Stockach Vorbereitungsklassen für junge Migranten: Mehr als nur Deutschlernen

Im Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse, kurz VAB-O, lernen jugendliche Migranten hauptsächlich die Sprache. Doch die beiden Lehrerinnen Christine Angele und Daniela Wenger, die die Klassen am Stockacher Berufsschulzentrum unterrichten, wollen auch kulturelles Rüstzeug vermitteln.

Die Abkürzung VAB-O steht für den sperrigen Begriff Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse. Gemeint ist damit, dass vor allem jugendliche Migranten gezielt in der Sprache gefördert werden. Doch wer sich mit Praktikern unterhält, stellt fest: In den Klassenräumen passieren noch eine Menge anderer Dinge. Um es hochtrabend auszudrücken: Es geht auch darum, dass sich die Schüler in das soziale Gewebe in Deutschland gewissermaßen hineinflechten.

Denn zum Leben in einem fremden Land gehört viel mehr, als nur die Sprache zu können. Das geht mit den Regeln los, die zu beachten sind, wenn man regelmäßig zur Schule geht. Pünktlich sein zum Beispiel oder nicht einfach unentschuldigt fehlen. Oder das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Im Fall der beiden VAB-O-Klassen am Stockacher Berufsschulzentrum ist dieses als Thema programmiert. Denn die beiden Lehrerinnen, Christine Angele und Daniela Wenger, stehen größtenteils jungen Männern gegenüber. Unter den je 18 Schülern in einer Klasse machen die Mädchen eine Minderheit aus. Und die Jungen sind es größtenteils nicht gewöhnt, dass eine Frau der Chef ist. "Da zu sagen, was gemacht werden soll, braucht schon Durchsetzungsvermögen", sagt Christine Angele dazu.

Für die beiden Lehrerinnen sei es daher wichtig, die Rolle der Frau hierzulande zurechtzurücken. Zum Beispiel: Eine Frau kann, muss aber nicht heiraten. Sie darf selbst entscheiden, wen sie heiratet. Und es ist normal, dass Männer und Frauen in Badekleidung gemeinsam schwimmen gehen. "Wir erklären auch Werte, die Frauen gefallen", erzählt Angele. Und kommt diese Botschaft auch an? "Ja, das klappt", sagt Angele. Und Wenger ergänzt: "Hinter großspurigem Gerede steckt ja meistens nicht so viel."

Hundertprozentig reibungslos läuft der Betrieb in den Stockacher VAB-O-Klassen allerdings auch nicht ab – auch das erzählen die beiden Lehrerinnen. Es gebe durchaus die Einzelfälle, in denen ein Schüler nicht wahrnimmt, dass er in der Schule Chancen auf die Zukunft bekommt, so Angele. Dann herrsche eine Nehm-Mentalität, formuliert Wenger: "Das ärgert mich auch." Nach der Erfahrung der beiden passiert dies eher bei älteren Schülern. Jüngere, die schon zur Schule gegangen sind, seien leichter zu unterrichten, sagt Wenger. Und beide berichten von ihrem Verdacht, dass manch ein Flüchtling, der ohne Papiere unterwegs ist, zu jung eingeschätzt wird.

Umso mehr freuen sich die beiden Lehrerinnen über die Erfolgsgeschichten. So seien drei Schüler aus dem vergangenen Schuljahr jetzt in der VAB-Klasse, in der sie weiter auf den Berufseinstieg vorbereitet werden, sagt Angele. Und es gelinge auch immer wieder, die jungen Menschen in Arbeit zu vermitteln. Angele wirbt für ihre Schützlinge: "Wenn es klappt und man sieht, dass sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen, hat man es mit tollen jungen Leuten zu tun."

Zu Personen und Angebot

  • Personen: Daniela Wenger ist Gymnasiallehrerin für Deutsch und Englisch. Neben dem Studium hat sie zudem Türkisch gelernt, was ihr bei der Verständigung mit Flüchtlingen hilft, die durch die Türkei gereist sind. Christine Angele ist ausgebildete Radio-Redakteurin und über Projekte zum Thema Kommunikation und Medien am Stockacher Berufsschulzentrum in die VAB-O-Klasse gekommen. Beide Frauen haben Zusatzausbildungen in Deutsch als Fremdsprache und unterrichten die VAB-O-Klassen im dritten Jahr. Seit September gibt es zwei dieser Klassen, zuvor haben die beiden Frauen viel gemeinsam unterrichtet. Zum Team gehören außerdem Petra Kiehn (Mathematik und Berufskunde), Hans-Peter Storz (Ethik) sowie der FSJ-ler David Docktor.
  • Angebot: Die VAB-O-Klasse ist auf die Sprachförderung von jugendlichen Migranten ausgerichtet. Ziel sei, das Sprachniveau A2 zu erreichen, erklärt Wenger. Wer das höhere Niveau B1 schafft, habe auch die Möglichkeit, in der VAB-Klasse weiterzumachen, um sich auf den Beruf vorzubereiten. Dazu dienen auch Praktika, die im nächsten Jahr zum Beispiel an der Bildungsakademie der Handwerkskammer in Singen angeboten werden. (eph)

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