Die Nachwuchskräfte von morgen stehen schon heute vor großen Aufgaben. Sie müssen lernen breiter zu denken, flexibel sein – und sie müssen bereit sein, sich eigenverantwortlich Kenntnisse anzueignen und sich selbst in den Berufsalltag einzubringen. Nicht nur ihre Fachkompetenzen, auch die sozialen Kompetenzen müssen stimmen – so lässt sich ein Rundgang durch Ausbildungsbetriebe und -einrichtungen in Stockach zusammenfassen.

Teamfähigkeit sieht beispielsweise Andreas Schulz, Ausbilder im gewerblich-technischen Bereich bei Stockachs größtem Arbeitgeber Eto Magnetic, ganz weit vorn. Derzeit sind in der Lehrwerkstatt 48 Auszubildende. Die angehenden Mechatroniker lernen praktisch drei Berufe in einem: Mechaniker, Elektrotechniker und Informationstechniker. „Das ist ein sehr zukunftsorientierter Beruf. Man muss die Grundlagen aller Berufe beherrschen“, sagt Schulz. Bereits jetzt seien 80 Prozent der Anlagen automatisiert. „Die künstliche Intelligenz wird kommen, der Mitarbeiter wird gezwungen sein, sich darauf einzustellen. Einfache Tätigkeiten werden ersetzt, man muss mehr in Prozesslandschaften denken.“ Auch Michael von Briel, Referent für betriebliche Aus- und Weiterbildung bei Eto Magnetic, ist sicher: Gute Fachkräfte wird man verstärkt brauchen. Die Auszubildenden lernen die dritte Generation an Programmiersprachen. Das bedeutet: „Auch wir Ausbilder müssen uns ständig weiterbilden und den Veränderungen anpassen, sonst kommt es zum Stillstand“, so Schulz.

Stefanie Will ist im zweiten Lehrjahr in dem Unternehmen. Sie findet ihren Beruf sehr vielseitig und technisch anspruchsvoll. Dominik Ruß glaubt, der Mechatroniker könne nicht aussterben – bei aller Automatisierung, die die Arbeitswelt auf den Kopf stellt. Doch davor ist Ruß nicht bang: Roboter könnten den Menschen nicht ersetzen, aber einfache Tätigkeiten übernehmen, ist seine Einschätzung dazu. Und Niklas Mathis sieht gute Aufstiegschancen. Die duale Ausbildung findet er besser als Blockunterricht, man könne die Theorie gleich in die Praxis umsetzen.

Doch nicht nur in den technischen Berufen werden die weichen Fähigkeiten der Nachwuchskräfte gefördert. Dasselbe gilt für den kaufmännischen Bereich. Am Berufsschulzentrum Stockach werden unter anderem angehende Kaufleute im Einzel- und Großhandel sowie Industriekaufleute mit Zusatzqualifikation Europäisches Wirtschaftsmanagement unterrichtet. Die Nutzung neuer Medien und ein enger Praxisbezug sind dabei selbstverständlich: „Wir schauen komplette Prozesse und komplexe Situationen an und denken uns mit den Schülern rein“, erklärt Michael Butsch, stellvertretender Schulleiter und Abteilungsleiter für die Berufsschule. Und zum Thema weiche Fähigkeiten: „Prüfungen und Anforderungen sind komplexer als früher. Gefragt sind Lesekompetenz, Textverständnis und nicht nur fachliche, sondern auch Projektkompetenz. Das üben wir in der Schule mit vielen Präsentationen und Projekten, die die Schüler selbst planen, organisieren und in Gruppen durchführen. “ Schulleiterin Claudia Heitzer betont die Bedeutung von Teamarbeit und -fähigkeit. Die Berufsschule hält intensiven Kontakt zu den Ausbildungsbetrieben. So können Lerninhalte abgestimmt und auftretende Probleme gemeinsam gelöst werden.

