Überflüssig und teuer  –  mit solchen Bewertungen durch die Politik haben kleine Krankenhäuser öfter zu kämpfen. Und mitunter werden sie auch geschlossen. "Kurzsichtig" sei das – da sind sich Berthold Restle, Geschäftsführer, und Jürgen Brecht, ärztlicher Direktor des Krankenhauses Stockach, einig. Das Haus, für das sie arbeiten, ist so ein kleines Krankenhaus. Es hat 55 Betten in den beiden Abteilungen Chirurgie und Innere Medizin sowie eine kleine Intensivstation. 3335 Menschen wurden hier im Jahr 2017 stationär behandelt, wie Geschäftsführer Restle kürzlich vor dem Stockacher Gemeinderat berichtete. Damit ist das städtische Krankenhaus das kleinste Spital im Landkreis.

Kleine Krankenhäuser nicht unterschätzen

Und dennoch: Kleine Krankenhäuser sollte man nicht unterschätzen, mahnen Restle und Brecht. Denn das würde bedeuten, ihre wahre Leistung für die Menschen im ländlichen Raum nicht zu erkennen. Wohnortnahe Behandlung, auch im Interesse von Angehörigen, ist ein häufig gehörtes Argument. Doch Brecht zählt auf die Schnelle auch mehrere Hausärzte mit Praxis in der Umgebung auf, die ihre Ausbildung am Stockacher Krankenhaus absolviert haben. Und Brecht weist auf die gewachsene Zahl an Altersheimen in Stockach hin, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts verbunden seien. Dabei sei der Großteil der Krankenhausbehandlungen Routineeingriffe, ergänzt Restle. Auch als Notärzte seien Krankenhausärzte aktiv, sagen Brecht und Restle. Mit anderen Worten: Kleine Krankenhäuser können im ländlichen Raum einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Patienten leisten – zumal in einer Zeit, in der vor Landarztmangel gewarnt wird.

Der Eingangsbereich des Krankenhauses in Stockach, hier auf einem Archivbild. Mit seinen 55 Betten in zwei Abteilungen ist es das kleinste Krankenhaus im Landkreis. Laut dem ärztlichen Direktor Jürgen Brecht gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit die Möglichkeit zu operieren. Träger ist die Stadt Stockach, die auch das Defizit ausgleicht. Verwaltung und Gemeinderat stehen zum Krankenhaus, Unterstützung gibt es auch durch einen Förderverein mit mehr als 1200 Mitgliedern.
Der Eingangsbereich des Krankenhauses in Stockach, hier auf einem Archivbild. Mit seinen 55 Betten in zwei Abteilungen ist es das kleinste Krankenhaus im Landkreis. Laut dem ärztlichen Direktor Jürgen Brecht gibt es zu jeder Tages- und Nachtzeit die Möglichkeit zu operieren. Träger ist die Stadt Stockach, die auch das Defizit ausgleicht. Verwaltung und Gemeinderat stehen zum Krankenhaus, Unterstützung gibt es auch durch einen Förderverein mit mehr als 1200 Mitgliedern. | Bild: Löffler, Ramona

Dabei sehen Restle und Brecht kein akutes Problem, sondern eher ein perspektivisches Thema für die nächsten zehn bis 15 Jahre. Daten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg untermauern das. Die KV organisiert die Versorgung der Bevölkerung durch niedergelassene Ärzte. Für den Raum Stockach – also die Stadt und die fünf Umlandgemeinden Bodman-Ludwigshafen, Orsingen-Nenzingen, Eigeltingen, Mühlingen und Hohenfels – gebe es derzeit rechnerisch eine Überversorgung mit Hausärzten von 124,4 Prozent, schreibt Pressesprecher Kai Sonntag auf Anfrage. Nur in drei Mittelbereichen in Baden-Württemberg sei der Versorgungsgrad höher als rund um Stockach. Doch Sonntag schreibt auch, dass im Kreis Konstanz der Altersschnitt der Hausärzte höher sei als landesweit. 38 Prozent von ihnen seien im Januar 2018 älter als 60 Jahre gewesen (landesweit: 36 Prozent). Ein Umbruch bei den Hausärzten kündigt sich an.

