Solche Feuerwehreinsätze haben einen großen Jööö-Faktor: Die Beringungen von Jungstörchen. Christian Mende, der ehrenamtliche Storchenbeauftragte in der Verwaltungsgemeinschaft Stockach, war in dieser Woche unterwegs, um mit Hilfe von Johannes Zehnle von der Stockacher Feuerwehr dem Nachwuchs jeweils einen Ring an ein Bein anzubringen.

Der Ring kommt jeweils ans linke Bein, weil 2019 eine ungerade Jahreszahl ist.
Der Ring kommt jeweils ans linke Bein, weil 2019 eine ungerade Jahreszahl ist. | Bild: Claudia Ladwig

Mende und Zehnle begannen am Montag in Wahlwies, wo es inzwischen elf Horste gibt. Im Bindt wachsen zum Beispiel vier Jungstörche heran. Das Nest wurde erst in diesem Frühjahr erneuert, nachdem das vorherige zu schwer und die Holzplattform instabil geworden war. Aus dem vorbereiteten Nest, das als Umrandung einen wenige Zentimeter hohen geflochtenen Weidenring besaß, wurde in kürzester Zeit ein stattlicher Bau. Die Storcheneltern haben das Nest schon mehr als 20 Zentimeter hoch gebaut.

Auf einer abgebrochenen Zeder errichtete die Firma Muffler aus Orsingen-Nenzingen ein neues Nest. Hier schlüpften dieses Jahr drei Jungvögel.
Auf einer abgebrochenen Zeder errichtete die Firma Muffler aus Orsingen-Nenzingen ein neues Nest. Hier schlüpften dieses Jahr drei Jungvögel. | Bild: Claudia Ladwig

Auf der abgebrochenen Zeder in der Friedhofstraße hat die Firma Holzbau Muffler aus Nenzingen eine Plattform montiert. Die drei jungen Störche lagen eng aneinander gekuschelt da, als Mende und Zehnle im Drehleiterkorb hochfuhren.

Dicht aneinander gekuschelt liegen die Jungstörche in ihrem Nest auf der abgebrochenen Zeder in Wahlwies. Sie bleiben ganz ruhig, während Christian Mende sie beringt.
Dicht aneinander gekuschelt liegen die Jungstörche in ihrem Nest auf der abgebrochenen Zeder in Wahlwies. Sie bleiben ganz ruhig, während Christian Mende sie beringt.

Sie blieben auch ruhig, als Mende sie der Reihe nach hochnahm, um ihnen den Ring ans Bein zu klicken. Vorsichtshalber legte er den beiden anderen währenddessen ein Tuch über den Kopf. Das entspanne sie. Die Jungvögel dürften älter als sechs Wochen sein, denn dann ersetzt ein stattliches Federkleid den weichen Flaum.

Zu Wahlwies erzählte Mende noch: „Eine Besonderheit in Wahlwies ist, dass zwei Nester auf einem alten Birnbaum sind.“

Am Mittwoch ging es in Stockach weiter, wo dieses Jahr ein Einzelkind im Storchennest sitzt.

Johannes Zehnle von der Feuerwehr steht hier in Stockach bereit. Im Storchennest oben ist Papa Hans beim Nachwuchs.
Johannes Zehnle von der Feuerwehr steht hier in Stockach bereit. Im Storchennest oben ist Papa Hans beim Nachwuchs. | Bild: Löffler, Ramona

Bei der Anfahrt war Storchenpapa Hans noch mit im Nest.

Papa Hans lässt den Drehleiterkorb relativ nahe an sich heran, ehe er nervös wird.
Papa Hans lässt den Drehleiterkorb relativ nahe an sich heran, ehe er nervös wird. | Bild: Löffler, Ramona

Schließlich reagierte er aber so wie erwachsene Störche immer reagieren: Er flog davon.

Papa Hans flüchtet schließlich. Der Nachwuchs duckt sich und stellt sich tot.
Papa Hans flüchtet schließlich. Der Nachwuchs duckt sich und stellt sich tot. | Bild: Löffler, Ramona

Zur Beruhigung und gegen eventuelles Wegfliegen, legt Christian Mende ein Handtuch über den Jungstorch.

Das Tuch soll den Jungstorch beruhigen.
Das Tuch soll den Jungstorch beruhigen. | Bild: Löffler, Ramona

Die Redaktion hat das Junge scherzhaft auf Hans Solo getauft, auch wenn das Geschlecht nicht bekannt ist. Dabei hätte der Nachwuchs von Hans und Nelli II sogar ein Geschwisterchen haben können.

