Was bedeutet die Vierte Gewalt? Was interessiert die Zeitungsleser am meisten? Und wie lassen sich Falschmeldungen erkennen? Um dies und mehr ging es in einem Vortrag von SÜDKURIER-Politikredakteur Uli Fricker im evangelischen Gemeindehaus in Stockach. Im Rahmen einer Vortragsreihe luden die hiesige Kolpingfamilie und die Evangelische Erwachsenenbildung zu dem Vortrag ein. Uli Aeschbach, Vertreter der Evangelischen Erwachsenenbildung (EEB), freute sich, dass trotz der Corona-Situation einige Zuhörer ins evangelische Gemeindehaus gekommen waren.

Während über Fake News (alternative Fakten oder Falschmeldungen) in den vergangenen Jahren relativ viel gesprochen worden sei, habe das Thema „Vierte Gewalt“ eine Sonderstellung und sei nicht alltäglich. Die Vierte Gewalt meint hierbei die öffentlichen Medien, wie Presse, Rundfunk und Fernsehen, so Uli Fricker. Neben der in einer Demokratie üblichen Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative werden die Medien als Vierte Gewalt bezeichnet.

Kleiner Test zum Leserinteresse

Hier positionierte sich der Referent gleich zu Anfang seines Vortrags: „Ich hab mich nie als Vierte Gewalt gesehen“, erklärt Fricker, der einen gewissen Einfluss der Presse einräumt. Da sie jedoch nicht demokratisch legitimiert sei, stelle sie auch keine vierte Säule in der demokratischen Gewaltenteilung dar. „Journalisten werden nicht wie Politiker gewählt, sondern sind Mitarbeiter in einem Wirtschaftsbetrieb“, stellte er klar. Es sei notwendig, Themen für die Leser interessant und spannend aufzubereiten. Dies beginne bereits beim Formulieren der Überschriften zu einem Artikel.

Als Beweis stellte er den Zuhörern zwei Überschriften zur Auswahl, mit der Bitte, zu sagen, welchen Artikel sie zuerst lesen würden: „Goldene Hochzeit mit harmonischen Verlauf“ oder „Goldene Hochzeit endet mit Schlägerei“. Die Gäste gaben zu, dass die zweite Überschrift für sie interessanter wäre. Hierzu erklärt Fricker, dass dabei eine gewisse Schadenfreude seitens des Lesers eine versteckte Rolle spiele.

Der evangelische Pfarrer Rainer Stockburger regte an, dass eine Zeitung mehr positive Nachrichten bringen solle. Frickers Antwort: „Gute Nachrichten sind für den Leser nicht so interessant.“ Er bedaure das zwar, aber blieb dabei, dass Medien unterhalten müssten, was er mit dem Zitat untermauerte: „In jedem von uns steckt ein kleiner Hamlet.“

Erschütterung über alternative Fakten

Ein ganz anderes Thema sei die Verbreitung von Unwahrheiten, die als Fake News oder Alternative Fakten bezeichnet werden. Dabei habe laut Fricker das Internet die entscheidende Rolle gespielt. „Vor zehn Jahren gab es diese Begriffe noch nicht“, erläutert er und bedauert, dass man der Presse immer öfter unterstelle, Unwahrheiten zu verbreiten. „Das ist für mich erschütternd“, so Fricker, der seit über 30 Jahren verantwortungsvolle journalistische Arbeit betreibt. Solche Vorgänge hätten das Zeug, das Vertrauen in die Medien zu erschüttern. Das unterstrich auch Rainer Stockburger, der davon sprach, dass sich die Welt in einer Identitätskrise befinde, was ihm Angst mache.

Hier spannte Fricker den Bogen zur Querdenker-Bewegung, die sich als Wichtigtuer aufspielten, um eine Bühne zu bekommen. Sie maßten sich an, entscheiden zu können, was wahr sei und das mache ihm Angst. Umso mehr freue er sich, dass die Bundesrepublik eine der best-funktionierenden Demokratien sei, in der die Grundrechte eingehalten werden und Verschwörungstheoretiker keinen Platz hätten.

Fragen und Bemerkungen

Im Anschluss an den Vortrag gab es eine rege Diskussion. Eine Zuhörerin wollte zum Beispiel wissen, wo der SÜDKURIER seine Zahlen herbekommt, um täglich die Corona-Grafik zu aktualisieren. Uli Fricker erklärte, dass diese von den Gesundheitsämtern kommen. Siegfried Knoll (Kolpingfamilie) brachte auf: „Ich hab gehört, dass die Politik schon vor Fasnacht von Corona wusste, diese Info aber zurückgehalten habe.“ Fricker antwortete, dass für so eine Behauptung eine Quelle genannt werden müsste – und die gebe es nicht. Albert Blässing (Kolpingfamilie) sagte: „Es ist manchmal sehr schwer, Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden, denn oft werden Aussagen von durchaus respektablen Personen gemacht.“ Da komme man ins Grübeln.

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