An den Bushaltestellen vor dem Schulzentrum in der Stockacher Dillstraße zeigt sich ein doppelt ungewohntes Bild: Erstens verwundert es fast, dort nach mehreren Wochen wieder Schüler zu sehen. Zweitens fällt auf, dass es nur sehr wenige sind. Aber an diesem ersten Schultag in der Corona-Krise sind auch nur die ältesten Jahrgänge da. Die 130 Zehntklässler am Schulverbund Nellenburg haben nun zunächst montags, mittwochs und donnerstags Unterricht. Laut Schulleiterin Beate Clot kommen die neunten Klassen an den anderen beiden Wochentagen. Am Nellenburg-Gymnasium dürfen nun die 90 Zwölftklässer wieder in die Schule. Da es dort dieses Jahr kein Abitur gibt, gehen sie derzeit als einzige in die Schule.

Canan Tezer (links) und Amy Schwidder erzählten, dass sie die Pausen in den Klassenräumen innerhalb der Kleingruppe verbringen.
Canan Tezer (links) und Amy Schwidder erzählten, dass sie die Pausen in den Klassenräumen innerhalb der Kleingruppe verbringen. | Bild: Claudia Ladwig

Zuerst haben die Realschüler Schulschluss. Elisabeth Scherer wartet mit drei Mitschülerinnen auf den Bus. Sie habe sich gefreut, dass sie wieder in die Schule gehen dürfe. „Aber es war ungewohnt und komisch“, sagt sie. Ihre Klasse sei in drei Gruppen geteilt worden. Sie hätten zu neunt im Raum gesessen. Das Online-Lernen habe funktioniert, aber vor Ort sei es besser, findet sie. Sabrina Rus lobt die Organisation: „Alle gehen durch verschiedene Eingänge rein. Wir stellen uns entsprechend der Markierung hin und halten so die 1,50 Meter Abstand. Wir müssen rechts die Treppen hochgehen, damit wir uns nicht zu nahe kommen.“ Auf die Abschlussprüfungen in zwei Wochen fühlen sich die Mädchen recht gut vorbereitet.

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Videokonferenz fast wie richtiger Unterricht – echte Schule ist trotzdem besser

Auch Ines Lange und Ann-Kathrin Lehn freuen sich, dass sie wieder in die Schule gehen können. Der Online-Unterricht sei ganz in Ordnung gewesen, wenn auch die Verbindung manchmal nicht ganz mitgemacht habe. Per Videokonferenz sei die Klasse zum Lernen verbunden gewesen und die Schüler konnten Fragen stellen, die alle hören. Das sei „fast wie im richtigen Unterricht“ gewesen. Alle Befragten sind aber froh, ihre Freunde wieder um sich zu haben. Canan Tezer und Amy Schwidder betonen, es sei schade, dass man sich etwa nicht umarmen dürfe.

Im Foyer des Nellenburg-Gymnasiums wird genau erklärt, wie die Schüler sich in der aktuellen Lage verhalten sollen.
Im Foyer des Nellenburg-Gymnasiums wird genau erklärt, wie die Schüler sich in der aktuellen Lage verhalten sollen. | Bild: Claudia Ladwig

Ähnliche Eindrücke haben die Gymnasiasten. Paul Jänchen sagt, dieser Unterricht sei etwas Neues: „Ich bin froh, wieder da zu sein. Beim Home-Schooling ist es mir schwer gefallen, mich selbst zu motivieren.“ Die aktuelle Situation empfindet er nicht als anstrengend, obwohl auf dem Gang Masken getragen werden sollten. Etwa 13 bis 14 Personen seien maximal in einem Raum gewesen, denn die Kurse wurden geteilt. Fast alle Fächer würden unterrichtet, Sport falle aus und Ethik würde weiterhin online vermittelt, berichtet Lennart Keller, der sich über den geregelten Tagesablauf freut.

Schulleiter berichten von verhaltener Stimmung bei den Schülern

Ähnlich hört es sich an, wenn man mit Schulleitern ins Gespräch kommt. So sagt Beate Clot vom Schulverbund, dass die Schüler sich vor dem Unterricht im Freien mit genügend Abstand aufstellen mussten: „Die Abstände einzuhalten, fällt teilweise noch schwer“, so ihr Eindruck. Die Stimmung unter den Schülern empfand sie als eher verhalten. An die neue Art des Unterrichts müssten sich die Schüler erst noch gewöhnen, so Clot, und die Lehrer machten nun erst einmal Frontalunterricht.

