Die Nachfrage nach lokalen Produkte auf Bauernmärkten, an Verkaufsständen oder in Hofläden ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Das ist für Alexander Buhl vom Seeblickhof in Wahlwies ein positiver Aspekt der Corona-Krise. „Auch unser Hofladen wird gut frequentiert. Ich vermute, das liegt auch daran, dass die Leute mehr Zeit haben und mehr frisch kochen.“

Die Trockenheit der letzten Zeit war dagegen eher negativ. Der Regen vor einiger Zeit habe vielen Kulturen gutgetan, doch es dürfte noch mehr sein, so der Obstbaumeister. Wo es möglich war, haben sie ihre Obstkulturen bewässert. „Es ist noch nicht so krass wie 2018, als wir eine extrem lange Trockenheit hatten. Momentan ist es noch in Ordnung, aber in der Tiefe ist der Boden trocken“, erklärt er.

Hiobsbotschaft für die Betriebe

Wie die große Erdbeere an der Hofeinfahrt zeigt, ist Buhl mit seinen Helferinnen und Helfern momentan voll in der Erdbeerernte. Drei Polen, die schon seit Jahren herkommen, unterstützen ihn. Dabei war zunächst unklar, ob sie kommen könnten, denn ab Ende März durften Erntehelfer nicht mehr nach Deutschland einreisen.

Alexander Buhl, der auch zweiter Vizepräsident vom Landesverband der Erwerbsobstbauern (LVEO) ist, sagt: „Das war für die Betriebe eine Hiobsbotschaft.“ Für polnische Bürger galten dann aber doch keine Beschränkungen. Allerdings waren früher deutlich mehr Polen zur Ernte hier. Der Anreiz sei geringer, weil die Verdienstmöglichkeiten in Polen besser seien als vor einigen Jahren, so Buhl. Inzwischen kämen die meisten Erntehelfer aus Rumänien.

Geschmack, Glanz und Größe – dieses Jahr stimmt alles, sagt Landwirt Roland Koch.
Geschmack, Glanz und Größe – dieses Jahr stimmt alles, sagt Landwirt Roland Koch. | Bild: Claudia Ladwig

Buhl erklärt: „Bis zum 15. Juni dürfen rumänische Erntehelfer nur per Flugzeug über bestimmte Flughäfen nach Deutschland einreisen. Das soll verhindern, dass es während des Transits zu Infektionen kommt. So ist es eine kurze Reise ohne Stopps. Sie dürfen auch nur per Flug zurückreisen.“

Während polnische Helfer bei der örtlichen Gemeinde gemeldet werden, müssen die rumänischen zentral bei der Bundespolizei angemeldet werden. „Nur wer angemeldet ist, darf auschecken“, sagt Buhl. Es folgt ein Gesundheitscheck am Flughafen. Die Rumänen wie auch die anderen ausländischen Helfer müssen sich hier zunächst in eine 14-tägige Quarantäne begeben. Sie dürfen arbeiten, aber das Gelände nicht verlassen, um beispielsweise einkaufen zu gehen.

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„Damit sie während der Arbeit nicht in Kontakt mit anderen Arbeitnehmern kommen, bleiben sie teamweise für sich. Wir halten das Team so klein wie möglich, maximal fünf Leute arbeiten zusammen.“ Das minimiere das Ansteckungs- und Ausfallrisiko, denn wenn einer innerhalb des Teams positiv auf Corona getestet würde, könne das ganze Team nicht mehr arbeiten, weil alle Kontaktpersonen seien. „Bei der Unterkunft ist es auch schwierig, die darf nur zur Hälfte ausgelastet sein, muss regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden“, sagt er.

33.000 statt 80.000 Erntehelfer

Auf Basis von Zahlen der Vorjahre und Umfragen in den Betrieben kamen die Bauernverbände und das Bundeslandwirtschaftsministerium auf eine Schätzung von benötigten 80.000 Erntehelfern für den Zeitraum April und Mai. Gekommen sind laut Buhl 33.000 Helfer. „Inländische Helfer haben einen Teil kompensiert“, berichtet Buhl.

Viele Betriebe scheuten den finanziellen Aufwand, denn sie müssten die Flugkosten für die rumänischen Erntehelfer übernehmen. „Die Zusatzkosten sind hoch. Manche Landwirte ernten lieber einen Teil nicht, um Kosten zu sparen. Außerdem wollten einige Helfer wegen des Virus nicht nach Deutschland kommen.“ Aufgrund der besonderen Situation wurde die erlaubte Aufenthaltsdauer von 70 Tagen im Jahr auf 115 Tage erhöht. Dies soll für weniger Reiseaktivität sorgen.

Flugkosten von 250 Euro pro Person

Bei Martin Senger in Espasingen arbeiten drei Rumänen, die schon vor April da waren. Sie machen Pflegearbeiten im Obstbau, dünnen aus und erledigen Bindearbeiten. Bald geht die Johannisbeerernte los. Er erzählt, dass er seit zwei Wochen versuche, vier neue Leute zu bekommen. Das sei schwierig, er müsse sich um die Tickets und die Voranmeldung kümmern.

Normalerweise habe er dafür einen Vermittler angerufen, die Helfer seien mit einem kleinen Bus gekommen und hätten selbst die Reisekosten übernommen. Nun müsse er pro Person rund 250 Euro Flugkosten tragen. „Unsere Helfer sind im alten Kindergarten untergebracht. Wenn die neuen kommen, gehen die alten.“ Zunächst wolle er die neuen Helfer separat unterbringen und die Arbeitszeiten so anpassen, dass sie getrennt beginnen und extra Pause machen.

Zehn Stunden bei Kälte und Hitze

Die Erntehelfer von Roland Koch stammen aus Polen und Rumänien. Sie arbeiten in einer großen Gruppe, denn ihre Quarantänezeit ist bereits vorbei. „Die Helfer kommen schon lange zu uns, nur ein paar neue sind dabei“, erzählt der Bodmaner Obstbauer, der Erdbeerfelder zwischen Espasingen und Wahlwies bewirtschaftet. Die Polen seien einzeln mit Autos gekommen, jetzt dürften sie wieder in Kleinbussen anreisen. Koch hat wie Buhl normalerweise Platz für 20 Erntehelfer, darf aber jetzt nur zehn einquartieren.

„Weil einige Kollegen keine Erdbeeren haben, brauchen sie gerade keine Erntehelfer und ich kann meine Leute bei ihnen unterbringen“, freut er sich. Die Helfer versorgen sich selbst und kaufen auch füreinander ein. Sie arbeiten etwa zehn Stunden am Tag. Morgens sei es oft noch extrem kalt, das sei hart für die Pflücker. Den Erdbeeren käme das allerdings zu Gute, sie reiften nicht zu schnell.

Haupterntezeit ist im September

Alexander Buhl spricht aus, was für alle gilt: Er erwarte mit Spannung, wie sich die Lage entwickle, ob eine zweite Virus-Welle komme, ob die Auflagen gelockert oder verschärft würden. „Aufgrund der Hauptkultur Apfel ist bei uns die Haupterntezeit im September. Wenn es nicht gut läuft, wird es hier Probleme aufgrund fehlender Helfer bei der Apfelernte und auch bei der Weinlese geben.“ Auch die Unterbringung könnte schwierig werden, falls die Abstandsregeln weiter so bleiben sollten.

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