Seit dem 1. Juli gilt in Deutschland: Nicht mehr 19 und sieben Prozent, sondern 16 und fünf Prozent Mehrwertsteuer werden bundesweit bis zum Jahresende erhoben. Knapp zwei Monate nach der Einführung der temporären Senkung fällt die Bilanz bei den Stockacher Unternehmern durchwachsen aus.

Im Wohnparc Stumpp tut sich Unternehmenschef Günther Dick mit seiner Bewertung schwer. „Nach dem Lockdown hat die Möbelbranche zwar einen guten Zuspruch erfahren“, sagt er. Aber dies sei nicht unbedingt auf die Senkung der Mehrwertsteuer zurückzuführen. Die endgültigen Rückschlüsse, welche die Sparmaßnahme der Regierung auf die Kaufkraft der Kunden habe, werden sich erst im vierten Quartal 2020 ziehen lassen. „Dieses Jahr mit seinen ganzen Einschränkungen und Vorgaben kann man derzeit nur sehr schwer einschätzen“, so Dick weiter.

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Diverse Umsätze konnten in der Möbelbranche zwar nachgeholt werden, aber der Stumpp-Chef spricht auch davon, dass Kunden mit größeren Investitionen abwartender regieren, als vor der Pandemie – und dies trotz der Mehrwertsteuersenkung. Für seine Angestellten sei die Umstellung ein Kraftakt gewesen. „Wir mussten unsere Kassensysteme anpassen und neue Software für die Kassen kaufen, das war ein enormer Aufwand“, sagt Dick. Aber er weist auch auf ein weiteres Problem hin: „Aufträge, die jetzt erst umgesetzt werden, müssen nun auf auf die 16 Prozent umgewandelt werden, das ist einfach ein doppelter Aufwand“, berichtet er weiter.

Eine Milchmädchenrechnung

Für Michael Fritz, der ein Geschäft für Schreibwaren in der Oberstadt betreibt, macht sich die Senkung der Mehrwertsteuer nicht bezahlt. Im Gegenteil, wie er betont: Gerade für Geschäfte mir kleinpreisigen Produkten lohne sich der Aufwand seiner Einschätzung nach nicht. So könne er etwa die Mehrwertsteuersenkung bei Zeitschriften nicht an den Kunden weitergeben. „Alles, was der Buchpreisbindung unterliegt, ist von der Senkung ausgenommen“, sagt er.

Überhaupt, habe er nicht alle Preisschilder neu ausgezeichnet. „Dafür haben wir hier viel zu viele“, so Fritz weiter. Er fasst den ersten Monat mit 16 anstatt 19 Prozent wie folgt zusammen: „Eigentlich ist die Senkung nur mit Mehrkosten verbunden, etwa für die EDV-Umstellung an den Kassen. Wegen den drei Prozent kommt kein Kunde zusätzlich.“

Noch mit Rechnungsblock: Anja Schmidt betreibt ein Geschäft in der Oberstadt, für sie hat sich die Mehrwertsteuersenkung nicht bezahlt gemacht.
Noch mit Rechnungsblock: Anja Schmidt betreibt ein Geschäft in der Oberstadt, für sie hat sich die Mehrwertsteuersenkung nicht bezahlt gemacht. | Bild: Matthias Güntert

Ähnlich sieht es Anja Schmidt, die ein Bekleidungsgeschäft in der Oberstadt besitzt. „Die Mehrwertsteuersenkung ist für kleinere Firmen und Betriebe eine Milchmädchenrechnung“, sagte sie. Ob ein Kunde mehr kaufe oder weniger hänge nicht zwangsläufig mit einer Steuersenkung von drei Prozent zusammen, sondern vielmehr von Faktoren wie Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit. Sie selbst habe während der Corona-Pandemie viel mit ihren Kunden gesprochen und dabei großen Zuspruch erfahren.

Kunden wollen lokale Händler unterstützen

„Viele Kunden sagen, dass ihnen die drei Prozent Mehrwertsteuersenkung nicht wichtig sind, sondern die Tatsache, dass man den lokalen Handel unterstützt“, so Schmidt. Sie selbst habe ihre Preisschilder nicht angepasst, was ihrer Aussage nach auch nicht vorgeschrieben sei. Ohnehin habe sie einen deutlichen Zuwachs an Kundenbesuche verzeichnet. „Es kommen deutlich mehr Leute als vorher“, betonte sie. Dies liege laut Schmidt auch daran, dass der lokale Handel nach dem Lockdown mehr Wertschätzung erfahre.

