Auf der Bodenseegürtelbahn zwischen Radolfzell und Friedrichshafen und auf der Seehäsle-Strecke nach Stockach könnten die Tage des Diesel-Verkehrs gezählt sein. Kürzlich hat nämlich das Landesverkehrsministerium sein Schienen-Elektrifizierungskonzept für Baden-Württemberg vorgestellt. Darin ist die Bodenseegürtelbahn samt dem Abzweig nach Stockach in der Kategorie "vordringlicher Bedarf" einsortiert. Diese hat nach den Strecken, deren Elektrifizierung bereits läuft oder geplant wird, die höchste Priorität. Laut einer Pressemitteilung von Dorothea Wehinger (Grüne), Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Singen-Stockach, sollen die Züge auf der Strecke bis 2025 elektrisch fahren.

Für die Fahrgäste könnte das Verbesserungen mit sich bringen. Denn elektrische Züge beschleunigen schneller als dieselgetriebene. Und damit werden mehr Halte möglich, etwa im Stockacher Ortsteil Espasingen, was viele Einwohner des Ortes schon lange wünschen. Auch Paul Stopper von der Initiative Bodensee-S-Bahn hat bei früherer Gelegenheit vorgeschlagen, die Bahnverbindung durch mehr Halte attraktiver zu machen. Auch beim Seehäsle von Radolfzell nach Stockach entstünde durch schnellere Beschleunigung eine neue Möglichkeit: Die Strecke könnte in den nördlichen Ortsteil Hindelwangen fortgeführt werden.

Das Seehäsle, ebenfalls dieselgetrieben, hält im Bahnhof von Stockach. Auch hier könnte man bald mit Strom fahren.
Das Seehäsle, ebenfalls dieselgetrieben, hält im Bahnhof von Stockach. Auch hier könnte man bald mit Strom fahren. | Bild: Stephan Freißmann

Ob das alles so umgesetzt wird, ist allerdings noch lange nicht entschieden. Zwar sind der Landkreis Konstanz, der Bodenseekreis, der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben und eine Reihe von Kommunen – darunter Bodman-Ludwigshafen und seit Neuerem auch Stockach – seit 2011 in einem Interessenverband für die Elektrifizierung organisiert. Doch wie der Betrieb ablaufen soll, sei noch Gegenstand der Begutachtung, sagt Ralf Bendl, Leiter des Amtes für Nahverkehr und Straßen im Konstanzer Landratsamt. Beschlusslage des Kreistags sei lediglich, dass der Kreis Konstanz sich an den Kosten für die Elektrifizierung beteiligen wolle. Und was den Abzweig nach Stockach angeht, hätte ein erstes Gutachten ergeben, dass die Elektrifizierung Sinn ergebe – ohne sie würde auf dem Weg von Radolfzell nach Stockach auf zehn Kilometern Fahrdraht fehlen. Ob der Betrieb unter Strom gut funktionieren würde, werde in einem weiteren Gutachten geklärt, das noch ausstehe.

Nicht nur die Landtagsabgeordnete Wehinger freut sich, dass das Land den elektrischen Lückenschluss zwischen der Südbahn, die in Friedrichshafen endet, und Radolfzell forcieren will. Auch in der Kommunalpolitik gibt es Zustimmung. So schreibt Bodman-Ludwigshafens Bürgermeister Matthias Weckbach, man begrüße die Initiative des Landes. Gleichzeitig unterstütze die Kommune die Prüfung, "ob batteriebetriebenes Zugmaterial eingesetzt werden kann". Denn am Überlinger See gibt es Sorge, dass eine Oberleitung das Landschaftsbild und die Überquerung der Bahnlinie mit Booten stören könnte. Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz, der auch im Kreistag sitzt, äußerte sich skeptisch zur Verlängerung des Seehäsle bis Hindelwangen. Solange es keine Umfahrung von Stockach gibt, vertrete er die Weiterführung nicht, sagt er. Die Straßen der Stadt seien am Limit, durch weitere Schließungen von Schranken an Bahnübergängen gäbe es noch mehr Belastung. Zum möglichen Halt in Espasingen sagte er, ein solcher sei natürlich günstig. Bei Ortsvorsteher Andreas Bernhart hört sich das euphorischer an: "Das wäre ein Traum." Und die Elektrifizierung sei eine wichtige Grundlage für diesen Traum.

Ein neuer Interregio-Express, die seit Kurzem zwischen Basel und Ulm verkehren, auf der Gürtelbahn-Strecke in Stockach-Espasingen.
Ein neuer Interregio-Express, die seit Kurzem zwischen Basel und Ulm verkehren, auf der Gürtelbahn-Strecke in Stockach-Espasingen. | Bild: Stephan Freißmann

Strecke und Strom

Die Bodenseegürtelbahn verbindet Friedrichshafen mit Radolfzell. Der erste Abschnitt bis Überlingen ging 1895 in Betrieb, die Verbindung bis Friedrichshafen im Jahr 1901. Seit 2011 arbeitet der Interessenverband Bodenseegürtelbahn aus Kreisen, Kommunen und Regionalverband auf die Elektrifizierung hin. Der Konstanzer Landrat Frank Hämmerle wolle das Thema am Montag im Kreistag zur Sprache bringen, heißt es aus dem Landratsamt. Die Landkarte zum Elektrifizierungskonzept des Landes zeigt, dass vor allem im Südosten viel mit Diesel gefahren wird. Geld für Strom auf der Gürtelbahn soll demnach aus einem noch aufzulegenden Sonderprogramm und aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz des Bundes kommen. Eine Kostenschätzung nennt das Landespapier nicht. Die Oberleitung bis Stockach würde laut Sitzungsunterlagen des Kreistags 6,4 Millionen Euro kosten. (eph)