Normalerweise läuft es so: Die Störche kommen ab Anfang März aus dem Süden zurück, belegen vorhandene Nester oder beginnen mit dem Bau eines neuen Nestes. Manchmal bauen sie ihr Zuhause jedoch an einer ungeeigneten Stelle. Dann greifen Menschen ein.

In diesem Jahr sind viele Störche früher zurück. Schon Anfang bis Mitte Februar flogen die ersten durch die Region. Bis Anfang April wird der Zuzug in etwa noch dauern. Was passiert, wenn Störche ein Nest an einer Stelle bauen, die Menschen stört oder für sie und die Tiere gefährlich ist? Darf man das Nest einfach entfernen? Wo findet man Hilfe? Und wer übernimmt die Kosten? Diese Fragen beantwortet Christian Mende, Naturschutzbeauftragter des Landkreises Konstanz.

Die Eichenholz-Plattform für das neue Storchennest hat Schlitze, damit Wasser abfließen kann. Als Nestbasis werden zunächst in einem Kreis mit 1,30 Meter Durchmesser mehrere Holzstäbe hochkant im Boden befestigt. Um diese Stäbe werden Weidenruten geflochten. Christian Mende, Karl Muffler und Manuel Winter (von links) bereiten das Nest vor.
Die Eichenholz-Plattform für das neue Storchennest hat Schlitze, damit Wasser abfließen kann. Als Nestbasis werden zunächst in einem Kreis mit 1,30 Meter Durchmesser mehrere Holzstäbe hochkant im Boden befestigt. Um diese Stäbe werden Weidenruten geflochten. Christian Mende, Karl Muffler und Manuel Winter (von links) bereiten das Nest vor. | Bild: Claudia Ladwig

Wenn Störche Nester errichten, suchen sie möglichst die Nähe zu Nahrungsräumen wie feuchten Wiesen. "Dann müssen sie nicht so weit fliegen, um ihre Jungen großzuziehen", erklärt Mende. Sollten die Tiere jedoch anfangen, auf Strommasten zu bauen, so ist dieser Standort ungeeignet. Auch an viel befahrenen Straßen könne es gefährlich sein, da Stöcke aus dem Nest hinunterfallen könnten, sagt Mende.

"Wir bieten den Störchen eine Alternative"

An dieser Stelle kommt der Mensch ins Spiel. "Wir bieten den Störchen dann eine Alternative, indem wir für sie ein Nest an einem sicheren Standort vorbereiten", sagt der 82-jährige Experte. Auf keinen Fall dürfe ein Nest ohne vorherige Genehmigung des Regierungspräsidiums Freiburg entfernt werden. Betroffene Personen sollten zu ihm Kontakt aufnehmen. Er setze sich dann mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem Regierungspräsidium in Verbindung, betont Christian Mende.

Rohbau für ein Storchennest: In einen geflochtenen Nestkranz füllt Christian Mende eine Lage Heu, dann grobe Hackschnitzel und als Letztes wieder Heu. Darüber spannt er mit Weidenruten ein großmaschiges Netz, damit das Heu nicht gleich beim ersten Windstoß hinunterfällt. Ab hier bauen die Störche selbst weiter.
Rohbau für ein Storchennest: In einen geflochtenen Nestkranz füllt Christian Mende eine Lage Heu, dann grobe Hackschnitzel und als Letztes wieder Heu. Darüber spannt er mit Weidenruten ein großmaschiges Netz, damit das Heu nicht gleich beim ersten Windstoß hinunterfällt. Ab hier bauen die Störche selbst weiter. | Bild: Claudia Ladwig

Wer zahlt einen Nestbau oder das Abräumen? "Wir haben da eine sehr gute Übereinkunft mit der Stadt und der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes", freut sich Mende. Maßnahmen zum Schutz der Störche und zum Erhalt ihrer Brutstätten sowie die Kosten für die Errichtung eines geeigneten Nistplatzes würden als artenschutzrechtliche Naturschutzmaßnahme anerkannt.

