Auf die vergangenen Tage hatten sich alle Beteiligten so lange vorbereitet und gefreut. Dann vergingen sie wie im Flug und der erste Teil des Ukraine-Austauschs war vorbei. Die 13 Neuntklässler des Nellenburg-Gymnasiums brachten ihre 15- und 16-jährigen Gastschüler mit einem Vesper und Getränken ausgestattet zum Dillplatz. Dort startete deren 24 Stunden dauernde Rückreise nach Lwiw. Mitte Oktober besuchen die deutschen Schüler mit den Lehrern Claudia Weber-Bastong, Martina Hartmann und Schulleiter Michael Vollmer die Ukrainer.

Claudia Weber-Bastong, die den Austausch seit den Anfängen vor zehn Jahren organisiert, hatte als "Überschrift" für die gemeinsame Zeit erneuerbare Energien gewählt. "Das ist ein sehr technisches Thema. Der Sprachwortschatz entspricht nicht der Alltagssprache." Dass sich die ukrainischen Gäste hier mit einem schwierigen Thema auseinandersetzten, sei Voraussetzung für die Genehmigung des Austausch-Antrags durch das Auswärtige Amt.

Am ersten Tag erhielten die Gäste von der engagierten Lehrerin Arbeitsblätter, Wortspeicher, kurze Filmausschnitte und Informationsmaterial. Mit Zusatzmaterial aus dem Internet hätten die Schüler versucht, die Themen zu erarbeiten. Dabei sei die Form der Präsentation wichtig, auch die Quellenangabe. Vormittags wurde in vier Gruppen an vier Projekten gearbeitet, nachmittags waren die Schüler und Betreuer mit den Deutschen unterwegs, um Informationen zu sammeln.

So besuchte die Gruppe die Stadtwerke Stockach, wo ihnen der Bereichsleiter Technik, Tobias Graf, die verschiedenen Träger erneuerbarer Energien erklärte. Er verwies laut einer Mitteilung der Stadtwerke auf die Bedeutung von Solarstrom und Windenergie. Bei einem Rundgang durch die Hallen bekamen die Schüler gezeigt, wie ein Solarmodul aufgebaut ist. Bei der HTWG Konstanz klärten sie, ob man Energie sehen, hören oder riechen kann. Sie waren am Rheinfall bei Schaffhausen, bei der Bodensee-Wasserversorgung in Sipplingen und im Technorama in Winterthur. Der sechste Tag führte sie zu den Bregenzer Festspielen mit einem Opern-Workshop und einer Führung hinter den Kulissen. Es folgte der vom Lions-Club gesponserte Besuch des Europa-Parks. "Sie wissen, dass sich die Schüler den Ausflug zur Erholung verdient haben", sagte Weber-Bastong.

Abschließend wurden die Projekte auf Deutsch präsentiert. Es war beeindruckend, wie gut die jungen Ukrainer schwierigste Wörter aussprachen. Sie informierten über die Bedeutung von Braun- und Steinkohle, die Erzeugung von Erdöl und Erdgas, die Vor- und Nachteile von Wasserkraftwerken sowie über die Bodensee-Wasserversorgung. Die deutschen Schüler, ihre eigenen Lehrer, Schulleiter Ivan Lozenko, Deutschlehrerin Mariya Romanovska und Englischlehrerin Nadiya Holubovich, hörten zu. "Euer Besuch war für uns ein Höhepunkt. Das war nicht der normale Alltag", bemerkte Claudia Weber-Bastong. Diese Themen hätten die Schüler zum ersten Mal bearbeitet.

Ivan Lozenko nannte das Projekt brisant, ohne Energie sei Leben kaum vorstellbar. Die Schüler hätten in den Tagen viel gelernt. "Verlässlichkeit und Hilfsbereitschaft gewinnen immer." Es gebe keinen Unterschied mehr zwischen Ukrainern und Deutschen, sie seien eine Familie geworden. "Die deutsche Sprache hat uns zusammen gebracht, wir nutzen jede Gelegenheit, unsere Sprachkenntnisse zu verbessern." Jeder Tag sei besser als der vorherige gewesen. "Bregenz, Winterthur, Deutschland – alles war so verflochten, dass wir vergessen haben, in welchem Land wir sind. Das heißt Globalisierung", schloss Lozenko und versprach, in Lwiw den Deutschen viel zu bieten.

Der Ukraine-Austausch

2007 gab es erste Sondierungen, dann folgte der Beschluss zu einer Partnerschaft zwischen dem Nellenburg-Gymnasium und der Schule Nr. 28 aus Lwiw (früher Lemberg). Seitdem kam regelmäßig eine Gruppe aus der Ukraine. Jeweils einige Monate später reisten die deutschen Austauschpartner dorthin. Bis zu 15 Schüler können auf beiden Seiten teilnehmen. Die deutschen Schüler schreiben einen persönlichen Steckbrief. Ihnen wird ein Partner zugeordnet. Das habe in diesem Jahr sehr gut geklappt, bestätigen die Deutschen. Sie halten über Instagram Kontakt zu ihren ukrainischen Freunden.

In der Mittelschule Nr. 28 mit erweitertem Deutschunterricht lernen die Kinder bereits ab der ersten Klasse Deutsch. Die Schüler legen eine Prüfung ab und haben neben dem Abitur den C 1-Abschluss. Der Europäische Referenzrahmen für Sprachen beschreibt sechs Stufen (A 1, A 2, B1, B 2, C 1 und C 2) zur einheitlichen Beurteilung von Sprachkenntnissen bei Nicht-Muttersprachlern. C 1 bescheinigt ein fortgeschrittenes Kompetenzniveau. Damit ist ein Studium in Deutschland möglich. (wig)