Die Gymnasiasten Paul Jänchen, Lennart Keller, Jeremia Elmlinger und Lukas Friedrich (von links) freuen sich, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben.
Die Gymnasiasten Paul Jänchen, Lennart Keller, Jeremia Elmlinger und Lukas Friedrich (von links) freuen sich, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben. | Bild: Claudia Ladwig

Auch Holger Seitz, Leiter des benachbarten Gymnasiums, sagt: „Die Atmosphäre ist eine andere, das ist nicht Schule, wie man sie kennt.“ Seitz sieht ein psychologisches Problem auf die Schule zukommen, denn er erwartet, dass der Unterricht bis zu den Sommerferien nicht wie gewohnt laufen könne. In den 35 Klassenzimmern des Hauses seien nun höchstens fünf Lerngruppen gleichzeitig im Unterricht in geteilten Klassen: „Das ist fast schon gespenstisch: Es sind Schüler im Haus, aber kein Trubel.“ Und er hofft, dass es eine praktikable Möglichkeit gibt, die anderen Klassenstufen wieder in die Schule zu holen – ohne regelmäßig die Stunden- und Raumpläne zu ändern, was viel Verwaltungsarbeit sei.

Die Zehntklässlerinnen Ines Lange (links) und Ann-Kathrin Lehn sind mit dem Unterricht im Schulverbund Nellenburg zur Prüfungsvorbereitung recht zufrieden.
Die Zehntklässlerinnen Ines Lange (links) und Ann-Kathrin Lehn sind mit dem Unterricht im Schulverbund Nellenburg zur Prüfungsvorbereitung recht zufrieden. | Bild: Claudia Ladwig

Am Berufsschulzentrum (BSZ) berichtet Leiterin Claudia Heitzer, dass die Schüler erst einmal in den Unterrichtsmodus finden müssten. Die Klassen werden aufgeteilt, manche Lehrer würden ihren Unterricht dafür in ein benachbartes Zimmer streamen. Die Schüler seien von selbst motiviert, da es nun an die Prüfungsvorbereitung gehe. Und sie gingen vernünftig mit Hygiene- und Abstandsvorschriften um.

Das Home Schooling läuft weiter

Von einem „guten Wiedersehen“ spricht Andreas Rossatti, stellvertretender Leiter der Eigeltinger Schule. Die etwa 100 Schüler, die nun wieder zum Unterricht kommen, seien sehr kooperativ. Und auch die Lehrer seien froh, wieder direkt mit ihren Schülern sprechen zu können. Zusätzlich zum Präsenzunterricht gebe es Home-Schooling – wie auch für die anderen Klassen. Die räumliche Trennung erreiche seine Schule auch dadurch, dass ein Teil der Schüler in der Krebsbachhalle unterrichtet werde, so Rossatti.

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Mit räumlicher Trennung hat sich auch die Wahlwieser Waldorfschule beschäftigt, wo die Klassen 11, 12 und 13 wieder in die Schule kommen. Jede Klasse wurde halbiert, und die ganze Schule sei in drei Abschnitte geteilt, um die Schüler voneinander zu trennen, sagt Geschäftsführer Thorsten Heier. Unterricht finde des Abstands wegen auch in den größeren Sälen statt.

Der öffentliche Nahverkehr steuert auch wieder Schulen an

Mit der Wiederaufnahme des Schulbetriebes am Montag sind auch die Beförderungszahlen im öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) wieder angestiegen. Die Behringer GmbH Verkehrsbetriebe aus dem Klettgau, die mit ihren Bussen den Raum Stockach bedient, und die Betreibergesellschaft SWEG, die für die Seehäsle-Strecke zuständig ist, melden keinerlei Probleme.

  • In den Bussen läuft es rund: Wie Hubert Behringer, Geschäftsführer des Busunternehmens Behringer Verkehrsbetriebe, bestätigte, sei der erste Schultag nach der mehrwöchigen Schulschließung reibungslos abgelaufen. „Es wurde niemand stehengelassen.“ Bis auf wenige Ausnahmen hätten alle Schüler eine vorgeschriebene Maske dabei gehabt. Seiner Einschätzung nach habe die Koordination unter den Schulen selbst, den jeweiligen Schulbeginn und das Unterrichtsende zu variieren, sehr zum erfolgreichen Neustart beigetragen. „So konnten wir in den Bussen auch die nötigen Sicherheitsabstände gewährleisten, da nicht alle Schüler zur gleichen Zeit aus hatten“, so Behringer weiter. Wie sich die Beförderungszahlen in den nächsten Wochen entwickeln werden, bleibe laut Behringer abzuwarten: „Noch sind nicht alle Schulen wieder offen, die Grundschulen fehlen etwa noch. Wir konnten aber schon einen Anstieg der Fahrgastzahlen vermerken.“
  • Verstöße nur auf dem Bahnsteig: „Der Fahrbetrieb am Montag lief in den Seehäsle-Zügen planmäßig. Es waren etwas mehr Fahrgäste als zuvor unterwegs“, teilt Christoph Meichsner von der Betreibergesellschaft SWEG mit. Der Großteil der Fahrgäste halte sich an die Pflicht, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen. „Am ehesten wird noch an den Bahnsteigen gegen die Maskenpflicht verstoßen“, so Meichsner weiter.

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