Immer wieder liest Jonas Jäckle von diesen Vorfällen: Ein Erzieher, der nicht mit den Kinder spielen darf. Eltern, die nicht wollen, dass ein Mann ihre Kinder wickelt. Gerüchte über den männlichen Mitarbeiter eines Kindergartens.

Der 28-Jährige arbeitet seit 2014 als Erzieher, seit vergangenem September ist er Gruppenleiter im Ganztageskindergarten Wirbelwind in Nenzingen. Welche Erfahrungen haben er selbst und seine Kollegen in der Region mit Vorurteilen gegenüber männlichen Erziehern gemacht? Wie gehen sie damit um? Und was macht ihren Beruf so besonders?

Auch Stockacher Erzieher erlebten Vorurteile

Niklas Laible wartet auf dem Parkplatz vor dem Löwenzahn Kindergarten in Eigeltingen. Der 24-Jährige arbeitet hier seit vergangenem November in der Waldgruppe. Diese ist bei Wind und Wetter draußen. Für das Gespräch mit dem SÜDKURIER geht es aber in den Kindergarten. Man hört die Kleinen spielen und lärmen – im Flur liegen Jacken, Schuhe und Rucksäcke verstreut.

„Ich habe gemerkt, wie viel Spaß mir die Arbeit mit Kindern macht. Sie sind so ehrlich und offen zu einem“, sagt Niklas Laible, Erzieher im Löwenzahn Kindergarten in Eigeltingen.
„Ich habe gemerkt, wie viel Spaß mir die Arbeit mit Kindern macht. Sie sind so ehrlich und offen zu einem“, sagt Niklas Laible, Erzieher im Löwenzahn Kindergarten in Eigeltingen. | Bild: Mario Wössner

Eigentlich wollte er wie sein Vater zum Zoll gehen, sagt er. Doch als er vor Jahren eine Schülergruppe zu Jugend trainiert für Olympia begleitete, änderte sich das. „Ich habe gemerkt, wie viel Spaß mir die Arbeit mit Kindern macht. Sie sind so ehrlich und offen zu einem“, erzählt er. Deshalb habe er vor sieben Jahren seine Ausbildung zum Erzieher begonnen – und er liebe seine Arbeit noch immer.

Erste negative Erfahrung in der Ausbildung

Doch zu den Schattenseiten des Berufs gehören Vorurteile, mit denen Niklas Laible manchmal konfrontiert ist. Bereits während seiner Ausbildung habe er die ersten negativen Erfahrungen gemacht – auch wegen seines Geschlechts, vermutet er. Laible berichtet von einem Beispiel: „In unserer Klasse waren nur zwei von 25 Azubis männlich. Ich hatte das Gefühl, dass die Lehrerinnen uns benachteiligt haben, weil sie nicht wussten, wie sie damit umgehen sollen.“

Und auch in der Praxisphase habe er das mitbekommen. „Ich habe erlebt, dass es im Voraus unter den Eltern und sogar im Team Unruhe gab, weil ein Mann kommen sollte.“ Besonders auf den Dörfern habe es diese Bedenken gegeben – auch in Richtung Kindeswohlgefährdung. „Das war schon ein Rückschlag, durch den ich ins Zweifeln kam“, gesteht er.

„Die Eltern wussten, dass sie mir vertrauen können“

Auch Michael Schiller arbeitet als Erzieher mit Kindern, im Schülerhort Wirbelwind in Stockach. Der 37-jährige Nenzinger ist selbst Familienvater. „Nein, gar nicht“, antwortet er sofort auf die Frage nach Vorurteilen ihm gegenüber. Er habe bei den Eltern der Kinder nie Zweifel gespürt. Doch nach etwas Nachdenken kann er sich an eine ähnliche Situation wie bei Niklas Laible erinnern.

„Nach dem ersten persönlichen Kontakt hat sich das aber sofort gelegt. Die Eltern wussten danach, dass sie mir vertrauen können“, sagt Michael Schiller, Erzieher im Schülerhort Wirbelwind in Stockach.
„Nach dem ersten persönlichen Kontakt hat sich das aber sofort gelegt. Die Eltern wussten danach, dass sie mir vertrauen können“, sagt Michael Schiller, Erzieher im Schülerhort Wirbelwind in Stockach. | Bild: Mario Wössner

In einem Kindergarten hätten die Eltern im Voraus gewisse Bedenken gehabt. Er habe davon im Nachhinein durch eine Kollegin erfahren. „Nach dem ersten persönlichen Kontakt hat sich das aber sofort gelegt. Die Eltern wussten danach, dass sie mir vertrauen können“, erzählt er.

Und auch Gruppenleiter Jonas Jäckle hat schon bemerkt, dass sein Geschlecht eine Rolle spielt. „Ich würde aber nicht von Vorurteilen sprechen, sondern von Respekt“, sagt er. So habe es Eltern gegeben, die zunächst unsicher waren, als sie von ihm erfahren haben.

