Digitalisierung, Arbeit, die durch Roboter erledigt wird – dies assoziieren die meisten, wenn es um die Arbeit der Zukunft geht. Doch es gibt verschiedene Branchen, deren Berufsfeld im Trend liegt: durch den demographischen Wandel kommt der Pflege wachsende Bedeutung zu. Um die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen und den Klimaschwankungen zu trotzen, sind Landwirte gefordert.

Das Unternehmen Nissen & Velten in Stockach bietet mit seiner Software eine intelligente Komplettlösung für mittelständische Unternehmen aus Großhandel, Industrie und Dienstleistung. „Mit unserer Arbeit wollen wir Menschen entlasten. Wir arbeiten am Computer, aber nicht für den Computer“, sagt Stefan Nagel, Leiter der Entwicklung. Arbeitsplätze werden sich flächendeckend verändern und im hochausgebildeten Segment wird es einen Fachkräftemangel geben, sagt er. Schon jetzt gebe es in den technischen Berufen einen deutlichen Mangel an Fachkräften. „Nicht nur im Softwarebereich, sondern in der ganzen Maschinenbaubranche stellen sie Informatiker ein, überall wird gesucht.“ Die Firma selbst sei regelmäßig auf Hochschulmessen präsent, um gute Leute zu finden. Nissen & Velten beschäftigt derzeit 85 Mitarbeiter, davon auch einige in Osnabrück und im Home Office. Das Unternehmen wächst und bildet Azubis für Anwendungsentwicklung und Studenten der dualen Hochschule aus.

Die Software-Entwicklung bleibt interessant. Neue Technologien und neue Programmiersprachen erfordern lebenslanges Lernen. „Die Technik wird komplexer, die Anwendung muss gerade in der alternden Gesellschaft einfacher werden. Man wird als Anwender mit Sprache Probleme lösen können, ohne sich mit der Technik zu beschäftigen“, betont Rainer Hill, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Herausforderungen seien Persönlichkeitsschutz und die höhere Ausfallsicherheit der Systeme. „Die Bewegung ist unumkehrbar und grundsätzlich sinnvoll. Sie birgt auch Gefahren, aber das ist bei jedem technischen Wandel so“, erklärt Stefan Nagel.

Anstrengungen anderer Art sind Altenpflegekräfte ausgesetzt. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Fast drei Viertel werden aktuell zu Hause von Angehörigen oder ambulanten Pflegediensten betreut, die übrigen in Heimen. Das Seniorenzentrum Stockach geht mit dem Wohngruppenkonzept neue Wege, was Arbeitsabläufe anbelangt. Hier arbeiten 65 Personen in Teil- und Vollzeit für 87 Bewohner. Der Gemeinschaftsraum bildet den Mittelpunkt. „Jeder, der in die Gruppe kommt, muss da durch, es entstehen Gespräche“, beschreibt der Leiter Rüdiger Mahl. Die Bewohner werden ermuntert, sich am Alltag zu beteiligen, Mahlzeiten mit vorzubereiten oder das Geschirr einzuräumen. Immer stehen die Bedürfnisse der Bewohner im Vordergrund. Die Mitarbeitenden müssen sehr flexibel sein, gewohnte Arbeitsabläufe werden durchbrochen. „Das ist spannend, aber eine Herausforderung, weil wir immer mehr mit Personalknappheit konfrontiert werden“, sagt Mahl. Hier gebe es ständigen Informationsaustausch, eine schlanke Organisationsstruktur und kurze Wege – im Prinzip könne jeder alles, arbeite selbstverantwortlich.

Pflegefachkraft Eva Vitez ergänzt: „Wir sind ein multiprofessionelles Team mit klarer Zuordnung von Aufgaben. In den Wohngruppen arbeiten Pflegefach- und hilfskräfte, Hauswirtschafts- und Servicekräfte, Alltagsbegleiter und Betreuungskräfte eng zusammen.“

Dass es immer weniger Auszubildende gibt, liegt nach Mahls Ansicht nicht nur am Gehalt. „Die jungen Menschen haben Erwartungen an ihren Beruf. Sie wollen mit Menschen umgehen, ihnen einen guten Lebensabend bieten. Pflege ist aber auch harte handwerkliche Arbeit bei chronischem Personalmangel.“ Bei ihnen stimme die Atmosphäre. „Ich kenne alle Mitarbeitenden, wir tauschen uns jeden Morgen aus.“ Dankbar ist er über die Unterstützung von außen, etwa durch den Besuchsdienst der evangelischen Kirche.

