Die Stadt Meßkirch und die Gemeinde Sauldorf wollen die Ablachtalbahn zwischen Stockach und Mengen kaufen und dort einen Touristenverkehr ermöglichen. Entsprechende Beschlüsse haben die dortigen Gemeinderäte gefasst. Damit könnten auf der Bahnstrecke, die von Stockach zur Donautalstrecke führt, schon recht bald wieder erste Züge fahren. Doch klar ist auch: Ein regulärer Personenverkehr, der die Region näher an Ulm oder sogar an Stuttgart und seinen Flughafen rücken könnte, ist das noch lange nicht.

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Was bedeutet das nun für den Raum Stockach? Die Gemeinderäte der beiden Anliegerkommunen im Kreis Konstanz, Stockach und Mühlingen, haben sich im September eindeutig positioniert. Beide Gremien erklärten, sie begrüßten zwar die Initiative des Landes zur Reaktivierung der Bahnstrecke. Allerdings sehe man Kauf und Betrieb einer Eisenbahn nicht als kommunale Aufgabe. Das Land dürfe die Kommunen nicht in die Pflicht nehmen, diese würden sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten aber an der Finanzierung unter Federführung des Landes beteiligen.

„Wir haben Klimawandel. Wenn man so weitermacht wie bisher, bahnt sich eine Katastrophe an.“ Alice Engelhardt, Grüne
„Wir haben Klimawandel. Wenn man so weitermacht wie bisher, bahnt sich eine Katastrophe an.“ Alice Engelhardt, Grüne | Bild: SK

Nun ist bekannt, dass der Kaufpreis für die Strecke bei einem Euro liegt. Und Frank von Meißner, Betriebsleiter der Bahnstrecke zwischen Altshausen und Pfullendorf, die unter dem Namen Räuberbahn in kommunaler Regie touristisch genutzt wird, stellte bei einer Infoveranstaltung des Fördervereins Ablachtalbahn in Meßkirch einen möglichen Businessplan für die Ablachtalbahn vor. Unter Berücksichtigung der zu erwartenden Zuschüsse und Trassenentgelte sei mit einem Minus von etwa 90.000 Euro jährlich zu rechnen, so von Meißner. Meßkirch und Sauldorf wollen zusammen jährlich 100.000 Euro für Investitionen und Unterhalt bereitstellen. Das Land habe signalisiert, Züge für Ausflugsverkehr zu bestellen, hieß es im Meßkircher Rat.

Noch führt das Gleis nach nirgendwo: Die Schienen der Ablachtalbahn in Zizenhausen.
Noch führt das Gleis nach nirgendwo: Die Schienen der Ablachtalbahn in Zizenhausen. | Bild: Freißmann, Stephan

Für die Stockacher Gemeinderäte ändern diese Nachrichten nichts an ihren Positionen, wie sie auf Anfrage erklären. „Ich sehe nach wie vor nicht die Verantwortung bei den Gemeinden, einen Schienenpersonennahverkehr zu betreiben“, sagt Wolfgang Reuther (CDU), Sprecher der größten Fraktion. Der Kaufpreis ändere nichts, die Folgekosten seien das Spannende. Wenn ein attraktives Angebot geschaffen werden soll, koste das richtig Geld – und wie diese Kosten aufgeteilt werden, müsse klar sein, bevor sich eine Gemeinde beteiligt.

„Ich sehe nach wie vor nicht die Verantwortung bei den Gemeinden, einen Schienenpersonennahverkehr zu betreiben.“ Wolfgang Reuther, CDU
„Ich sehe nach wie vor nicht die Verantwortung bei den Gemeinden, einen Schienenpersonennahverkehr zu betreiben.“ Wolfgang Reuther, CDU | Bild: Lukas Maier

Auch Wolf-Dieter Karle (Freie Wähler) bleibt für seine Fraktion bei dem Votum, dass man zuerst die Westumfahrung regeln müsse, ehe man sich an einer Bahnlinie beteilige: „Wir sind in Stockach und müssen für Stockach entscheiden.“ Joachim Kramer (SPD) sagt ebenfalls, dass Bahnverkehr nie eine kommunale Sache gewesen sei. Ihn ärgere es, dass sich Land und Bund zurückgezogen hätten. Und als Kaufmann sei er immer skeptisch, wenn etwas sehr günstig angeboten werde. Auch Julia Zülke (FDP) signalisiert, dass man bei dem bleibe, was im Gemeinderat beschlossen wurde.