Saskia Knapp, zweites Lehrjahr zur Kauffrau im Groß- und Außenhandel, sagt, sie werde in ihrem Betrieb überall intensiv eingearbeitet. Dadurch sieht sie gute Zukunftschancen: „Die Berufsschule ist ein guter Übergang von der Schule zur Arbeitswelt.“ Leonie Berchtold wird Industriekauffrau mit Zusatzqualifikation Europäisches Management: „Richtiges Buchen mit PC im System ist ganz anders als in der Schule, aber die Grundlagen werden hier gut gelegt“, sagt sie. Sie lernt Spanisch und Englisch, als Teil der Ausbildung muss sie einen vierwöchigen Auslandsaufenthalt absolvieren. Mitschülerin Milena Federico, die statt Spanisch Französisch lernt, sagt, die vielen Projekte in der Schule bereiteten sehr gut aufs Arbeitsleben vor, eine Präsentation im Unternehmen sei ihr leicht gefallen.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Megathemen wie die Globalisierung oder ein intensiverer Wettbewerb spielen auch bei denjenigen eine Rolle, die in Stockach studieren. Die Studenten der Steinbeis Business Academy (SBA) haben bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung. Mit dem praxisorientierten Studium reichern sie ihr Wissen berufsbegleitend an. Man müsse sich den Veränderungen in der Welt anpassen, um den Wohlstand zu halten, sagt Harry Luis Eggimann, Dozent für Personalmanagement. Und: Der Mensch sei noch immer der wichtigste Produktionsfaktor. Der Trend gehe in dieser Hinsicht allerdings zum Generalisten, die Ansprüche an ein Studium stiegen. „Das Wissen wird breiter, die Menschen sind befähigter, die Veränderungen als Chance und Nutzen zu sehen“, erklärt Eggimann. Interdisziplinäre und kulturelle Zusammenarbeit würden immer wichtiger, ergänzt Ekkehard Biller, Bereichsleiter der SBA in Stockach: „Zusammenarbeit, Partnerschaften, richtige Teams und Projektgruppen bilden, das muss man lernen.“

Studentin Eva Schmidt sagt, sie gehe mit viel Elan, Spaß und Motivation an die Aufgaben heran. Sie mache alles über den PC. Ihr Studienkollege Johannes Böhmler sieht den Vorteil des berufsbegleitenden Studiums darin, für die Weiterbildung nicht aus der Arbeitswelt heraus zu müssen.

Die Berufsbilder verändern sich

Die Studie: In einer repräsentativen Studie hat das Kontaktnetzwerk Linkedin deutsche Vorstände und Personalverantwortliche befragt, welche Fähigkeiten heute und in zehn Jahren am gefragtesten sein werden. 87 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, dass die Fähigkeit zur Datenanalyse aktuell „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ sei. Dass diese Kompetenz in zehn Jahren entscheidend ist, glauben sogar 91 Prozent von ihnen. Das Wissensmanagement liegt derzeit mit 82 Prozent auf dem zweiten Platz; in zehn Jahren sehen die Befragten diese Kompetenz mit 93 Prozent auf dem Spitzenplatz. Die größten Sprünge machen Unternehmensführung (von 50 auf 73 Prozent), allgemeine Digitalkompetenz (von 53 auf 69 Prozent) sowie Programmierkenntnisse (von 32 auf 48 Prozent). Entscheidungsfähigkeit, öffentliches Sprechen und Kreativität verlieren an Bedeutung, vermuten die Umfrageteilnehmer.

Die Ausbildung bei der Handwerkskammer: Laut Sabine Schimmel, Bildungsexpertin bei der Konstanzer Handwerkskammer, gibt es 130 Handwerksberufe in Deutschland. Im Zuständigkeitsbereich der Konstanzer Kammer (Landkreise Konstanz, Rottweil, Tuttlingen, Waldshut und Schwarzwald-Baar) unterschrieben Lehrlinge in 83 dieser Berufe in diesem Jahr einen Ausbildungsvertrag. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Ausbildungsberufe kaum verändert, und das werde auch in Zukunft eher nicht passieren, sagt Sabine Schimmel. Vielmehr verändern sich bestehende Berufsbilder. Zwei Beispiele: Der Land- und Baumaschinenmechaniker heißt jetzt Land- und Baumaschinenmechatroniker. Und für den Kraftfahrzeug-Mechatroniker gibt es den neuen Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik für die Wartung von Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb. Im Kreis Konstanz wählten nur zwei Azubis aus Singen diesen neuen Schwerpunkt.

Die Ausbildung bei der IHK: Im Landkreis Konstanz bildet die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee in 106 Berufen aus. In unserer Region sind die Ausbildungsberufe im Handel und im Transportgewerbe stark vertreten. Auch der relativ neue Beruf Kaufmann für Büromanagement wird laut IHK sehr gut angenommen. Ausbildungen, bei denen die Lehrlinge in Internaten wohnen oder zur Schule sehr weit fahren müssen, werden unbeliebter. Die Zahl der Neueintragungen im Landkreis Konstanz ist sehr stabil: Pro Jahr beginnen zwischen 1200 und 1300 junge Menschen eine Ausbildung in einem IHK-Beruf.

Kirsten Schlüter