Die Frau, die am Nellenburger Hang ihren Hund spazieren führte, dürfte sich gewundert haben: Gleich reihenweise fuhren Autos mit Stuttgarter und einheimischen Kennzeichen über das schmale Sträßchen in Richtung der Nellenburg, die Polizei schaute auch vorbei – so viel Verkehr dürfte an dieser Stelle am Hang über Stockach selten herrschen. Es war Strafweinübergabe des Narrengerichts, und die sorgte für Betrieb auf dem Anwesen der gräflichen Familie Douglas auf dem Berg – Prominenz aus Politik und Gesellschaft samt Personenschützern inklusive.

Bild: Stephan Freißmann

Der Stockacher Hausberg gab eine würdige und vor allem heimische Kulisse für die Übergabe der Weinstrafen aus der Verhandlung am Schmotzigen Dunschdig ab. Darauf hatte das Narrengericht in diesem Jahr Wert gelegt – die Strafweinübergabe sollte wieder in Stockach stattfinden, nachdem das Kollegium zuletzt einmal nach Trier und zweimal nach Berlin gefahren war, um den Strafwein der jeweiligen Beklagten entgegenzunehmen. So reisten in diesem Jahr der Beklagte, Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU), und der Zeuge in der Narrengerichtsverhandlung, Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), nach Stockach, um ihre Weinstrafen zu begleichen.

Zur Erinnerung: Strobl war im Februar zu einer Strafe von sechs Eimern Wein verurteilt worden. Die Gerichtsnarren hatten ihn in allen drei Punkten, die Kläger Thomas Warndorf in seinem letzten Auftritt beim Narrengericht vorgebracht hatte, für schuldig befunden. Die lauteten: "Wahnvorstellungen und Allmachtsfantasien", "unkorrekte Verbrüderung" sowie "Ahnungslosigkeit und Faulheit". Beim Strafmaß gaben die Gerichtsnarren gleichzeitig eine Ermäßigung und eine Verschärfung. Der von seiner Unschuld überzeugte Strobl hatte das Kollegium in der Verhandlung geradezu dazu aufgefordert, eine besonders hohe Strafe zu verhängen, gleichzeitig aber ein Beweisstück vorgelegt, demzufolge der Eimer österreichischen Maßes – das Hohlmaß für die Weinstrafen – statt 60 nur 41 Liter fasse. Sechs Eimer zu je 41 Litern waren die Folge – stolze 246 Liter.

Bild: Stephan Freißmann

Auch bei der Übergabe der mehr als 300 Weinflaschen blieb Strobl nun bei der Unschuldsbehauptung: Er sei das Opfer des dritten großen Justizskandals der Menschheit. Die ersten beiden seien die Vertreibung Adams aus dem Paradies durch die Machenschaften seiner damaligen Lebensabschnittsgefährtin Eva sowie die Verurteilung von Galileo Galilei für die Behauptung, dass die Erde um die Sonne kreise. Dieses heliozentrische Weltbild – damals revolutionär, heute Allgemeinwissen – verstehe das Narrengericht aber ohnehin nicht, schob Strobl noch nach, denn es habe ein vinozentrisches Weltbild, das offenbar nur um den Wein kreise.

All das brachte Strobl mit "schuldigstem Respekt" gegenüber dem Narrengericht vor, eine Formel, die zum stehenden Witz des Abends wurde. Und die Fürsprech Michael Nadig zu der Bemerkung verleitete, noch kein anderer Beklagter habe das Narrengericht so unterwürfig hochgenommen. Das Stichwort hochnehmen passte zum Durchgang von Narrenrichter Jürgen Koterzyna durch die Beleidigungen, die der Beklagte dem Gericht in der Verhandlung entgegenhielt. Von der kriminellsten Vereinigung in der Geschichte sei da etwa die Rede gewesen, den Wunsch nach einer Narrenrichterin und einer Klägerin und "andere Unverschämtheiten" habe es gegeben, so Koterzyna. Strobl drohte postwendend damit, im Politruhestand als Gerichtsnarr nach Stockach zu kommen und das Kollegium von innen durchzugendern.

Doch nicht nur Strobl hat es bei seinem Auftritt in Stockach erwischt, sondern auch dessen Kabinettskollegen Winfried Hermann. Der war als Zeuge zur Verhandlung im Februar geladen, verließ die Jahnhalle aber ebenfalls mit einer Weinstrafe – ein Liter Wein für jeden Kilometer des Tempolimits auf der Autobahn 81 zwischen Engen und Geisingen. In beiden Richtungen gemessen, mache das 35,6 Liter, rechnete Narrenrichter Koterzyna vor. Dass nun 36 Liter geliefert wurden, ließ ihn argwöhnen, dass noch 400 Meter Tempolimit übrig seien – und die mögen nicht rund um Stockach installiert werden.

Bild: Stephan Freißmann

Hermann, der direkt vom Besuch mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in der Schweiz nach Stockach kam, zeigte sich vom Vorgang im Februar irritiert. Er sei stolz gewesen, als Zeuge der Wahrheit zu dienen und noch dazu einen Kollegen in höchster Not zu retten – "doch Du hast Dich nicht retten lassen", sagte er in Richtung Strobl. Und nach der Rüge durch das Narrengericht samt Weinstrafe habe er das Gremium weniger als grobgünstig denn als arglistig empfunden. Doch er sei froh, dass die CDU ihn beim Tempolimit auf Autobahnen gebremst habe und er es nicht in ganz Baden-Württemberg eingeführt habe.