Seit 1972 besteht die Partnerschaft zwischen Stockach und der französischen Stadt La Roche-sur-Foron. Wie geht es den Menschen dort in der Corona-Pandemie? Welche Maßnahmen gelten und wie ist die Stimmung in der Kleinstadt? Die Deutsche Margarete Hornung lebt seit 17 Jahren in La Roche. Während des Besuchs einer Stockacher Delegation anlässlich des Endes des Ersten Weltkrieges im November 2018 war sie Gastgeberin unserer Mitarbeiterin. Seither stehen die beiden Frauen in Kontakt. Die Wahl-Französin erinnert sich an die letzten Monate.

Um die Entwicklung für sich festzuhalten, hat sich Hornung immer wieder Notizen gemacht. Für den 16. März 2020 vermerkte sie die erste Quarantäne. „Alle Schulen, Gymnasien und Unis schlossen, Homeoffice wurde eingeführt. Die meisten Firmen machten zu. Kaum ein Auto war auf der Straße. Wir durften nur eine Stunde pro Tag spazieren gehen und uns maximal einen Kilometer im Umkreis von unserer Wohnung entfernen.“

Wer das Haus verließ, musste in einem Attest einen triftigen Grund angeben. Die Polizei kontrollierte die Menschen regelmäßig. In den Geschäften wurde am Eingang Desinfektionsgel zur Verfügung gestellt, das Tragen einer Maske war Pflicht. Margarete Hornung erklärt: „Nur eine bestimmte Anzahl von Kunden durfte gleichzeitig im Geschäft sein. Man stand Schlage. Es war eine harte Zeit. Diese Restriktionen gingen aufs Gemüt, viele bekamen nach einigen Wochen Depressionen.“

In der Innenstadt von La Roche ist nicht viel los. Wer sich in der Stadt bewegt, muss eine Maske tragen.
In der Innenstadt von La Roche ist nicht viel los. Wer sich in der Stadt bewegt, muss eine Maske tragen. | Bild: Margarete Hornung

Knapp zwei Monate später entspannte sich die Lage etwas. Am 11. Mai notierte sie: „Endlich wieder frei. Wir können ohne Attest rausgehen. Dürfen uns bis zu 100 Kilometer vom Wohnsitz entfernen. Alle Geschäfte sind offen bis auf Bars und Restaurants. Die Kinder gehen nach und nach wieder in die Schule.“ Auch die Strände öffneten wieder und man habe wieder aufatmen und leben können, sagt sie rückblickend. Im Frühsommer öffneten Bars und Restaurants und das kulturelle Leben fand wieder statt. Geschäfte und Firmen arbeiteten wieder. „Wir gingen ins Kino, in Restaurants, besuchten Konzerte, Sporthallen und Museen. Dabei hielten wir uns strikt an die Regeln mit Abstand halten, Maske tragen und Händewaschen.“ Zehn Personen durften sich im Restaurant treffen.

Als am 22. Juni die Urlaubsclubs öffneten und die 100-Kilometer-Begrenzung aufgehoben wurde, kehrte mehr Normalität zurück: „Wir konnten verreisen, baden gehen und Sport treiben. Das Leben war wieder lebenswert.“ Doch Mitte Oktober gab es aufgrund gestiegener Infektionszahlen in verschiedenen Städten und Departements Sperrstunden. Maximal sechs Personen durften sich treffen.

„Ich habe praktisch kein Sozialleben mehr und kaum noch Kontakte mit Freunden.“ Die ehemalige Stockacherin Margarete Hornung lebt seit 17 Jahren in La Roche-sur-Foron
„Ich habe praktisch kein Sozialleben mehr und kaum noch Kontakte mit Freunden.“ Die ehemalige Stockacherin Margarete Hornung lebt seit 17 Jahren in La Roche-sur-Foron | Bild: privat

Und am 30. Oktober ging es zurück zur Quarantäne wie im März. Geschäfte, Restaurants, Bars und kulturelle Einrichtungen schlossen und es galt die gleiche Ausgangsregelung wie im Frühjahr. Ab Ende November durften die Menschen sich im Umkreis von 20 Kilometern und maximal drei Stunden von ihrem Wohnsitz bewegen.

Hinzu kamen Mitte Dezember in ganz Frankreich Ausgangssperren von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens. Die Begrenzung auf 20 Kilometer mit Attest wurde aufgehoben. Vor Weihnachten wurden die Geschäfte wieder geöffnet, sodass die Weihnachtseinkäufe erledigt werden konnten. Über die Feiertage durften höchstens sechs Erwachsene zusammenkommen. Alle öffentlichen Veranstaltungen für Silvester wurden verboten.

Nach den Feiertagen stiegen die Infektionszahlen sehr an. Daher wurden Anfang Januar zunächst in einzelnen Departements, Mitte Januar dann im ganzen Land Sperrzeiten von 18 Uhr bis sechs Uhr eingeführt.

Der Bereich vor dem Rathaus in La Roche-sur-Foron ist fast menschenleer.
Der Bereich vor dem Rathaus in La Roche-sur-Foron ist fast menschenleer. | Bild: Margarete Hornung

Die Wahl-Französin ist bisher gesund geblieben. Aber mit der Dauer der Maßnahmen stellt sie fest: „Ich habe praktisch kein Sozialleben mehr und kaum noch Kontakte mit Freunden.“ Ihre Tochter war zuletzt über Weihnachten zu Besuch. Ab und zu sähen sie sich zu einem kurzen Imbiss im Geschäft – immer ohne Umarmung und mit Abstand. Sie beobachte, dass bei den Menschen die Moral nachlasse. „Man hat den Eindruck, das nimmt kein Ende. Man weiß bald nicht mehr, wo einem der Kopf steht und welches Attest man ausfüllen muss.“

Bei diesen Attesten handelt es sich um einen Vordruck aus dem Internet, den man herunterlädt oder direkt auf dem Handy ausfüllt. Dabei werden die wichtigsten Daten gespeichert. Als diese Bescheinigung tagsüber verpflichtend war, musste der Grund des Ausgangs angegeben werden wie Spaziergang, Einkauf, Arzt, Besuch hilfsbedürftiger Personen oder Arbeit. Während der Sperrzeiten braucht man ein Attest ab 18 Uhr. Wer ohne von der Polizei erwischt wird, zahlt beim ersten Verstoß 135 Euro, im Wiederholungsfall wird es empfindlich teurer.

Das könnte Sie auch interessieren

Tagsüber scheint sich das Leben in La Roche-sur-Foron ähnlich abzuspielen wie hier. Sobald man in der Stadt unterwegs ist, braucht man eine Maske. Überall stehen Desinfektionsmittel bereit, selbst beim Markt. Einige Restaurants bieten Essen zum Mitnehmen an, aber die Mehrzahl hat geschlossen. Die moderne Mediathek funktioniert wie hier mit Vorbestellung und Abholung. Die Rückgabe erfolgt über den Briefkasten. Große Kaufhäuser seien aufgrund der steigenden Infektionszahlen geschlossen worden.

Und wie steht es mit dem Impfen? In Frankreich werden zunächst alle über 75-Jährigen, medizinisches Personal und die Bewohner von Altersheimen geimpft. Im Internet findet man alle Impfzentren. Termine gibt es online oder per Telefon. Weitere Informationen gebe es auch über die Bürgermeisterämter, so Hornung. Sie selbst sammelt Kraft und Energie beim Wandern in den nahegelegenen Bergen, meist ist sie allein unterwegs. Ihre Ansicht: „Keiner weiß, was genau los ist und wie es weitergeht. Momentan beherrschen uns Unsicherheit und Ängste.“