Trotzdem könnte ein kleines Krankenhaus auf dem Land im Fall eines Engpasses nicht einfach so in die Bresche springen. Um das zu verstehen, muss man zum Beispiel über die Sektorengrenze Bescheid wissen. Was sich nach kaltem Krieg und längst vergangenen Zeiten anhört, gibt es im Gesundheitswesen heute noch. Die Sektorengrenze verläuft zwischen der ambulanten und der stationären Versorgung der Patienten. Für beide Sektoren stellen die Krankenkassen Geld zur Verfügung – und theoretisch gibt es keine Überlappungen. Denn ins Krankenhaus geht eigentlich nur jemand, der von einem niedergelassenen Arzt eingewiesen wurde.

Viele Menschen gehen in die Notaufnahme statt zum Hausarzt

Doch was, wenn ein Kranker am Wochenende, abends oder nachts in die Notaufnahme des Krankenhauses kommt, obwohl ihm eigentlich auch der Hausarzt oder die Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte hätte helfen können? Dann werde er gründlich untersucht, sagt Chefarzt Brecht, um keine wichtigen Symptome zu übersehen. Das Krankenhaus legt bei Patienten, die die Notaufnahme nach ambulanter Behandlung wieder verlassen, finanziell gesehen allerdings drauf, wie Geschäftsführer Restle anhand einer Studie der Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin erläutert. Die habe 2015 errechnet, so Restle, dass eine Notfallbehandlung in einem Krankenhaus 120 Euro kostet. Die Erstattung der Kassen liege hingegen bei 32 Euro pro ambulant behandeltem Fall. Selbst wenn in Stockach der Fehlbetrag nur halb so hoch sein sollte wie in der Studie, entgingen dem Krankenhaus dadurch etwa 200 000 Euro im Jahr, so Restle. Eine genaue Zahl kann er allerdings nicht nennen, weil die Kosten nicht im Einzelnen erfasst werden. Und eine Statistik darüber, wie viele Patienten in der Notaufnahme eigentlich zum Hausarzt hätten gehen können, gebe es im Stockacher Krankenhaus ebenfalls nicht. Allerdings sei die Zahl der Fälle in der Stockacher Notaufnahme stark gestiegen, nämlich von 3210 im Jahr 2011 auf 5005 im Jahr 2017. Und auch im Notarztbetrieb gebe es mehr Einsätze am Wochenende, die ein Hausarzt hätte behandeln können, berichtet Jürgen Brecht, der selbst als Notarzt aktiv ist. Restle: "Der Patient sucht sich das, was für ihn am besten passt." Und das ist offenbar nicht unbedingt die Fahrt zur Notfallpraxis.

"Der Patient sucht sich das, was für ihn am besten passt." Berthold Restle, Geschäftsführer des Stockacher Krankenhauses, über Menschen, die in die Notaufnahme kommen, obwohl ihnen ein Hausarzt hätte helfen können.
"Der Patient sucht sich das, was für ihn am besten passt." Berthold Restle, Geschäftsführer des Stockacher Krankenhauses, über Menschen, die in die Notaufnahme kommen, obwohl ihnen ein Hausarzt hätte helfen können. | Bild: Freißmann, Stephan

Daher hat Brecht eine andere Idee für die Versorgung von Patienten im ländlichen Raum, nämlich die Einrichtung von Versorgungszentren, an denen man sehen könne, was für den Patienten richtig ist – ohne Konkurrenz um Geldmittel zwischen ambulanter und stationärer Behandlung. Und auch die allgemeine Unterfinanzierung im Gesundheitssektor müsse aufhören: "Man kann sich gegenseitig helfen."

