Die Sanierung der ehemaligen Schlossbrauerei in Espasingen ist einen Schritt weiter. Dem Stockacher Gemeinderat lag in seiner jüngsten Sitzung ein Baugesuch zu dem Vorhaben vor. Wie Harald Schweikl vom Stadtbauamt erklärte, sollen in dem markanten Gebäude an der Espasinger Ortsdurchfahrt 22 Wohnungen entstehen, zu denen 22 Parkplätze im Freien und sieben Stellplätze in einer Garage gehören. Der Ortschaftsrat hat laut Schweikl dem Baugesuch bereits zugestimmt.

Bereits im Februar 2019 hatte die Radolfzeller Immobilienfirma Gnädinger und Mayer das marode Gebäude gekauft, mit dem Ziel, es zu erhalten und für Wohnraum zu nutzen. Die Sanierung der früheren Brauerei, die ursprünglich ein Schloss der Familie Bodman war, gehört zu einem groß angelegten Bauprojekt, das das ganze Gelände neu beleben soll.

Details aus den Umbauplänen

Die Ansicht des Gebäudes von der Straße her werde sich wenig verändern, sagte Schweikl während der Sitzung. Es würden keine Anbauten oder Erweiterungen beantragt. Laut dem beigelegten Plan werden Balkone auf der von der Straße abgewandten Seite des Gebäudes entstehen.

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Eine kurze Aussprache gab es im Gremium zum Thema Tierschutz. Karl-Hermann Rist (Grüne) sprach eine Kolonie von Mehlschwalben an, die am Bauwerk lebe, und fragte, wie diese beeinträchtigt würde. Bürgermeister Rainer Stolz antwortete, dass bei diesem Verfahrensschritt der Gemeinderat nur seine Meinung zum Baugesuch sage. Wie der Umbau konkret umgesetzt werden soll, werde im Genehmigungsverfahren mit den Fachbehörden geklärt.

Was mit dem Storchennest passiert

Espasingens Ortsvorsteher Andreas Bernhart, der auch für die CDU im Gemeinderat sitzt, berichtete noch von einem weiteren Tierschutzthema an der früheren Brauerei: dem Storchennest auf dem Schornstein des Gebäudes. Das Tier solle während der Bauarbeiten umgesiedelt und danach wieder auf dem Schornstein angesiedelt werden. Der Gemeinderat billigte das Baugesuch mit einer Gegenstimme von Thomas Warndorf (SPD).

Diese Jungvögel sind fast flügge. Sie hocken in einem von mindestens 74 besetzten Nestern im Gebäude der ehemaligen Brauerei in Espasingen. Bild: Hanns Werner
Diese Jungvögel sind fast flügge. Sie hocken in einem von mindestens 74 besetzten Nestern im Gebäude der ehemaligen Brauerei in Espasingen. Bild: Hanns Werner

Um die Mehlschwalbenkolonie und die Störche ging es vor Kurzem auch in der Hauptversammlung des Umweltzentrums. Hanns Werner sprach über die Tiere. Mit ihren Treppengiebeln, den typischen Fassadenfronten und dem riesigen Storchennest auf dem ehemaligen Schornstein präge das Gebäude das Ortsbild von Espasingen.

Mehlschwalben stehen unter Schutz

Viel weniger bekannt als der Weißstorch sei die Mehlschwalbe. Werner machte deutlich, dass die Mehlschwalbe ein ganz außergewöhnlicher Vogel sei. Sie finde nach bis zu 20.000 Kilometern Vogelzug vom Brutgebiet ins Winterquartier und zurück nicht nur ihr Brutgebäude wieder. Die Brutpaare beziehen sogar ihr vorjähriges Nest. Mehlschwalben müssen also navigieren können. Weiter kommt in Europa keine andere Singvogelart mit so wenig Energie aus.

Hanns Werner kennt sich mit Mehlschwalben aus.
Hanns Werner kennt sich mit Mehlschwalben aus. | Bild: Arndt, Isabelle

Die Bestandsentwicklung der Mehlschwalbe sei laut Werner erschreckend: Brutvogelkartierungen im gesamten Bodenseegebiet im zehnjährigen Abstand zeigten, dass ihr Brutbestand von 1980 bis 2010 um 60 Prozent zurückgegangen sei. Er betonte: „Das ist der Grund, warum sie vom Gesetzgeber in der Liste der besonders geschützten Arten geführt wird, und warum eine Bestandserfassung der Espasinger Brutkolonie so wichtig ist.“

Vogelkolonie ist Espasingen wohl größte in der Region

Zur diesjährigen Bestandserfassung musste von den 138 intakten Naturnestern des Gebäudekomplexes die möglichst genaue Zahl der besetzten Nester gefunden werden. Mit einer ausgefeilten Methode und viel Geduld kamen Lucia Fuchs und Hanns Werner auf mindestens 74 besetzte Nester. Die seeweiten Ergebnisse lägen noch nicht vor, doch das seien so viele, dass es möglicherweise im gesamten Bodenseegebiet 2020 keine größere Mehlschwalbenkolonie als diese gebe.

Mehlschwalben auf den Leitungen an der ehemaligen Brauerei in Espasingen. Bild: Hanns Werner
Mehlschwalben auf den Leitungen an der ehemaligen Brauerei in Espasingen. Bild: Hanns Werner

Das Landratsamt habe den Investor über die Bedeutung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes für die Mehlschwalbe informiert. Trotz weitreichender Baumaßnahmen müsse alles getan werden, um die Kolonie zu erhalten. „Dazu gehört die strikte Einhaltung eines Zeitfenstern zur Renovierung der Außenfassade. Dieses Zeitfenster von sieben Monaten wird durch den Vogelzug der Mehlschwalbe bestimmt“, so Werner.

Mitte Juli habe im Landratsamt Konstanz ein erstes Gespräch mit dem Vertreter des Investors, dessen Architekten, der Unteren Naturschutzbehörde sowie zwei Vertretern des Nabu stattgefunden. Der Nabu habe die erforderlichen Maßnahmen präsentiert und diese seien ausführlich diskutiert worden. „Das Gespräch verlief einvernehmlich“, teilte Hanns Werner mit.

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