Wenn Ullrich Müller am Rande eines Maisfelds mit seiner Drohne – einem Mikrokopter – hantiert, dann könnte man ihn für einen Hobbypiloten halten. Erst bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Drohne als ein hocheffizientes Fluggerät im Einsatz gegen den Maiszünsler (Ostrinia Nubilalis).

Drohne verteilt Schlupfwespenlarven

Die Idee, Drohnen mit dem „biologischen Kampfstoff“, wie Ullrich Müller die kleinen, vollständig biologisch abbaubaren und mit den Trichogramma-Schlupfwespenlarven gefüllten Kugeln aus Zellstoff und Paraffin nennt, zu bekämpfen, kommt von Landwirt Gerhard Plessing vom Gut Neuhof bei Überlingen.

Video: Constanze Wyneken

Als er vor rund sieben Jahren Einsätze mit der Drohne flog, um Rehkitze in Wiesen zu orten, hatte er den Einfall, die Drohne auch zur Verteilung von Nützlingen gegen Schädlinge einzusetzen.

Land zahlt 60 Euro pro Hektar

Inzwischen hat sich dieser Einfall so gut etabliert, dass er von immer mehr Landwirten umgesetzt wird. Vorher brachten diese mit Trichogramma bestückte Papieranhänger manuell in den Feldern an – eine zeitraubende Arbeit, die durch den Drohnenflug erspart werden kann.

In Baden-Württemberg, wo sich der Kleinschmetterling Maiszünsler mit dem Fortschreiten der Klimaerwärmung verbreitet hat, wird der Einsatz von Drohnen inzwischen vom Land gefördert. Es übernimmt 60 Euro pro Hektar, was laut Daniel Keller von der ZG Raiffeisen in Stockach in etwa die Kosten für den Materialeinsatz deckt. Die restlichen Kosten in Höhe von etwa zwölf Euro pro Hektar trägt der Landwirt.

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Die Logistik läuft über die ZG Raiffeisen, die ihrerseits dann die Drohnen-Piloten Gerhard Plessing oder Ullrich Müller für Einsätze in den Landkreisen Tuttlingen, Konstanz, Bodenseekreis und Sigmaringen beauftragt. In anderen Gegenden, beispielsweise im Stuttgarter Raum, werden die Einsätze von Studenten der Luft- und Raumfahrt geflogen, wobei die Drohnen im Grunde eigenständig, per GPS, fliegen und die jeweiligen Piloten lediglich dazu da sind, um im Notfall einzugreifen.

Nur mit Führerschein und Versicherung

„Es ist ein echter Jungentraum“, sagt Ullrich Müller, „aber nur, solange alles gut läuft und es keine Zwischenfälle gibt“. Zu Zwischenfällen sei es hin und wieder auch gekommen – zum Beispiel wenn der Akku doch einmal trotz Ladevorrichtung im Auto leer sei und die Drohne einfach abstürze, wenn der Wind die Drohne zum Abdriften bringe oder wenn man auf eine Stromleitung achten müsse.

Der Mikrokopter mit einer Ladung Papierkugeln voller Schlupfwespen-Larven.
Der Mikrokopter mit einer Ladung Papierkugeln voller Schlupfwespen-Larven. | Bild: Constanze Wyneken

Wer eine Drohne steuern will, benötigt ab einem Drohnen-Gewicht von zwei Kilogramm einen Drohnen-Führerschein. Außerdem wird eine Aufstiegserlaubnis vom Land benötigt, die mit pauschal 250 Euro jährlich zu Buche schlägt. Auch sollte die Drohne gegen Abstürze, Sturmschäden und Ähnliches versichert sein.

„Unwissenheit der Bevölkerung“ ist groß

Ein unerwarteter Zwischenfall sei es gewesen, als einmal ein Anwohner mit dem Luftgewehr auf die Drohne feuerte. Dieser habe offenbar gedacht, dass eine Kamera sein Haus filme – dabei habe die Drohne gar keine Kamera an Bord. Auch hätten Passanten schon das Auto von Ullrich Müller als Falschparker bei der Polizei gemeldet, als er einmal am Rande eines Maisfelds geparkt habe und dort mit der Drohne zugange gewesen sei.

„Die Unwissenheit der Bevölkerung über die Drohnen-Einsätze gegen den Maiszünsler ist groß“, sagt Ullrich Müller. Er wünscht sich, dass es bessere Informationen über diese umweltfreundliche und rein biologische Vorgehensweise gäbe, um Schädlinge zu bekämpfen. Er hofft, dass mit dem Wissensstand über die Einsätze auch die Akzeptanz steige.

Der Maiszünsler: Gefahr und Bekämpfung

Gefahr: Durch den Maiszünsler (Ostrinia Nubilalis) werden laut Welternährungsorganisation (FAO) weltweit jährlich etwa vier Prozent der Maisernte vernichtet, was einem Nahrungsbedarf von 60 Millionen Menschen entspricht. In Deutschland muss bei starkem Befall mit einem Ertragsausfall von 30 Dezitonnen Körnermais pro Hektar und mehr gerechnet werden.

Ablauf: In einer Papierkugel mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern befinden sich circa 1000 Larven der Schlupfwespe (Trichogramma Brassicae). Je Hektar werden etwa 100 dieser Kugeln ausgebracht, eine Drohne bewältigt etwa zehn Hektar pro Stunde.

Die Flugbahn wird anhand der vom Landwirt vorher durchgegebenen GPS-Daten des Ackers berechnet und in der Drohne gespeichert. Eine Drohne fliegt in zehn Metern Höhe über dem Acker. Sie ist mit einem Laser ausgestattet um die Höhe stetig zu kontrollieren und meldet regelmäßig den Abstand zum Piloten, da nur ein Maximalabstand von 1000 Meter erlaubt ist.

Die ausgebrachten Trichogramma-Larven befallen die Eier des Maiszünslers, parasitieren diese und verhindern so deren Weiterentwicklung. Der amtliche Dienst bestimmt den Anwendungstermin unter Berücksichtigung der Temperatursumme und der Fänge in den Lichtfallen. Die erste Anwendung auf dem Feld erfolgt je nach Region ab Mitte Juni bis Anfang Juli, die zweite Anwendung etwa 14 Tage später.