„Zugabe, Zugabe!“ riefen die Zuhörer in der vollen Aula des Nellenburg-Gymnasiums und klatschten rhythmisch und begeistert, um den mehr als 50 jungen Interpreten ein weiteres Musikstück zu entlocken. Die Musiker, allesamt Schüler der fünfte Klassen bis Oberstufe des Nellenburg-Gymnasiums hatten, bis auf wenige Ausnahmen, bis zum Mittag Vortags mit Jazzmusik noch nicht so viel zu tun. Und dennoch präsentierten sie an diesem Abend zwei mitreißende und eigens von Joo Kraus, dem Trompeter der Gruppe Jazz and more-Collective, für diesen Anlass arrangierte Musikstücke „Stay Tuned“ und „That Funky Music“, und zwar mit Hingabe und viel Soul.

Man hatte den Eindruck, die Schüler probten schon seit langem miteinander, so harmonisch und überwältigend war der Zusammenklang. Doch nicht nur das: Auch Soli wurden geboten, nicht zu knapp, und von jedem einzelnen der jungen, ambitionierten Schüler auf eine Art und Weise präsentiert, als hätten sie niemals etwas anderes gemacht. Die Instrumente Posaune, Trompete, Saxophon, Klarinette, Euphonium, Gitarre, Schlagzeug, Geige, Querflöte, Gitarre und Stimme (Gesang) kamen zu Einsatz.

Am Nachmittag zeigte das Jazz and more-Collective, wie man richtig groovet (v.l.): Torsten Krill, Veit Hübner, Johannes Herrlich, Markus Harm, Martin Schrack, Göran Klinghagen und Joo Kraus.
Am Nachmittag zeigte das Jazz and more-Collective, wie man richtig groovet (v.l.): Torsten Krill, Veit Hübner, Johannes Herrlich, Markus Harm, Martin Schrack, Göran Klinghagen und Joo Kraus. | Bild: Constanze Wyneken

Doch wie kam es eigentlich zu diesem musikalischen Geschenk, das den Zuhörern gemacht wurde? Es war das Ergebnis eines überaus intensiven, kurzweiligen, fordernden und nur knapp vierstündigen Workshops für die Schüler. Um 11.30 Uhr waren sich Schüler und Musiker des Profi-Ensembles zum ersten Mal in der Aula begegnet und präsentierten sich gegenseitig, was sie so machten und wer sie sind. Hier haben zunächst einige Schüler der schuleigenen Big-Band zwei Stücke gespielt.

Begleitet von Veit Hübner am Kontrabass präsentiert ein Teil der schulbasierten Big-Band unter der Leitung von Mika Müller dem Jazz and more-Collective die Titelmusik der Muppetshow.
Begleitet von Veit Hübner am Kontrabass präsentiert ein Teil der schulbasierten Big-Band unter der Leitung von Mika Müller dem Jazz and more-Collective die Titelmusik der Muppetshow. | Bild: Constanze Wyneken

Diese Band, das muss hervorgehoben werden, wurde von Schülern für Schüler, gegründet, wird von den Schülern Johannes Okker und Mika Müller geleitet und existiert seit kurz vor den Herbstferien. Allein das ist beeindruckend – wie diese Kinder und Jugendlichen nach solch kurzer Zeit miteinander musizieren noch viel mehr. Man merkt, sie haben Spaß an der Musik und gehen darin auf. Joo Kraus: „Ihr seid der Burner.“ Aber neben diesen, bereits vom Jazz berührten Schülern, waren noch viel mehr Schüler gekommen, um an dem Workshop teilzunehmen. Sie alle spielen bereits ein Instrument, sind Schüler des Musikprofils oder im Schulorchester. Auch gab es für die Kinder die Gelegenheit, Fragen zu stellen, die sie schon immer mal Profimusikern stellen wollten, etwa „wird Euch Musik auch mal langweilig?“ oder „wie lange schlaft ihr so?“.

