 Nestern im Ort sind zwölf auf Bäumen gebaut worden. Ganz neu sind zwei Baumnester auf hohen Linden im Erlenwäldchen beim Erlenhof.

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Astrid Wochner, die selbst ein Storchennest auf ihrem Hausdach hat, sagt: „Im Frühjahr lesen wir mit einem Beobachtungsfernrohr die Ringe ab, um zu schauen, ob es dieselben Störche sind wie im letzten Jahr. Wenn Störche ihre Nester auf Dächern bauen wollen und es deswegen Probleme gibt, beraten wir die Hausbesitzer, was sie tun können und was sie nicht tun dürfen.“

Wenn die Störche schon anfangen zu brüten und das Nest weit fortgeschritten ist, dürfe nichts mehr verändert werden, so Wochner. „Schließlich sind Störche streng geschützte Tiere.“

Christian Mende ergänzt: „So wichtig die Betreuung der Störche ist, ist auch die Betreuung der betroffenen Hausbesitzer.“

Wenig Arbeit während der Brut

Während der Brutzeit von 30 Tagen hält sich die Arbeit in Grenzen. Bevor die Störche zu brüten beginnen, lassen sich gut die Nummern ablesen, weil die Altvögel länger auf dem Nest stehen.

Aktuell hat sich in den meisten Storchennestern in Wahlwies und Umgebung schon Nachwuchs eingestellt, die ersten Beobachtungen lassen ein gutes Storchenjahr erwarten. Wenn der Altstorch von der Nahrungssuche zurückkommt, strecken sich oft drei oder vier Storchenschnäbel nach oben, um gefüttert zu werden.

Video: Christian Mende

Die anfangs sehr kleinen, 70 bis 80 Gramm leichten Jungen nehmen rapide an Gewicht zu, bis sie nach etwa sieben Wochen ihr Höchstgewicht mit rund drei Kilogramm erreicht haben. In den ersten Wochen fressen sie vorwiegend kleine Tiere wie Regenwürmer, Kaulquappen, Insekten und Käfer.

Später bekommen sie auch Heuschrecken, Frösche und Mäuse. In den ersten drei bis vier Wochen bleibt immer einer der Altvögel zum Schutz der Jungen am Nest, während der andere auf Nahrungssuche ist. Bei der Entwicklung kommt es auch aufs Wetter an. Durch Nässe, Kälte und anhaltenden Regen sterben viele Junge an Unterkühlung.

„Beringung ist die Kür“

Im Alter von vier bis sechs Wochen werden die Jungstörche dann beringt. Astrid Wochner sagt: „Das ist die Kür der Betreuungstätigkeit. Ich bin oft dabei, beobachte und lerne die Abläufe.“ Im Herbst werden sie und Josef Martin den Beringerkurs absolvieren.

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Die Storchenbeauftragten erheben die Daten aller Störche mit den Koordinaten der Horste sowie deren Örtlichkeit, also ob sich das Nest auf einem Baum, einem Mast oder einem Dach befindet. Auch die Ringnummern der Altstörche werden erfasst. Dabei haben übrigens nicht alle Störche ein Nest. Manche bilden auch Gruppen und übernachten auf Bäumen.

Notfalls werden sie auch gepflegt

Spannend ist die Zeit, wenn die Jungvögel flügge werden. Wenn sie zu früh das Nest verlassen und nicht mehr zurückfliegen, werden sie eingefangen und betreut.

Wolfgang Schäfle hat eine Voliere beim Tierschutzverein Radolfzell. Dort können sie solche Störche hinbringen, pflegen und später freilassen. „Wenn ein Storch durch einen Unfall flugunfähig geworden ist, gibt es im Markgräfler Land eine Storchenstation, da bringen wir ihn hin“, berichtet Christian Mende.

In dem Storchennest auf dem alten Schornstein der ALU Stockach gibt es – wie schon 2021 – auch dieses Jahr wieder vier ...
In dem Storchennest auf dem alten Schornstein der ALU Stockach gibt es – wie schon 2021 – auch dieses Jahr wieder vier gesunde Jungstörche. | Bild: Christian Mende

Etwa Mitte August brechen die Jungvögel dann gen Süden auf. Zwei bis drei Wochen später folgen die Altvögel auf den langen Weg nach Afrika – eine bis zu 4000 Kilometer weite Reise in die Überwinterungsgebiete.

Zu den Aufgaben der Storchenbeauftragten gehört auch die Sanierung von Storchennestern. Wenn die Nestauflage zu groß und zu schwer wird, wird sie abgebaut und erneuert. Und wenn Störche sich ausgerechnet auf einem Kamin niederlassen, dies aber kein Dauerzustand bleiben kann oder soll, muss eine Lösung für das nächste Jahr gefunden werden.

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Störche akzeptierten das Ersatznest meist schnell, erzählt Christian Mende. In Wahlwies würden nur bestehende Nester saniert, jedoch keine neuen Masten mehr aufgestellt.