Wer Jenny Haas-Wohlhüter besucht, dem fällt zunächst die Musik auf, die sie gerne bei der Arbeit hört. An diesem Vormittag läuft Bob Marley, doch darauf ist sie nicht festgelegt: "Ich höre, worauf ich Lust habe", erzählt sie, und dass sie Wir sind Helden gerne mag. Ansonsten ist der Raum eher unauffällig, hell, im hinteren, vom Fenster abgewandten Teil durch Neonröhren beleuchtet, mit einem großen Tisch in der Mitte. Rundherum: Nähmaschinen, Stoffe, eine voll behängte Kleiderstange, Schneiderpuppen. Haas-Wohlhüter ist Modedesignerin mit eigenem Label und einer Schwäche für Einzelstücke.

In Serien wolle sie gar nicht arbeiten, erzählt sie, das sei ihr zu langweilig – auch wenn die Serienfertigung natürlich pro Kleidungsstück weniger Aufwand bedeuten würde. Aus demselben Grund arbeite sie auch nicht für große Labels und möchte gerne ein Ein-Frau-Betrieb bleiben – in Selbstständigkeit. Die gibt ihr die Möglichkeit, ihrer eigenen Wege zu gehen. So war sie zum Beispiel mit den beiden Künstlerinnen Carola Stanforth und Dagmar Eckert im vergangenen Jahr bei der Kunstaktion Arte Romeias in Singen beteiligt. Dabei konnten Künstler Wohnungen in Gebäuden gestalten, die später abgerissen wurden. Sie blieb dabei ihrem Metier treu. Auf Tragbarkeit sei es nicht angekommen, erinnert sie sich an das Projekt, etwa bei einem Papierrock: "Aber es war Modedesign."

Ein anderes Projekt abseits des Kerngeschäfts steht demnächst bevor. Für ein großes Projekt der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz, das aus Mitteln eines Exzellenz-Förderprogramms des Bundestags finanziert wird, werde sie an den Kostümen mitarbeiten. Bürger und Schüler ebenso wie Schauspieler Oliver Wnuk sollen bei dem Beteiligungsprojekt dabei sein – und die wollen eingekleidet sein. Einen regelrechten Masterplan für die Karriere habe sie nicht, erzählt die 40-Jährige. Es gehe eher darum, Gelegenheiten zu nutzen und zu sehen, was sich daraus entwickle.

Ganz ähnlich beschreibt sie auch den Beginn ihres Geschäfts. Nach einer handwerklichen Lehre zur Damenschneiderin in Freiburg hat sie dort für ein paar Jahre mit einer Designerin zusammengearbeitet. Doch sie wollte mehr, hat an der staatlichen Modeschule in Stuttgart Modedesign studiert. Kurz nach dem Abschluss kam ihr erstes Kind zur Welt. Und dann kamen Krabbelschuhe aus Leder für Kleinkinder als erstes Produkt. Mit Wendeschürzen ging es weiter: "Da konnte ich viel mit Mustern und Stoffen experimentieren", erzählt Haas-Wohlhüter. Mit fünf Freundinnen sei sie im Jahr 2013 bei der Frankfurter Messe gewesen, um die Schürzen zu bewerben. Auch Fernsehkoch Tim Mälzer hätten sie dabei eine in die Hand gedrückt, erinnert sie sich heute. 2015 kam eine erste Modenschau mit eigener Kollektion. Eine kleine Kollektion habe sie regelmäßig, mit der sie sich – inzwischen rein regional – bei Veranstaltungen in der Stadt präsentiere. Bei diesen Entwürfen könne sie ihren eigenen Geschmack ausleben, erzählt sie.

Ihre Eltern im heimischen Winterspüren hätten beide selbstständig gearbeitet, sagt Haas-Wohlhüter, diese Arbeitsform lag daher auch für sie nah. Und dadurch dass sie zu Hause arbeitet, könne sie auch für ihre Kinder da sein. Der Familie wegen seien sie nach Stockach, in die Heimatstadt ihres Mannes, gezogen, wo auch dessen Eltern leben. Sein geregeltes Einkommen, das gibt Haas-Wohlhüter zu, ermöglicht ihr diese Art zu arbeiten – "Einzelstücke brauchen Zeit", sagt sie. Und bei aller Individualität ist sie sich bewusst, dass viele Menschen zu ihrer Arbeit gehören. Die Schneiderin Johanna Brinkmann, mittlerweile in hohem Alter, nennt sie als wichtige Ratgeberin, und auch sonst gebe es viele Freunde und Bekannte, die ihr helfen.

Gibt es etwas, was sie gar nicht macht? Brautmoden überlasse sie gerne Spezialisten, antwortet sie auf diese Frage. Und Herrenkleidung mache sie auch nicht, da muss Haas-Wohlhüter nicht lange überlegen. Denn die sei sehr anders in der Herstellung als Damenkleidung, speziell bei Anzügen. Nur den Hochzeitsanzug für ihren Ehemann, den habe sie selbst genäht – für die Familie sei es eben etwas anderes.

Dass sie in keiner der großen Modemetropolen lebt und arbeitet, empfindet Haas-Wohlhüter nicht als Mangel. Denn es gebe auch in der Region modeinteressierte Frauen, die sich individuell kleiden wollen. Manchmal bringen ihr Kundinnen auch einen Stoff mit und wollen daraus ein Kleidungsstück genäht haben. Und sie reise regelmäßig in große Städte, um Ideen zu sammeln – und um Musik mitzubringen, für den Klang im Atelier.