Johannes Zehnle (links) und Christian Mende schauen sich die Überraschung an, die im Nest lag: Ein unbefruchtetes Ei.
Johannes Zehnle (links) und Christian Mende schauen sich die Überraschung an, die im Nest lag: Ein unbefruchtetes Ei. | Bild: Löffler, Ramona

Christian Mende fand neben dem Jungstorch (Ring A5N99) ein intaktes Ei im Nest, das er als gut ausgepolstert lobte. Das Ei war offenbar unbefruchtet – so konnte nichts schlüpfen. Das komme immer wieder vor.

Das unbefruchtete Storchen-Ei ist kaum größer als ein Hühnerei.
Das unbefruchtete Storchen-Ei ist kaum größer als ein Hühnerei. | Bild: Löffler, Ramona

Er fand auch noch in zwei weiteren Nestern im Raum Stockach je ein unbefruchtetes Ei.

Der Ring trägt die Nummer A5N99. Das DER steht für Deutschland und die Vogelwarte in Radolfzell-Möggingen.
Der Ring trägt die Nummer A5N99. Das DER steht für Deutschland und die Vogelwarte in Radolfzell-Möggingen. | Bild: Löffler, Ramona
Christian Mende macht nach dem Beringen noch die obligatorische Schnabelkontrolle und säubert ihn.
Christian Mende macht nach dem Beringen noch die obligatorische Schnabelkontrolle und säubert ihn. | Bild: Löffler, Ramona

Und wie ist es für Johannes Zehnle bei so vielen Beringungen dabei zu sein? „Man weiß im Voraus nicht immer, wieviele wo drin sind“, erzählt der Feuerwehrmann, der seit rund 15 Jahren bei den tierischen Aktionen der Storchenbeauftragten hilft. Das mache es spannend. In Wahlwies gebe es dieses Jahr relativ viele Störche.

Mende freut sich über die Unterstützung der Feuerwehr: „Wir könnten das sonst nicht machen. Die Zusammenarbeit ist hervorragend.“ Zehnle unterstütze ihn auch manchmal, den Jungstorch zuzudecken oder zu halten.

Ein letzter Blick auf den Jungstorch. Alles ist gut gelaufen und er hat brav mitgemacht.
Ein letzter Blick auf den Jungstorch. Alles ist gut gelaufen und er hat brav mitgemacht. | Bild: Löffler, Ramona
Der Jungstorch bleibt alleine im Nest zurück. Die Eltern kommen wieder, wenn die Menschen im Drehleiterkorb weg sind.
Der Jungstorch bleibt alleine im Nest zurück. Die Eltern kommen wieder, wenn die Menschen im Drehleiterkorb weg sind. | Bild: Löffler, Ramona

Die Beringungen müssen immer in einem relativ kurzen Zeitraum stattfinden: Die Jungstörche müssen groß genug sein, aber dürfen gleichzeitig noch nicht fliegen können. In Wiechs habe Mende den Fall gehabt, dass einer von mehren doch schon flügge war und vor dem Beringen geflüchtet ist.

Man beringt normalerweise zwischen der vierten und sechsten Lebenswoche. Zum Ende dieser Zeit oder kurz danach könne man sicher sein, dass die Störche sich gut entwickelt hätten.

Aus der Nähe zeigt sich, wie groß das Nest auf dem Denkmal ist.
Aus der Nähe zeigt sich, wie groß das Nest auf dem Denkmal ist. | Bild: Löffler, Ramona

„Ein starker Regen über einen längeren Zeitraum auf den zarten Flaum und dieser saugt sich mit Wasser voll: Das hat schon manchen Storch das Leben gekostet“, sagte Mende. Nach sechs Wochen haben sie Gefieder, dann sind sie stabiler“, hatte der Böhringer Storchenvater Wolfgang Schäfle schon bei früheren Beringungen erklärt.

Viel länger zu warten habe keinen Sinn: Die Jungstörche würden nicht mehr in den Totstellreflex fallen und es bestünde die Gefahr, dass sie vor Aufregung aufstehen, wegkriechen, zuschnappen oder aus dem Nest hüpfen. Manche könnten auch wegfliegen, hätten aber womöglich nicht die Kraft, wieder zurück zu kommen.

