Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und stellvertretende Bundesvorsitzende der Freien Demokraten ein mittelständisches Unternehmen in Stockach besucht. Genau das hat Nicola Beer vor wenigen Tagen getan. Sie begleitete Bundestagskandidatin Ann-Veruschka Jurisch, Birgit Homburger, Vorsitzende des FDP-Kreisverbandes Konstanz, und Vertreter der örtlichen FDP zur Firma Zorn Maschinenbau.

„Alles, was klein und fein ist“

Dort zeigte Geschäftsführer Martin Zeiher bei einem Rundgang Maschinen, die kleinste Teile bearbeiten. Er erklärte: „Wir machen alles, was klein und fein ist. Wir montieren, prüfen und zerspanen.“ Er zeigte Prüfdrähte, die so dünn wie ein halbes Haar und nur zwei Millimeter lang sind, ebenso Anschlussdrähte, Schleifdrähte, Schleifbürsten und die Spitze einer Biopsie-Nadel.

„Eine Streichholzschachtel ist für uns groß. Und je größer die Teile, desto größer die Konkurrenz“, sagte er. Sie hätten in Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg genug zu tun. Die Firma konstruiert Sondermaschinen nach Kundenbedürfnissen. Zorn Maschinenbau arbeitet für verschiedene Branchen und hatte in der Corona-Zeit keine größeren wirtschaftlichen Probleme, wie Zeiher erläutert.

Zehn Prozent Auszubildende

Etwa zehn Prozent der Belegschaft seien Auszubildende. Normalerweise begännen jährlich zwei Auszubildende im Unternehmen, diesmal fehle noch eine Person: „Es ist ein schwieriges Thema, 80 Prozent der Jugendlichen wollen studieren, Facharbeiter fehlen. Dabei ist es bei uns in der Bezahlung kein großer Unterschied, ob jemand studiert hat oder nicht.“

Birgit Homburger sagte, viele Menschen wollten ihr Studium abbrechen, etwas Neues anfangen oder doch eine Lehre machen. „Jemand, der eine Lehre gemacht hat, soll dieselbe Wertschätzung erhalten und etwas erreichen können, das war schon immer ein Thema der FDP.“

Sie sagte, die Aufhebung der Grundschulempfehlung sei falsch gewesen. Man brauche ein durchlässiges Bildungssystem und müsse bei der Ausbildung auch andere Modelle denken, beispielsweise ein Duales Studium oder eine berufliche Ausbildung, die auch die Hochschulzugangsberechtigung (“Studieren ohne Abitur“) mit sich bringe.

Azubis werben um Nachfolger

Nicola Beer wollte wissen, ob und wie für die Ausbildung geworben werde und ob Auslandsaufenthalte vorkämen? Nachdem Martin Zeiher dies verneinte, wies sie auf das Programm Erasmus Plus auch für Auszubildende hin. Der Geschäftsführer berichtete von einer Anregung der derzeitigen Auszubildenden, die gerade in die Tat umgesetzt werde.

„Unsere Azubis haben die Stellenausschreibung für neue Auszubildende selbst geschrieben. Und sie arbeiten an einem Video als Werbung für ihre Nachfolger. Dafür haben sie einen Tag im Betrieb mit einer Kopfkamera gefilmt, wie der Arbeitsalltag hier abläuft. Der Film kommt auf unsere Homepage.“ Das beeindruckte die Politikerinnen.

Nicola Beer erkundigte sich, ob die Berufsschullehrer auf der Höhe der Zeit seien. „Arbeiten sie mit Virtual Reality?“ Das sei nicht der Fall und auch im Unternehmen sei man mit neuen Medien zurückhaltend, so Zeiher. „Wir haben hier keine Lehrwerkstatt. Unsere Auszubildenden arbeiten mit ihren älteren Kollegen direkt im Tagesgeschäft mit. Wenn eine Maschine beim Kunden aufgebaut wird, gehen sie auch mit.“

Firma zahlt Selbsttests für alle

Zum Thema Corona erklärte Zeiher, das Unternehmen habe früh begonnen, Selbsttests auszugeben. Fünf Infizierte seien anfangs gefunden worden. „Wir testen uns unabhängig von den geltenden Regeln weiterhin einmal pro Woche“, sagte er und ergänzte: „Mehr Klarheit bei den Regelungen wäre toll.“ Birgit Homburger ging darauf ein und kritisierte die Landesregierung: „Es gibt keinen Vorlauf, Baden-Württemberg macht immer noch was Spezielles. Das macht es schwierig für Unternehmen, vor allem für Mittelständler, aber beispielsweise auch für Vereine.“

Deshalb testeten sie einfach weiter, so Zeiher. Dass die Firma die Tests zahle, sei für ihn selbstverständlich. „Wir hatten das Glück, gut durch die Krise zu kommen, daher haben wir uns dazu entschlossen.“ Das Unternehmen würde sich gerne vergrößern, doch es fehle an Gewerbefläche, so Zeiher. „Stockach hat aktuell keine Gewerbefläche, auch die Umlandgemeinden nicht. Alles, was geplant wurde, ist schon versprochen.“

Viele Mitarbeiter über 50 Jahre

Während des Rundgangs erzählte der Geschäftsführer, viele Mitarbeiter über 50 seien neu zu ihnen gekommen. „Sie wollten nicht mehr in eine große Firma, weil sie dort zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten hatten.“ Das konnte Birgit Homburger nachvollziehen. „Der Mittelstand tickt anders als Großbetriebe. In Großbetrieben gebe es eher eine Abfindung als einen Arbeitsvertrag.“ Deshalb sei sie glücklich über so viel Mittelstand in Deutschland.

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Sie erwähnte die Möglichkeit einer Aktienrente, die Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge und die Chance, flexibler in Rente zu gehen. Martin Zeiher sagte dazu: „Man könnte ab 60 nur noch 50 Prozent arbeiten, dafür aber länger zur Verfügung stehen. Wenn Fachleute früh in Rente gehen, geht viel Wissen verloren. Viele wünschen sich mehr Freizeit und würden dafür länger arbeiten.“