In einem kleinen Krankenhaus werden auch Ärzte ausgebildet, die später eine Praxis führen

Marc Nagel praktiziert als Allgemeinarzt in Hohenfels bei Stockach und wurde am Stockacher Krankenhaus ausgebildet. Er sieht die Spezialität von kleinen Krankenhäusern in der medizinischen Abklärung auf dem kurzen Weg: "Das wird die Kompetenz der kleinen Häuser bleiben und damit haben sie auch ihre Rolle", sagt er. Um das Thema der Patienten zu lösen, die sich statt beim Hausarzt in der Notaufnahme behandeln lassen, kennt er zwei Ideen. Einerseits könnte das Krankenhaus selbst bei der KV einen Arztsitz kaufen, eine Praxis eröffnen und so die Patienten lenken. Andererseits werde immer wieder eine Gebühr ins Spiel gebracht, die Menschen zahlen sollten, wenn sie ungerechtfertigt in die Notaufnahme gingen – doch das könne nur die Politik lösen. Ein Freund einer Gebühr ist Jürgen Brecht indes nicht: Schon die frühere Praxisgebühr in der Notaufnahme einzuziehen, sei viel Aufwand gewesen und habe für schlechtes Image gesorgt. Und eine eigene Praxis eröffnen wolle man nicht, um nicht in Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten zu treten.

"Wir sehen im Augenblick keinen Bedarf für eine weitere Notfallpraxis in der Region." Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg
"Wir sehen im Augenblick keinen Bedarf für eine weitere Notfallpraxis in der Region." Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg | Bild: Kassenärztliche Vereinigung

Die KV Baden-Württemberg sieht laut ihrem Pressesprecher Kai Sonntag übrigens keinen Handlungsbedarf: Es gebe allgemeinärztliche Notfallpraxen an den Krankenhäusern in Konstanz, Singen und Überlingen, an die sich Patienten am Wochenende und in den Abend- und Nachtstunden wenden könnten. "Wir sehen im Augenblick keinen Bedarf für eine weitere Notfallpraxis in der Region", so Sonntag.

Der Blick in den Landkreis

Der größte Betreiber von Krankenhäusern im Kreis ist der Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz (GLKN). Wie man dort das Thema kleine Krankenhäuser sieht:

  • Engen: Das Engener Krankenhaus wurde im Mai 2015 geschlossen – aus Personalmangel, wie Andrea Jagode, Pressesprecherin des GLKN, auf Anfrage schreibt. Seitdem ist das Haus zum Gesundheits- und Pflegezentrum entwickelt worden, mit medizinischem Versorgungszentrum (MVZ) – also vom Krankenhaus betriebenen Praxen, niedergelassenen Ärzten sowie einer Kurzzeitpflege mit 15 Betten.
  • Radolfzell: Am heute kleinsten Krankenhaus des GLKN im Kreis Konstanz habe es eine Schwerpunktbildung gegeben, so Jagode. Neben einer Grundversorgung in Innerer Medizin und Chirurgie sei dort die Geriatrie und Diabetologie für den gesamten Verbund angesiedelt. Außerdem gebe es eine 24-Stunden-Notfallambulanz, wobei der Operationssaal nachts und am Wochenende geschlossen sei. Und auch niedergelassene Ärzte könnten ein ambulantes OP-Zentrum nutzen.
  • Zahlen: Auch Jagode berichtet, dass ein großer Teil der Patienten in der Notaufnahme von niedergelassenen Ärzten oder deren Notfalldienst hätte behandelt werden können. Laut stichprobenartigen Zahlen für die neue Zentrale Notaufnahme in Konstanz aus acht Monaten im Jahr 2018 seien etwa 60 Prozent der Fälle ambulant behandelt worden. Durch das MVZ und die ambulanten Operationsmöglichkeiten sieht Jagode "ambulante und stationäre Krankenversorgung aus einer Hand".