Wenn André Feucht von den Möglichkeiten spricht, die die Digitalisierung für ihn als Landwirt mit sich bringt, leuchten seine Augen. „Das ist schon beeindruckend, was heute möglich ist“, sagt er. Die Familie des 25-Jährigen betreibt in vierter Generation die Feuchtmühle in Nenzingen als landwirtschaftlichen Betrieb – und schöpft dabei die Vorteile der modernen Technik voll aus.

Landwirtschaft und Biogas

100 Milchkühe stehen auf dem Hof am Ortsrand von Nenzingen, den sein Urgroßvater – Müller von Beruf – einst gekauft hat, um ihn als Getreidemühle zu betreiben. „Er hat mit der Landwirtschaft ganz klein angefangen“, erzählt André Feucht. Die Familie hat die Mühle längst aufgegeben und verdient ihren Lebensunterhalt mit Milchkühen. Dafür bauen sie auf 70 Hektar Grünfutter an und bewirtschaften 290 Hektar Ackerland. Zusätzlich betreiben die Nenzinger Landwirte seit 2011 eine Biogasanlage im Ort, die 50 Betriebe und 100 Haushalte mit Strom und Wärme versorgt. Das ist für den Familienbetrieb inzwischen das zweite große Standbein geworden.

André Feucht aus Nenzingen hat mit den Applikationskarten bei der Bewirtschaftung der Äcker bereits gute Erfahrungen gemacht.
André Feucht aus Nenzingen hat mit den Applikationskarten bei der Bewirtschaftung der Äcker bereits gute Erfahrungen gemacht. | Bild: Heike Thissen

Wie die Digitalisierung die Arbeit von André Feucht und seiner Familie in den vergangenen Jahren revolutioniert hat, macht der Diplom-Landwirt am Beispiel der sogenannten Applikationskarten fest. „Das sind Landkarten, die ich per WLAN oder USB-Stick auf den Traktor überspiele. Auf ihnen sind für jeden unserer Äcker exakte Daten über die Bodenbeschaffenheit hinterlegt und zwar immer für Parzellen von zehn Quadratmetern. So kann mein Traktor zum Beispiel einer Saatmaschine automatisch mitteilen, wo sie unterschiedliche Mengen an Saatgut ausbringen muss – und zwar fast quadratmetergenau“, erklärt er.

Über Bildschirme und Computer ist der Landwirt im Traktor immer darüber informiert, was seine Maschinen gerade machen. Auf der Applikationskarte wird die Bodengüte des Ackers genau dargestellt.
Über Bildschirme und Computer ist der Landwirt im Traktor immer darüber informiert, was seine Maschinen gerade machen. Auf der Applikationskarte wird die Bodengüte des Ackers genau dargestellt. | Bild: Heike Thissen

Heterogene Bodenarten

Denn was für das Auge eines Laien nach einem homogen beschaffenen Acker mit ein und derselben Bodengüte aussieht, ist tatsächlich ein Sammelsurium von vielen unterschiedlichen Böden. Die natürlichen Gegebenheiten vor Ort sind schuld. „Wir sind hier im Endmoränengebiet des Bodenseehinterlands. Das hat zur Folge, dass nicht der ganze Acker dieselbe Bodenart besitzt“, erklärt André Feucht. Auf wenigen Metern können sich Faktoren wie Wasserleitfähigkeit, Bodenart, Bearbeitbarkeit oder Wärmespeicherung frappierend ändern. Entsprechend braucht jeder Quadratmeter des Ackers mehr oder weniger Saatgut und mehr oder weniger Dünger.

Über Bildschirme und Computer ist der Landwirt im Traktor immer darüber informiert, was seine Maschinen gerade machen. Auf der Applikationskarte wird die Bodengüte des Ackers genau dargestellt.
Über Bildschirme und Computer ist der Landwirt im Traktor immer darüber informiert, was seine Maschinen gerade machen. Auf der Applikationskarte wird die Bodengüte des Ackers genau dargestellt. | Bild: Heike Thissen