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Für Kunden von Aldi Süd erfolgt die Mehrwertsteuersenkung erst an der Kasse. Wie Aldi-Sprecherin Nastaran Amirhaji auf Nachfrage bestätigte, wurden die Preisschilder am Regal nicht verändert. „Der dreiprozentige Rabatt wird an der Kasse abgezogen und auf dem Bon ausgewiesen“, teilt sie in einer Stellungnahme mit. Ob sich die Senkung des Steuersatzes auf die Kaufkraft der Kunden auswirke, darüber wolle man bei Aldi Süd keine Angaben machen.

Geringe Einsparungen bei Lebensmitteln

Auch Thomas Bonrath, Pressesprecher von der Rewe Markt GmbH, hält sich hinsichtlich der Kaufkraft bedeckt. „Die Bundesregierung möchte mit der temporären Mehrwertsteuersenkung die Konjunktur ankurbeln beziehungsweise die Kaufkraft stärken. Im Lebensmitteleinzelhandel führt eine Absenkung der Mehrwertsteuersätze von zwei beziehungsweise drei Prozentpunkten bei einem durchschnittlichen Einkauf für Verbraucher nur zu geringen Einsparungen“, erklärt er auf Nachfrage.

Manfred Oberle, der die beiden Rewe-Märkte in Stockach und in Hindelwangen leitet, berichtet, dass im Zuge der Mehrwertsteuersenkung alleine in der Filiale in der Dillstraße rund 5000 Etiketten neu ausgezeichnet werden mussten. „Alles händisch“, so Oberle, „der Aufwand war riesig“.

Die Automobilbranche profitiert

„Unsere Bilanz fällt durchweg positiv aus“, zieht Marcel Auer, Prokurist bei der Auer Gruppe, Bilanz. Während etwa bei Gütern des täglichen Bedarfs aufgrund des niedrigen Nettowarenwertes die Mehrwertsteuersenkung für den Endkonsument nicht wirklich merklich sei, spare ein Kunde in der Automobilbranche durchschnittlich 1500 Euro beim Autokauf.

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Laut Auer spüre man auch in der Automobilbranche eine gewisse Unsicherheit bei den Kunden. „Dennoch würden wir die Kaufkraft als gut betiteln“, sagt er. Der Aufwand der Umstellung sei aber definitiv hoch gewesen. „Neben der Neuauszeichnung sämtlicher Produkte und Dienstleistungen mussten EDV-Schnittstellen bearbeitet werden, um beispielsweise die korrekte Rechnungsstellung gewährleisten zu können. Nichtsdestotrotz überwiegen aus unserer Sicht die Chancen gegenüber des Aufwands„, so Auer.

Wie es der Gastronomie geht

Heinz Stärk ist Vorsitzender der Kreisstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Konstanz. Er schätzt die Lage für seine Branche wie folgt ein:

  • Gäste essen nicht mehr: Es gibt keine Statistik, an der sich an Zahlen ablesen lässt, wie sich die Mehrwertsteuersenkung auf die Gastronomie in unserem Landkreis ausgewirkt hat. Aber natürlich tue die Absenkung der Mehrwertsteuer von Speisen auf sieben beziehungsweise fünf Prozent der Gastronomie sehr gut. „Auch seit der Wiedereröffnung bestehen aufgrund der Abstandsregeln erhebliche Kapazitätsbegrenzungen, welche zu Umsatzeinbußen führen“, so Stärk. In seiner Branche könne entgangener Umsatz nicht nachgeholt werden. „Der Gast, der aufgrund des Lockdowns im April kein Schnitzel gegessen hat, isst nun auch nicht zwei Schnitzel“, sagt er. Er wünsche sich deshalb eine unbefristete Senkung der Mehrwertsteuer. Momentan profitiere die Gastronomie von der guten Witterung. „Problematischer wird es, wenn durch die Witterung die Außenbereiche wegfallen. Viele Gäste scheuen sich nach wie vor sich in den Innenbereich zu setzen“, so Stärk weiter.
  • Speisen sind keine Getränke: Laut Heinz Stärk werden Speisen bis zum 31. Dezember mit fünf Prozent und vom 1. Januar bis 30. Juni 2021 mit sieben Prozent besteuert. Getränke unterliegen dem normalen Steuersatz von aktuell 16 Prozent.