Für gesunde regionale Lebensmittel stehen die Landwirte. Doch sie befinden sich in einem Dilemma: „Langfristig muss es mit deutlich weniger Chemie gehen“, betont der Wahlwieser Obstbauer Alexander Buhl. Zwar hätte man ohne Pflanzenschutzmittel und Dünger nicht die Quantität der heutigen Erzeugnisse, doch ihr Einsatz belaste die Umwelt. Krankheiten passten sich auf Dauer an, die Wirkung der Gegenmaßnahmen lasse nach. Die Nutzpflanzen müssten resistenter werden. Gentechnik sei problematisch, weil sie oft für falsche Zwecke eingesetzt werde. Alexander Buhl beschreibt das Verfahren „CRISPR/cas9“, mit dem versucht werde, „Robustheits-Gene“ in die Pflanzen einzubauen. Am Ende wachse ein Produkt, das auch durch normale Züchtung hätte entstehen können – nur viel schneller. „Das Verfahren könnte die Züchtung revolutionieren. Nachteilig ist die Manipulation im Labor, um die es nach wie vor Diskussionen gibt.“

Mais, Weizen und Raps seien die rentablen Ackerfrüchte. „Aber das ist zu wenig für eine gesunde Fruchtfolge. Wichtig wäre der Anbau von eiweißreichen Früchten wie Erbsen oder Soja, doch das lohnt sich im heimischen Anbau kaum.“ Buhl sagt, die Handarbeit müsse weiter reduziert werden, um die Produktionskosten zu senken. Schon heute gibt es selbstfahrende Traktoren. Über Mähdrescher mit GPS sollen sich künftig Daten auslesen lassen, damit Pflanzenschutz und Dünger nur bei Bedarf gezielt eingesetzt werden können.

Der Landkreis ist zukunftsfähig

  • Der Netzwerker: Klaus P. Schäfer, im Vorstand des Netzwerks Biolago für Lebenswissenschaften, hält den Landkreis Konstanz für sehr gut aufgestellt: „Zählt man die Patent-Anmeldungen pro 100 Einwohner zusammen, liegt der Bodenseeraum an der Spitze Europas“, so Schäfer. „Wir haben auch viele kleinere Firmen hier, die auf ihrem Gebiet 60 Prozent des Weltmarkts beliefern.“ Da sich die Unternehmen auf vier Länder am See verteilen, sei dies oft nicht öffentlich bekannt. Schäfer weiter: „Durch die hervorragende Entwicklung der Universität und der Hochschule Konstanz hat sich der Landkreis sehr gut positioniert.“ Viele Startups seien Ausgründungen dieser Institutionen. „Netzwerke wie Biolago pflegen die Bindungen an den Standort“, so Schäfer. Dies sei unter anderem auf dem ehemaligen Takeda-Campus in Konstanz der Fall.
  • Der Professor: Organisationsforscher Florian Kunze von der ­Konstanzer Universität bestätigt: „In Singen ist noch einiges an Industrie vorhanden, in Konstanz gingen in diesem Bereich hunderte Arbeitsplätze verloren. Dennoch hat der Landkreis die ­Veränderung gut verkraftet. Wir ­haben hier nahezu Vollbeschäftigung. Die ­Neugründungen und die ­Verlagerung von Arbeitsplätzen in ­andere ­Sparten wie Dienstleistung weisen in die ­richtige Richtung.“ Es gelte laut Florian Kunze, sich ­immer weiterzuqualifizieren und offen für Veränderungen zu bleiben.
  • Der Handwerk-Experte: Peter ­Schürmann, Umwelt- und Technologieberater der Handwerkskammer Konstanz, macht sich auch keine Sorgen: „Die Auslastung der Betriebe im Landkreis stimmt heute und sie wird es 2030 tun. Handwerksbetriebe, die im Schnitt nur fünf Mitarbeiter beschäftigen, können flexibel auf ­Veränderungen reagieren.“ Als Beispiel nennt er einen Gottmadinger Schreiner-Familienbetrieb, der Küchen mit ­herunterfahrbaren Oberschränken für mobilitätseingeschränkte Menschen herstellt. Der Trend zur Urbanisierung (Städtewachstum) und die dort damit verbundene Nachverdichtung seien eine Chance für das Handwerk, zum Beispiel bei Aufstockungen aus Holz. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft fülle ebenfalls die Auftragsbücher: „Auf spezielle Wünsche angepasste Möbelstücke vom Schreiner oder eine bestimmte Auto-Innenausstattung vom Karosseriebauer sind gefragt.“ Zahlungsfähige, aber anspruchsvolle über 60-jährige Kunden, die sogenannte Silver Society, generieren viele Aufträge beim barrierefreien Wohnen. (kis)