Und fast wieder auf dem Boden: Ein Blick aus dem Korb auf die Drehleiter und das Feuerwehrfahrzeug.
Und fast wieder auf dem Boden: Ein Blick aus dem Korb auf die Drehleiter und das Feuerwehrfahrzeug. | Bild: Löffler, Ramona

Nach Stockach machten Mende und Zehnle in Mindersdorf und Orsingen weiter. Auf der Eckhartsmühle in Mindersdorf seien drei Junge im Nest, erzählte Mende.

In Orsingen auf dem Dach eines alten Ökonomiegebäudes wohnen zwei Küken. Eigentlich gäbe es auch in Nenzingen im Nest bei Familie Fecht auch wieder Nachwuchs, doch der Mast steht mitten auf einer Wiese. Der Untergrund sei zu weich für ein Fahrzeug mit Drehleiterkorb, so Mende. Deshalb gibt es für die drei Störche dort keine Ringe.

Auf dem Strommast mitten in Zoznegg gibt es drei Jungstörche, doch es sei zu eng, um mit einem Drehleiterfahrzeug hinzufahren. Deshalb bekommen auch diese Störche keine Ringe.

Ringe für 26 junge Störche

Insgesamt beringte Mende in vier Tagen 26 junge Weißstörche, wobei es eigentlich noch mehr gibt, aber nicht alle sind für eine Beringung erreichbar. In der Verwaltungsgemeinschaft weiß Mende von 19 Nestern, davon alleine elf in Wahlwies. Es gebe ein Nest mit vier Jungen, acht Nester mit drei Jungen, drei Nester mit zwei Jungen, fünf Nester mit einem Jungen und zwei Nester ohne Nachwuchs. „Im Schnitt wurden also zwei Jungstörche pro Storchenhorst großgezogen“, so Mende.

Mende muss in zwei Wochen auch nochmal zu Nachzüglern in Wahlwies. Auf dem Winkelstüble gebe es Spätbrüter. Deren Junge seien jetzt noch nicht so weit, um beringt zu werden.

Trotz der Schlechtwetterperiode gebe es im Raum Stockach in diesem Jahr wenig Verluste in den Storchennestern, fasst Mende zusammen, der die Verwaltungsgemeinschaft Stockach vom Böhringer Storchenvater Wolfgang Schäfle übernommen hat.

Über die Ringe, Nummern und die Brutzeit

  • Zahlen und Nummern: Die Buchstaben und Zahlen auf den Ringen ermöglichen die Bestimmung der Herkunft der Störche. In Deutschland gibt es drei verschiedene Buchstabenfolgen, alle beginnen mit DE für Deutschland. Die Ringe der Vogelwarte in Radolfzell-Möggingen haben ein DER. Alle Störche im Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland bis Frankfurt/Main und ganz Österreich werden so gekennzeichnet. Mit DEW (Wilhelmshaven) werden alle Störche im restlichen Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland gekennzeichnet DEH (Hiddensee) bekommen die Störche im ehemaligen DDR-Gebiet gekennzeichnet. Finden könnte man bei uns auch Störche mit einem HES-Ring. Das bedeutet Helvetia, Sempach und gilt für die gesamte Schweiz. Neben dieser Buchstabenkombination ist jeweils noch eine individuelle Ringnummer aufgedruckt, die für den einzelnen Storch ist.
  • Position: Die Ringe, die über dem Knie angebracht werden, seien so stabil, dass sie laut dem Böhringer Storchenvater Wolfgang Schäfle nie verloren gehen können. Der Ring, der je nach Jahr links (bei ungeraden Jahreszahlen) oder rechts (bei geraden Jahreszahlen) angebracht wird, besteht aus einem speziellen Kunststoff, der mit Lasertechnik hergestellt wird. Das Material wird nicht spröde und bleibt ein Leben lang am Bein.
  • Brüten und Aufwachsen: Eine Störchin legt übrigens meist drei oder vier Eier jeweils im Abstand von zwei Tagen. Mit Ablage des zweiten Eis beginnt die Brut. Störche haben ein Geburtsgewicht von 70 bis 75 Gramm, das sie innerhalb von vierzehn Tagen verzehnfachen. Einer der Storcheneltern bringt die in zwei bis drei Stunden gesammelte Nahrung zum Nest. Er hat sie in seinem Kropf gespeichert, würgt sie heraus und legt sie auf dem Nestboden ab. Die Kinder müssen vom ersten Tag an selbst fressen. Weil sich die stärksten oft durchsetzen, kommt es vor, dass die jüngsten Kinder verhungern. Nach 70 Tagen werden die Vögel dann flügge. Die Jungstörche fliegen Ende Juli bis Ende August gen Süden, die Eltern später. (wig/löf)