Feuchts sind Vorreiter

Mit ihrer Begeisterung für die moderne Technik in der Landwirtschaft stehen die Nenzinger nicht allein da, weiß Hubertus Buhl, Regionalleiter der Zentralgenossenschaft (ZG) Raiffeisen Technik in der Region Bodensee. Er ist unter anderem Ansprechpartner für die Landwirte, wenn sie ihren Fuhrpark modernisieren. „Was die Digitalisierung in der Landwirtschaft angeht, gehört die Familie Feucht auf jeden Fall zu den Vorreitern“, sagt er. Buhl weiß auch, dass etliche Landwirte bereits mehr moderne Technik nutzen könnten – sogar ohne, dass sie dafür neue Maschinen anschaffen müssten. „Viele Arbeitsgeräte können wesentlich mehr, als ihre Besitzer nutzen.“ Am Beispiel Zuckerrüben erklärt er, was mit den Applikationskarten unter anderem möglich ist. „Parzellen mit schwererem Boden halten das Wasser besser. Hier ist genügend Feuchtigkeit vorhanden für viele Zuckerrüben auf wenigen Quadratmetern. Parzellen mit leichterem Sandboden hingegen trocknen schneller aus. Sollen die Zuckerrüben hier genauso gut gedeihen wie im schwereren Boden, muss der Landwirt hier weniger von ihnen aussäen – damit das Wasser für alle reicht“, sagt Hubertus Buhl. Dasselbe gilt dann während der Aufzucht der Saat für den Dünger: Auf den Parzellen, auf denen mehr Rüben wachsen, muss mehr Dünger ausgebracht werden als auf denen mit weniger Rüben. „Für den Landwirt zählt am Ende eine homogene Ernte: Alle Zuckerrüben sollen gleich groß sein und zur selben Zeit ausgereift sein – unabhängig davon, auf welcher Parzelle des Ackers sie gewachsen sind.“

André Feucht aus Nenzingen hat mit den Applikationskarten bei der Bewirtschaftung der Äcker bereits gute Erfahrungen gemacht.
André Feucht aus Nenzingen hat mit den Applikationskarten bei der Bewirtschaftung der Äcker bereits gute Erfahrungen gemacht. | Bild: Heike Thissen

Der Boden als höchstes Gut

In erster Linie verfolgen die Feuchts mit der Digitalisierung ihres Ackerbaus das Ziel, einen guten Ertrag zu erzielen. „Genauso wichtig ist für uns aber auch, dass wir aus dem Dünger, dem Saatgut und den Pflanzenschutzmitteln, die wir verwenden, den größten Nutzen rausholen und nur genau so viel davon verwenden, wie wir wirklich benötigen. Das ist gut für die Gesundheit unserer Böden, für die Umwelt und für unseren Geldbeutel“, bringt es André Feucht auf den Punkt. Während es mit herkömmlichen Dünge- oder auch Aussaatmethoden zum Beispiel häufig vorkommt, dass Abschnitte des Ackers doppelt gedüngt oder doppelt mit Saat bestreut werden, weiß der Traktor von André Feucht dank GPS und Digitalisierung genau, wo er schon wie viel Dünger ausgebracht hat, und stellt – beinahe zentimetergenau – das Düngen ein. Die Maschine erkennt genauer als der Mensch, wo sie schon gedüngt oder gesät hat, und wo nicht. „So ermöglicht uns die Digitalisierung, unsere Produktionsmittel optimal einzusetzen. Allein bei den Pflanzenschutzmitteln konnten wir zum Beispiel innerhalb von einer Saison die verwendete Menge um 13 Prozent reduzieren.“

Dank Digitalisierung perfekt aufeinander abgestimmt: Mit Applikationskarten kommuniziert der Traktor von André Feucht der angehängten Sämaschine, wo sie wieviel Saatgut verteilen muss.
Dank Digitalisierung perfekt aufeinander abgestimmt: Mit Applikationskarten kommuniziert der Traktor von André Feucht der angehängten Sämaschine, wo sie wieviel Saatgut verteilen muss. | Bild: Heike Thissen

Mehr Computerarbeit

Seit Familie Feucht mit den Applikationskarten arbeitet, verbringt André Feucht ein bisschen mehr Zeit am Computer und ein bisschen weniger Zeit auf dem Feld. Wenn es nach ihm geht, ist das der Trend der Zukunft. „Ich wünsche mir noch mehr Digitalisierung und noch mehr Autonomie, die damit einhergeht. Vor allem, was die Unkrautbekämpfung angeht, wird sich da noch einiges tun.“ Für ihn steht schon heute fest, dass er auch dann unter den Ersten sein will, die diese punktgenaue Technologie in der Bodenseeregion verwenden.

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