Die 16-jährige Waldorfschülerin Maida Greer hat das Zwölftklassspiel „Sapere Aude – habe Mut“ morgens bei der Schülervorführung schon gesehen. „Das hat mir so gut gefallen, dass ich jetzt mit meinen Freundinnen noch einmal gekommen bin“, erklärt sie. Laura Hagemann, die an der Waldorfschule Wahlwies vor einigen Jahren ihr Abitur machte, führt Regie bei dem von Tom Schulmans „Club der toten Dichter“ inspirierten Theaterstück, das sich die 35 Zwölftklässler mit Bravour erarbeitet haben.

 

Vom Direktor und von seinen Eltern wird der Schüler mit perfidem Plan gezwungen, seine Lehrerin Emanuelle Kant zu beschuldigen, für den Freitod seiner Mitschülerin verantwortlich zu sein.
Vom Direktor und von seinen Eltern wird der Schüler mit perfidem Plan gezwungen, seine Lehrerin Emanuelle Kant zu beschuldigen, für den Freitod seiner Mitschülerin verantwortlich zu sein. Bild: Gabi Rieger

Linus Nölke (18) spielt den Schulleiter Claudio Richter. „Eine relativ wichtige Rolle“, meint seine Schwester Zoe (21), die der Aufführung entgegenfiebert. „Zuhause hat mein Bruder die letzten Wochen viel mit mir und unseren Eltern geübt“, erklärt die junge Frau. Zackig, selbstgerecht und mit blasierter Nonchalance tritt Linus geschniegelt und mit schmalem Oberlippenbärtchen als tyrannischer Leiter des Elite-Internates in Erscheinung. Köstlich anzusehen sind die, unter Anleitung selbst geschneiderten Schuluniformen der Jungen und Mädchen. Tradition, Disziplin und Leistung sind die drei Säulen der schwarzen Pädagogik, die danach trachtet, den jungen Menschen ihren Willen zu brechen. Beispiele hierfür laufen einige über die Bühne und lassen so manchem der 300 Zuschauer wohl genauso das Blut in den Adern gefrieren wie den zu absolutem Gehorsam gezwungenen Schülern.

Unter die Haut gehende Szenen spielen sich ab in der emotionalen Kälte des traditionsbewussten Elite-Internats.
Unter die Haut gehende Szenen spielen sich ab in der emotionalen Kälte des traditionsbewussten Elite-Internats. Bild: Gabi Rieger

Eine Wendung hin zu Zivilcourage und Authentizität verspricht zunächst die Erscheinung der neuen Lehrerin Emanuelle Kant, die ihren Namen dem gleichnamigen Philosophen verdankt, der das Sprichwort des lateinischen Dichters Horaz im Jahr 1784 zum Leitspruch der Aufklärung erklärte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.

„In meinem Unterricht sollt ihr wieder lernen, selbst zu denken“, betont Frau Kant. Bei Szenenwechseln ertönt im Hintergrund Charleston-Musik. Geheimnisvoll gestaltet sich die konspirative Wiederbelebung vom „Club der toten Dichter“. Als Zuschauer fühlt man sich irgendwo zwischen den Dreißiger Jahren und der Nachkriegszeit. Immer mal wieder gibt es auch etwas zum Schmunzeln – immer mal wieder lachen die Zuschauer amüsiert auf. Dann erzeugt das Spiel wieder Gänsehaut, Beifall und Spannung.

Auch die Aufführung von Shakespeares Sommernachtstraum spielt als Theaterspiel im Theaterspiel eine wichtige Rolle.
Auch die Aufführung von Shakespeares Sommernachtstraum spielt als Theaterspiel im Theaterspiel eine wichtige Rolle. Bild: Gabi Rieger

Die 35 Zwölftklässler spielen ihre Rollen textverständlich und entsprechend den verschiedenen Charakteren überzeugend. Der Bühnenaufbau ist schlicht und genial in seiner Wandelbarkeit. Vor stürmischem Beifall gibt es ein Happy-End: die Schüler beweisen Zivilcourrage.