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Nur Gemeinderätin der Grünen sieht es anders

Nur Alice Engelhardt (Grüne) sieht es anders: „Wir haben Klimawandel. Wenn man so weitermacht wie bisher, bahnt sich eine Katastrophe an.“ Daher plädiert sie im Gespräch dafür, sich zu beteiligen. Die Summe von 15 Millionen Euro, die für einen Vollbetrieb investiert werden müsse, sei sicher eine realistische Zahl. Dieser Wert wurde in einem Gutachten der Erms-Neckar-Bahn AG über die Ablachtalbahn genannt, das den Stockacher Räten vor ihrer Entscheidung allerdings nicht vorlag. Engelhardts Antrag auf Vertagung der Entscheidung und Vorlage des Gutachtens war im September im Rat knapp gescheitert. Sie betont, dass sich der Betrag auf mehrere Partner und Jahre verteile und es außerdem Fördermittel gebe. Das Risiko sei durchaus überschaubar. Und sie gibt zu bedenken, dass auch eine Straße teuer sei.

„Wir sind in Stockach und müssen für Stockach entscheiden.“ Wolf-Dieter Karle, Freie Wähler
„Wir sind in Stockach und müssen für Stockach entscheiden.“ Wolf-Dieter Karle, Freie Wähler | Bild: SK

Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz verweist auf Anfrage weiterhin auf den Beschluss des Gemeinderats. Um sich zu einer Touristenbahn zu positionieren, müsste man zunächst Genaueres wissen, inklusive eines konkreten Fahrplans, schreibt Stolz. Und Mühlingens Bürgermeister Manfred Jüppner nennt den Schritt der beiden Nachbargemeinden mutig, sieht aber ebenfalls „kein vorrangiges kommunales Interesse, Tourismusverkehr oder Güterverkehr auf die Strecke zu bringen“, wie er auf Anfrage schreibt. Das Angebot von Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick, weitere Kommunen ins Boot zu holen, finde er „nobel und verlockend“.

„Ich sehe kein vorrangiges kommunales Interesse, Tourismusverkehr oder Güterkehr auf die Strecke zu bringen.“ Manfred Jüppner, Bürgermeister von Mühlingen
„Ich sehe kein vorrangiges kommunales Interesse, Tourismusverkehr oder Güterkehr auf die Strecke zu bringen.“ Manfred Jüppner, Bürgermeister von Mühlingen | Bild: SK

Er weist darauf hin, dass der Schienenpersonennahverkehr per Gesetz Landesaufgabe sei. Ziel der Übernahme sollte Personen- und Fernverkehr mit der Perspektive eines Anschlusses an Stuttgart sein, so Jüppner. Dafür muss allerdings die Strecke von Krauchenwies nach Sigmaringen wieder errichtet werden. Und er verweist auf die vorgesehene Konkurrenz von Gemeinden um Fördergelder, die zu langen Wartezeiten führen könne. „Der Einstieg von Meßkirch und Sauldorf muss münden in eine Übernahme des Betriebes für Personenverkehr durch das Land“, wenn auch mit finanzieller Beteiligung durch willige Kommunen.

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Und was hat in Meßkirch und Sauldorf zu anderen Beschlüssen geführt? In Meßkirch verspricht sich Bürgermeister Zwick einen Treiber für die Stadtentwicklung. Und Wolfgang Sigrist, Bürgermeister von Sauldorf, lenkte im Gemeinderat die Aufmerksamkeit auf die Chancen. Von Landesverkehrsminister Winfried Hermann bekamen die Gemeinden ein Lob für ihr Engagement. Den Stockacher SPD-Rat Kramer lässt das kalt: „In den letzten 20 Jahren hat sich keine Landesregierung darum gekümmert, obwohl die Wiederbelebung hier schon damals ein Thema war. Das kommt erst jetzt“, sagt er mit Blick auf die Landtagswahl im März 2021.

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