Stockach – Gemeinsam ein Graffiti entwickeln und sprühen: Das zeitgemäße Unterrichtsthema in der VAB-Klasse des Berufsschulzentrums Stockach erreicht zwei Ziele: Primär geht es darum, Präventivarbeit zu leisten und zu erklären, dass man sich durch illegales Sprayen strafbar macht. Doch der Fokus des Workshops liegt auf einem weiteren Schwerpunkt: Förderung des Einzelnen sowie Neukonzeption und Gestaltung des überdachten Fahrrad- und Zweirad-Abstellplatzes.

Weil sie den Konstanzer Graffiti-Künstler Emin Hasirci durch ihren Sohn kennt, entstand bei Lehrerin Marlies Kreiser die Idee zu der Aktion. Der junge Mann hat schon zahlreiche Projekte realisiert. Den Reiz an der Kunstform beschreibt er so: "Durch den Einsatz einer Sprühdose kann ich meine Ideen und Visionen schneller und auch effektiver umsetzen als bei der Arbeit auf Papier. Beim Zeichnen auf Papier muss ich Fehler radieren oder komplett neu beginnen. Anders bei der Arbeit mit der Sprühdose. Ich kann mit dem richtigen Sprühfarbton über die fehlerhafte Stelle sprühen und so einen Radier-Effekt erzeugen."

Das Workshop-Konzept entwarf er mit ausgebildeten Pädagogen. "Wir stellen uns kurz vor, sagen, was wir machen und, dass wir keine Lehrpersonen sind. Dadurch haben wir bessere Chancen als Lehrende, weil wir auf Augenhöhe mit den Teilnehmern kommunizieren können", erklärt Hasirci. Der Workshop besteht aus einem inspirierenden Theorie- und einem aktiven Praxisteil. Beide werden nach den Wünschen der Teilnehmer sowie der Lehrpersonen abgestimmt. Einer Kennenlernphase folgt eine Einführung in die Ursprünge der Graffiti- und Hip-Hop-Kultur. "Dann vermittele ich den Jugendlichen Bildaufbau, Farb- und Formenlehre informiere sie über gestalterische Berufszweige", sagt Hasirci.

Die Schüler sind begeistert. "Mega gut, dass er uns zeigt, wie es geht und Tipps gibt", freut sich Andrea Leute. "Ich bin froh, dass wir die Klasse sind, mit der er das Projekt macht und dass uns Frau Kreiser das ermöglicht hat." Es sei aufregend, mit einer Spraydose zu sprühen, sagt die 15-Jährige. Katja Dambacher meint, es wäre gut, wenn es solche Projekte auch an anderen Schulen gebe. Und Rawan Ismail gibt zu, dass sie anfangs skeptisch war. "Es war eine Überraschung. Ich habe nicht gedacht, dass ich sowas kann."

Lehrerin Marlies Kreiser lobt die Klasse: "Das habt ihr toll gemacht." Im Kunstunterricht haben die Schüler für Emin Hasirci als Dankeschön ein langes Plakat gestaltet. Alle haben sich gegenseitig unterstützt, auch an der Wand. Das erstmals organisierte Projekt sei ein Erfolg für die Schüler und zeige, dass es sich lohne, sich auf Dinge einzulassen und sie zu bewältigen, bekräftigt die Lehrerin. Jeder habe ein besonderes Talent, das er fördern sollte, um seinen Lebensweg zu gestalten. Der Gruppe hat diese gemeinsame Arbeit sehr gut getan.

Der Künstler

Emin Hasirci (1982) ist staatlich ausgebildeter Grafik-Designer und Kommunikationsdesigner mit Schwerpunkt auf Corporate Design und digitale Medien, Lehrbeauftragter und Mitarbeiter an der HTWG Konstanz, Illustrator und Schriftgestalter, Event-Architekt, Urban-Art-Künstler mit internationalen Projekten und arbeitete an der Lehrmedien-Werkstatt der Uni Konstanz. Er veranstaltet bundes- und europaweit Workshops für Schüler und Erwachsene. Je nach Budget, Gruppengröße, Anforderung und Umfang sind dabei auch renommierte Graffiti-Künstler und erfahrene Pädagogen involviert. Auf Wunsch holt er die Polizei dazu, so dass auch gesetzliche Aufklärungsarbeit geleistet werden kann. Emin Hasirci ist überzeugt davon, dass durch Themen wie Graffiti-Kunst und Street-Art Jugendliche besser erreicht werden können. (wig)