Ein Modell, das sonst nur von Privatschulen und Stiftungen bekannt ist, findet in den nächsten Wochen erstmals in Stockach Anwendung: Das Berufsschulzentrum bietet in der ersten Septemberwoche eine Sommerschule. "Wichtig ist, dass es nicht nur ums Lernen geht, sondern dass Lernen und Erleben Hand in Hand gehen", sagt Schulleiterin Claudia Heitzer. Das Angebot richtet sich an mögliche künftige Schüler, die sich bereits für den Besuch des BSZ im kommenden Jahr angemeldet haben oder ihr Interesse signalisieren. Dabei sollen besonders Schüler mit Nachholbedarf bedacht werden: Eher diejenigen mit einer Note drei oder vier im Zeugnis als Einser-Schüler, sagt Heitzer. 30 Plätze hat die Schule anzubieten, erste Anmeldungen gibt es bereits. Anmeldeschluss ist schon am heutigen Freitag, 20. Juli.

In den Händen hält die Schulleiterin einen Stundenplan für eine ganz besondere Woche. Darauf stehen Unterrichtsfächer wie Mathematik, Deutsch und Englisch, aber auch Zeitfenster für Kennenlernen und Motivationstraining, Bogenschießen in Immenstaad sowie Musikförderung. Jeder Tag steht dabei unter einem eigenen Motto: Identität, Kunst, Musik, "Fürs Leben lernen!" und "Das bin ich". Zu verdanken ist das Programm laut Heitzer besonders den Lehrern Sebastian Fritz und Bettina Bahr. Insgesamt würden sich etwa zehn Lehrer freiwillig einbringen, weitere Unterstützung braucht es für das Nachmittagsprogramm. Die Lehrer opfern demnach eine Woche ihrer Sommerferien, um Schülern einen guten Start zu ermöglichen. "Stark und selbstsicher ins Schuljahr starten" lautet das Motto des kostenlosen Angebots. Die Schüler werden von 9 bis etwa 16.30 Uhr betreut: Vormittags meist mit Lern-Schwerpunkt und am Nachmittag mit einem Erlebnisangebot.

Doch warum braucht es eigentlich eine Sommerschule? Claudia Heitzer muss für die Antwort nicht lange überlegen: "Es ist einfach zu beobachten, dass die Leistungen nachlassen." Die Ursachen sieht sie nicht unbedingt in mangelnder Leistungskompetenz, sondern gewandelten Persönlichkeiten. "Sehr viele Schüler kommen mit vielen Päckchen in die Schule", erklärt die Schulleiterin sinnbildlich. Die gesellschaftlichen und familiären Kontexte hätten sich verändert, auch der Umgang mit sozialen Medien sei ein Thema.

Zusage erst vor wenigen Wochen

Auch für die Kurzfristigkeit dieses kostenlosen Angebots hat Claudia Heitzer eine Erklärung: Das BSZ Stockach ist eine von insgesamt sechs Pilotschulen, die in diesem Sommer eine Sommerschule einrichten dürfen. Gefördert wird das vom Landesministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz (siehe Infokasten), um berufliche Gymnasien zu stärken und Schülern einen optimalen Übergang zu ermöglichen. Die Möglichkeit einer Sommerschule wurde ausgeschrieben, erläutert Heitzer, und sie hätten erst nach den Pfingstferien erfahren, dass das Berufsschulzentrum ausgewählt wurde. "Seitdem sind wir dran", sagt sie. Ende Juni habe sie eine Schulung in Esslingen besucht, dann konnten die ersten Pläne Gestalt annehmen. Einige Vorgaben gebe es: Einige Stunden der Hauptfächer Mathe, Deutsch und Englisch sind Pflicht, außerdem soll Lernen mit Erleben verbunden werden und am Ende mit einer Evaluation ermittelt werden, wie das Angebot aufgenommen wird.

Die erste Resonanz sei sehr positiv, sagt die Schulleiterin, was auch angesichts des engen Zeitplans toll sei: Viele Lehrer würden sich einbringen, es soll eine Betriebsbesichtigung bei der Gerhard Haas KG geben und mittags eine von Firmen unterstützte Verpflegung. "Das fanden wir natürlich fantastisch, dass die spontan zugesagt haben", sagt die Schulleiterin über den Besuch der erfolgreichen Musiker von Glasperlenspiel – Sänger Daniel Grunenberg stammt bekanntlich aus Stockach. Und beim nächsten Mal soll für die Organisation ein wenig mehr Zeit sein. Beim nächsten Mal? Ja, laut Claudia Heitzer soll es nicht bei einer Premiere bleiben. "Es ist sicher, dass wir das nächstes Jahr wieder anbieten werden", sagt sie.