Joo Kraus erklärt den Schülern die Zirkulationsübung an der Trompete. Neben ihm Sängerin Sarah Lipfert.
Joo Kraus erklärt den Schülern die Zirkulationsübung an der Trompete. Neben ihm Sängerin Sarah Lipfert. | Bild: Constanze Wyneken

Als Band sind die Musiker Seelenverwandte und man merkt, dass sie nicht nur musikalisch sondern auch emotional und seelisch miteinander harmonieren. Ihre große Virtuosität präsentierten sie im zweiten Teil des Abschlusskonzerts am Abend mit Stücken verschiedener Jazzgenres, von Broadway bis Free Jazz, der seine Zuhörer teils auf eine harte Probe stellt. Noch vor dem Workshop gab Joo Kraus, mit einem Augenzwinkern, das Ziel aus: „Es soll nachher besser klingen als vorher“, fügte jedoch hinzu: „Jeder soll ein bisschen das Improvisieren lernen, soll sich von den Noten lösen und Musik mehr hören und fühlen als sie nur zu lesen.“

Die Schüler des Jazz-Workshops beim gemeinsamen Abschlusskonzert auf der Bühne des Nellenburg-Gymnasiums, vorne links die Gitarristen.
Die Schüler des Jazz-Workshops beim gemeinsamen Abschlusskonzert auf der Bühne des Nellenburg-Gymnasiums, vorne links die Gitarristen. | Bild: Constanze Wyneken

In den Workshops übten die Kinder innerhalb kürzester Zeit – nämlich eineinhalb Stunden – anhand der Notenarrangements ihre jeweiligen Melodiestimmen ein, wurden aber auch sofort angehalten, frei zu improvisieren. Hierzu boten die teilweise nicht ganz auskomponierten Kompositionen auch genügend Raum. Und auch wenn das Improvisieren den Schülern nicht immer ganz leicht fiel, so gelangte doch schließlich jeder der Schüler an den Punkt, wo er den Jazz, zumindest ein wenig, wirklich fühlen und sich diesem hingeben konnte. In weiteren knappen zwei Stunden wurden die verschiedenen Musikgruppen zusammengebracht um dann gemeinsam die beiden Musikstücke auf die Bühne zu bringen.

Die Musiker beim Abschlusskonzert (v.l.): Martin Schrack, Veit Hübner, Sarah Lipfert, Thorsten Krill, Markus Harm, Joo Kraus, Göran Klinghagen, Johannes Herrlich.
Die Musiker beim Abschlusskonzert (v.l.): Martin Schrack, Veit Hübner, Sarah Lipfert, Thorsten Krill, Markus Harm, Joo Kraus, Göran Klinghagen, Johannes Herrlich. | Bild: Constanze Wyneken

Jazz klingt, so erklärten es die Profimusiker den Schülern auch in ihrem Vorstellungsprogramm, immer anders, und zwar jedes Mal, wenn er gespielt wird. Zwar sind feste Phrasen, Formen, teils vorgegeben, es gibt aber überall Raum für freie Improvisation und freie Interpretation. Das bedeutet natürlich einerseits viel Freiheit für den jeweiligen Interpreten, erfordert aber auch ein hohes Maß an Kreativität, Ideenreichtum und Virtuosität. Diese Leistung wurde an diesem Tag vollbracht. Sowohl von den Schülern, die alle nicht nur musikalisch über ihren Schatten sprangen, als auch von den Dozenten, die viel Wissen mitgaben. Geebnet wurde dieser Weg nicht zuletzt von den Musiklehrern, die den Schülern zunächst einmal das Rüstzeug mitgaben um ein Instrument zu spielen. Joo Kraus erklärte das am Abend so: „Wir entfachen nur die Glut. Das Feuer anzuheizen, ist Sache der Lehrer und Eltern.“ Und Sängerin Sarah Lipfert fasste den Tag und die Essenz des Ganzen, das Abendkonzert, in wenigen Worten zusammen: „Das war ganz, ganz groß heute!“