Ausgleich für Bauprojekte

Der Storchenfachmann erklärt: "Die Stadt kann sich solche Projekte in Form von Ökopunkten als Ausgleichsmaßnahme anrechnen lassen und so den geforderten Ausgleich beispielsweise für einen Bebauungsplan schaffen."

Ein Storch, der in Spanien beringt wurde, hat das Nest "Im Bindt" in Wahlwies für sich entdeckt. Als das alte gegen ein neues ersetzt werden muss, kreist er die ganze Zeit über der Baustelle und nimmt das neue Zuhause dirket nach der Montage wieder in seinen Besitz.
Ein Storch, der in Spanien beringt wurde, hat das Nest "Im Bindt" in Wahlwies für sich entdeckt. Als das alte gegen ein neues ersetzt werden muss, kreist er die ganze Zeit über der Baustelle und nimmt das neue Zuhause dirket nach der Montage wieder in seinen Besitz. | Bild: Claudia Ladwig

Wie viele Storchenpaare ein Ort verträgt, hängt vom Nahrungsangebot ab. Der Stockacher Ortsteil Wahlwies hatte zuletzt neun Nester, in Radolfzell-Böhringen waren es dagegen rund vier Mal so viele. In Wahlwies musste kürzlich ein besonders hoch gebautes und fünf Jahre altes Nest durch ein neues ersetzt werden. Eine Latte der Nestplattform war heruntergebrochen. Die ganze Konstruktion wog nach Schätzung von Manuel Winter über eine Tonne.

"Keine Ahnung, wie die Würmer da hochgekommen sind"

Sein Kollege Manuel Angermann und er mussten dafür eigens einen Autokran holen – der ursprünglich geplante Kran war nur für knapp das halbe Gewicht ausgelegt. Ihr Chef Karl Muffler half ihnen. Als das alte Nest am Boden lag, zerfiel es vor den Augen der Handwerker. "Bis kurz vorm Rand war das Material schon zu Kompost geworden. Es waren schon Würmer drin. Keine Ahnung, wie die da hoch gekommen sind", staunte Muffler.

Mit Hilfe eines Autokrans holen Manuel Winter und Manuel Angermann ein beschädigtes Nest herunter.
Mit Hilfe eines Autokrans holen Manuel Winter und Manuel Angermann ein beschädigtes Nest herunter. | Bild: Claudia Ladwig

Kaum ist das Nest samt Plattform auf dem Mast fixiert, nimmt es das Storchenpaar in Besitz, nachdem es die ganze Zeit über der Baustelle gekreist war. Bei den Störchen beginnt etwa Anfang April die gut 30 Tage lange Brutzeit. Die Jungen werden nach vier bis sechs Wochen beringt und sind nach zehn bis elf Wochen flügge.

Kaum ist das neue Nest befestigt, nehmen die Störche, die über der Szenerie gekreist hatten, es wieder in Besitz.
Kaum ist das neue Nest befestigt, nehmen die Störche, die über der Szenerie gekreist hatten, es wieder in Besitz. | Bild: Claudia Ladwig

Etwa ab Mitte August fliegen sie los Richtung Süden. Die Westroute führt sie rund 4000 Kilometer über die Schweiz, Südfrankreich und Marokko bis nach Mali. Die Ostroute, die eher Vögel aus dem Raum Ravensburg wählen, verläuft über Rumänien, die Türkei, Israel und Ägypten oft bis Südafrika. Dieser Weg ist doppelt so lang. Die Vögel nutzen die Thermik und fliegen daher über Land. Pro Tag schaffen sie bei guten Bedingungen 300 bis 400 Kilometer. Die Tiere bleiben zwei Jahre lang im Süden, bis sie geschlechtsreif sind.

Die Storchenpopulation hierzulande ist stark abhängig vom Nahrungsangebot in Afrika und Spanien. Durch das Ausstatten mit Sendern und Ringen ist die Sterberate von Störchen im ersten Jahr bekannt: 70 Prozent überleben das erste Lebensjahr nicht. Sie sterben auch auf dem langen Weg, auf dem viele Gefahren lauern. Beispielsweise sind in anderen Ländern viele Leitungen nicht so gesichert wie hier und die Störche erleiden einen Stromschlag.