Rückmeldung der Eltern ist wichtig

Später seien diese jedoch froh gewesen, dass er da ist – und hätten ihm das auch rückgemeldet. „Ich freue mich total, wenn Eltern so etwas ansprechen und mir zurückmelden, woran es liegt, wenn das Verhältnis am Anfang etwas distanzierter ist. Der Austausch mit den Eltern ist wichtig“, berichtet der 28-Jährige.

Sein einziger wirklicher Rückschlag passierte ihm ebenfalls in der Ausbildung. „Da gab es eine leitende Mitarbeiterin, die fand es nicht so toll, dass ein Mann im Kindergarten arbeitet“, berichtet er. Sie habe ihm fast nur putzen und Sachen aufräumen lassen, Kontakt zu den Kindern habe er kaum gehabt. „Das war enttäuschend“, sagt er. Doch nachdem er den Kindergarten gewechselt hat, sei so etwas nie wieder vorgekommen.

Freude der Kinder das schönste am Beruf

Besonders die Reaktionen der Kinder hätten darin bestärkt, diese Arbeit weiterzumachen. „Man bekommt von den Kindern sehr viel zurück. Sie sind anders als Erwachsene, sie zeigen offen und ehrlich ihre Freude“, sagt Jäckle. Er beschreibt: „Am Ende des Tages, wenn die Kinder glücklich heimgehen, sieht man, dass man etwas richtig gemacht hat. Das ist das Schönste an diesem Beruf.“

„Am Ende des Tages, wenn die Kinder glücklich heimgehen, sieht man, dass man etwas richtig gemacht hat“, sagt Jonas Jäckle, Gruppenleiter im Ganztageskindergarten Wirbelwind in Nenzingen.
„Am Ende des Tages, wenn die Kinder glücklich heimgehen, sieht man, dass man etwas richtig gemacht hat“, sagt Jonas Jäckle, Gruppenleiter im Ganztageskindergarten Wirbelwind in Nenzingen. | Bild: Mario Wössner

Michael Schiller erzählt, er habe große Unterstützung durch Freunde und vor allem seine Mutter bekommen, als Mann diesen Beruf zu wählen. „Die fand das richtig cool“, erinnert er sich an den Beginn seiner Ausbildung. Zwar seien viele Bekannte zunächst verwundert, wenn er zum ersten Mal von seinem Beruf erzähle. „Aber das sind eher flotte Sprüche, nie etwas Negatives“, sagt er.

Unterstützung durch Umfeld wichtig

Und selbst wenn, würde ihn das nicht an seiner Arbeit zweifeln lassen. „Das Schöne ist, den Kindern mein Wissen weiterzugeben und zu sehen, wie dankbar und froh sie darüber sind“, erklärt Schiller. Kinder seien ehrlich und würden es einem sofort ins Gesicht sagen, wenn sie etwas stört.

Auch Niklas Laible ließ sich von seiner negativen Erfahrung während der Ausbildung nicht aus der Bahn werfen. Denn Freunde und Familie bestärkten ihn, weiterzumachen – im Löwenzahnkindergarten in Eigeltingen ist er jetzt glücklich. „Mein privates Umfeld hat mich unterstützt und findet es toll, dass ein Mann diesen Beruf macht“, sagt er. „Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung“, sagt der 24-Jährige.

Und auch die Eltern der Kinder hätten ihm geholfen. „Die Eltern sind so klasse, ich komme mit allen gut aus hier. Viele finden es schön, wenn die Jungs und Mädchen auch eine männliche Bezugsperson haben“, sagt er. Er ist deshalb überzeugt, den richtigen Weg zu gehen, und sagt: „Erzieher ist kein reiner Frauenberuf mehr. Es gibt auch Männer, die diese Arbeit gerne machen.“

Braucht es mehr Männer?

Jonas Jäckle hat darauf eine klare Antwort: „Ja, auf jeden Fall. Kinder brauchen auch Bezug zu männlichen Erwachsenen.“ Im Idealfall sollten es sogar 50 Prozent sein, findet er.

Michael Schiller sieht das ähnlich. „Ich finde diese Entwicklung schön, denn mit der Zeit gewöhnen sich die Leute daran“, sagt der 37-Jährige. Gerade bei alleinerziehenden Müttern sei eine männliche Bezugsperson für die Kinder wichtig.

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Sie würden ihm vertrauen, sich bei Problemen an ihn wenden – auch die Mädchen. „Wir männlichen Erzieher kümmern uns genauso um vermeintlich weibliche Themen, auch bei Fragen in der Pubertät“, erklärt Schiller.

Auch Niklas Laible hofft, dass sich noch mehr Männer trauen, diesen Beruf zu wählen. In jedem Kindergarten sollte mindestens ein Mann arbeiten, findet der 24-Jährige. Er sagt: „Wieso denn auch nicht, es gibt ja auch Frauen, die Lastwagen fahren oder auf dem Bau arbeiten.“

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