Gähnende Leere herrscht in der Stockacher Oberstadt. Kaum jemand ist unterwegs, der Lockdown wurde bis zum 31. Januar verlängert – die Entscheidung über eine weitere Verlängerung steht kurz bevor. Die Leidtragenden sind die Einzelhändler, die ihre Geschäfte geschlossen halten müssen. Lediglich den Abholservice „Click and Collect“ dürfen sie seit Montag, 11. Januar, anbieten. Für die meisten nur ein schwacher Trost nach einem durch Corona gebeutelten Jahr 2020.

Verkauf der Winterware wird erschwert

„Der zweite Lockdown war für uns alle ein Schlag ins Gesicht, vor allem weil das unser erhofftes Weihnachtsgeschäft total ruiniert hat“, sagt Anja Schmidt, stellvertretende Vorsitzende des HHG, im Gespräch mit dem SÜDKURIER. „Vor Weihnachten noch die Pforten zu schließen, damit habe ich selbst nicht gerechnet.“ Doch durch die Verlängerung des Lockdowns werde nun auch der Abverkauf der Winterware für die Geschäfte erschwert. Das gleiche vor allem in der Modebranche einer Katastrophe, da bereits schon im Januar die neue Ware für das Frühjahr zur Auslieferung bereit stehe.

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„Eine Verlängerung des Lockdowns mag wohl angesichts der Zahlen berechtigt sein, doch es eine absolute Katastrophe für uns Einzelhändler“, sagt Anja Schmidt, die selbst Betreiberin eines Modegeschäfts ist. „Inzwischen geht es bei dem ein oder anderen schlichtweg ums wirtschaftliche und in der Konsequenz auch soziale Überleben.“ Viele Ladenbesitzer seien wütend und verzweifelt. So bildeten sich laut Schmidt auch bereits Gruppierungen im Internet unter dem Titel „Wir machen auf“, bei denen die Ladeninhaber aus Protest trotz Lockdown öffnen würden. „Was haben Sie für eine Alternative?“, fragt sich Anja Schmidt. „Konkurs durch Verbote? Tausende Existenzen stehen auf dem Spiel.“

Zweifach betroffen

Im doppelten Sinne betroffen ist Fatmir Benbir. Er ist der Inhaber der Bar Castle, die er aufgrund der Beschränkungen schließen musste. Darüber hinaus hatte er gerade ein zweites Standbein in Stockach eröffnet: ein Bekleidungsgeschäft für Vintage- und Second-Hand-Mode.

„Damit hatte ich nur zehn Tage auf und musste direkt wieder schließen“, sagt Benbir gegenüber dem SÜDKURIER. Den Abholservice „Click and Collect“, den Händler seit dem 11. Januar anbieten können, mache für ihn keinen Sinn. Er glaubt nicht, dass seine Kundschaft, die auch aus vielen älteren Menschen bestehe, den Service nutzen würde.

Was ist mit den älteren Kunden?

Christine Trimborn darf ihr Geschäft S‘andere Lädele auch im Lockdown öffnen, da sie vorrangig Waren für den täglichen Bedarf verkauft. Doch auch sie hat große Probleme. „Ich habe einen Umsatzrückgang von 40 Prozent“, sagt sie. „Ich bin der Meinung, dass die Geschäfte und die Speiselokale mit den Maßnahmen, die alle getroffen haben, weiter offen gehalten werden könnten.“ Den Abholservice sieht sie mit gemischten Gefühlen. So funktioniere der Abholservice beziehungsweise das Bestellen überwiegend über das Internet. Wenn man im Netz vertreten ist, sei das eine gute Möglichkeit. „Aber was ist mit den älteren Menschen?“, fragt sich auch Christine Trimborn. Diese hätten oft keinen Internetzugang.

Sie glaubt, viele Einzelhändler werden den Lockdown nicht durchstehen und rechnet auch mit vielen Arbeitslosen. Doch sie hofft darauf, dass ein Umdenken der Kunden stattfindet und der Einzelhandel wieder mehr in Anspruch genommen wird.

Kaufkraft sollte in die Stadt fließen

Auch Anja Schmidt denkt, dass die Kunden den regionalen Einzelhandel und das Gewerbe unterstützen sollten. Die Kaufkraft müsse in die Stadt zurückgeholt werden. Sie schlägt dazu beispielsweise ein attraktiveres Innenstadtkonzept oder einen gemeinschaftlichen Auftritt der Gewerbetreibenden vor. Es sollte ferner ein Stadtmarketingkonzept mit der Stadt und beispielsweise den Vereinen erstellt werden.

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„Doch das Wichtigste ist, dass sich die Bürger bewusst machen sollten, dass der Handel abhängig von den Bewohnern und deren Kaufkraft ist“, sagt Anja Schmidt. „Letztendlich wird die Stadt Stockach auch durch die Gewerbesteuer gefördert und unterstützt.“ Sie stellt auch die Frage in den Raum, ob es im nächsten Jahr noch eine Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt gebe. Denn diese würde über die HHG beziehungsweise über Händlerspenden finanziert und organisiert. Einkaufsketten wie Müller Markt oder Online-Riesen wie Amazon würden sich daran nicht beteiligen.