Freispruch lautete das Urteil von Richterin Julia Elsner im Amtsgericht in Stockach – in einer ungewöhnlichen Verhandlung mit zwei Fällen von Bedrohung beziehungsweise Beleidigung. Auch nach der dreistündigen Verhandlung mit acht Zeugen blieb der Fall wirr. Viel Aufwand, viele Aussagen. Und dennoch ist das Urteil keine Aufklärung, wie die Richterin in ihrem Schlusswort klarstellte: „Ich sehe mich nach der Hauptverhandlung nicht in der Lage zu entscheiden, wer in diesem Fall jetzt gelogen hat. Man kann nicht sagen, wer bei diesen wechselseitigen Beleidigungen von zwei Richtungen Recht hat.“ Für Elsner war nur klar: Der Angeklagte, der ohne Anwalt vor Gericht erschienen war und einschlägig vorbestraft ist, muss freigesprochen werden.

Ein Zettel mit großer Wirkung

Und darum ging es: Einem 32-jährigen Mann aus dem Raum Stockach wurden in zwei Fällen aus dem Mai 2019 Bedrohungen und Beleidigungen vorgeworfen. Dabei soll er, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, einer 42-jährigen Frau einen Zettel mit folgender Aufschrift durch die Tür geschoben haben: „Du bist tot, du Hure.“ Im zweiten Fall habe der Beschuldigte den 47-jährigen Mann des mutmaßlichen Opfers zwei Tage später mit den Worten bedroht: „Ich mache die Hure tot.“

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Der Angeklagte wies die Anschuldigungen vor Gericht von sich: „Es stimmt nichts davon. Ich habe weder irgendeinen Zettel durch die Türe geschoben, noch irgendjemanden bedroht. Von diesem Zettel habe ich erst bei der Polizei erfahren.“ Der 32-Jährige ging dann sogar einen Schritt weiter und drehte den Spieß um. Seine Mutter werde von der 42-jährigen Stockacherin „seit Monaten ständig beleidigt und auch ich bin von ihrem Mann mehrfach bedroht worden. Er hat zu mir gesagt, dass ich kommen soll, wenn ich ein Mann sei.“ Er selbst sei „ruhig geblieben und habe niemanden beleidigt“. Und er betonte: „Das ist die Wahrheit.“

Es gab zwei Lager

Die acht geladenen Zeugen sollten für mehr Klarheit sorgen. Ausgenommen von einem Polizisten, der das mutmaßliche Opfer bezüglich der Zettel-Affäre vernommen hatte und der Richterin keine Hinweise zum Verfasser des Zettels geben konnte, zeigte sich bei den restlichen Zeugen aber vor allem eines: Es gab zwei verschiedene Lager – wie es sowohl Elsner als auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft auf den Punkt brachten. Die eine Seite stand hinter dem mutmaßlichen Opfer, die andere hinter dem Angeklagten.

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Neben ihrem Mann bekam die 42-Jährige Unterstützung von dessen Schwester: „Die haben alle meinen Bruder angeschrien. Von denen kamen die ganzen Schimpfwörter“, wies sie die Schuld von ihrem Bruder und schob sie dem Angeklagten und seinen Befürwortern zu.

Sehr ungewöhnlich

Und eben auf die Seite des Angeklagten stellten sich dessen Schwester und Freundin. Die beiden führten mehrfach aus, dass er „so etwas niemals machen würde“. Die 24 Jahre alte Freundin, die in Singen wohnt, fügte hinzu, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt des Geschehens bei ihr war: „Es kann ja gar nicht sein, dass er den Zettel durch die Tür geschoben hat, er war ja durchgehend bei mir.“ Ein weiterer 22-jähriger Zeuge und seine 46-jährige Mutter bestärkten den Angeklagten. Sehr ungewöhnlich daran war, dass der 22-Jährige der Sohn des Mannes des mutmaßlichen Opfers ist. Und die 46-Jährige seine ehemalige Frau.

Für die Richterin ist nur eines klar

Für klare Verhältnisse sorgten am Ende aber auch diese Aussagen nicht. Der Angeklagte schwor in seinem Plädoyer, dass von den vorgetragenen Anschuldigungen „gar nichts stimme“. Und auch wenn der Vertreter der Staatsanwaltschaft den Sachverhalt für „erwiesen erklärte“, die Darstellung des Angeklagten als „wenig glaubhaft“ einstufte und eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr forderte, war für Richterin Julia Elsner nur eines klar: Ein Lager lügt. Welches das ist, wissen auch nach der Verhandlung nur die Beteiligten selbst.

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