Wenn sich eine große Gruppe Neuntklässler im Alten Forstamt tummelt und in ehrfürchtiger Stille zwischen Ausstellungsstücken und Informationsschildern verharrt, ist klar: Hier wird etwas Besonderes geboten. Es gibt kein Hereinrufen und kein nervöses Herumgezappel, während Museumsleiter Johannes Waldschütz in ernstem Tonfall vom Ersten Weltkrieg, den Erlebnissen der Soldaten an der Front und dem Schrecken des Krieges erzählt. Es ist die Einführung in eine außergewöhnliche Projektarbeit der Schüler.

Die Idee hierzu kam von Vanessa Wind und Silvio Lorenzi, die derzeit als Referendare am Schulverbund Nellenburg tätig sind. Sie wurden auf die Ausstellung aufmerksam, die unter dem Titel „Erster Weltkrieg, Revolution und Neubeginn. Stockach im Umbruch 1917-1921“ im Alten Forstamt gezeigt wird. Kurzerhand beschlossen sie, sich mit Johannes Waldschütz in Verbindung zu setzen und entwarfen Arbeitsstationen, an denen die Schüler im Rahmen der Ausstellung verschiedene Aufgaben lösen können. Mit einer neunten Klasse des Schulverbunds haben sie das Projekt bereits umgesetzt, nach diesem Termin sollen noch zwei weitere Gruppen folgen. Ziel ist es, das Interesse der Jugendlichen zu wecken, bevor der Erste Weltkrieg im Unterricht behandelt wird. Bei der Nachbesprechung des Projekts kann zudem festgestellt werden, wo noch Wissenslücken zu schließen sind. Zudem hoffen Vanessa Wind und Silvio Lorenzi, dass das Thema für die Schüler durch die interaktive Gestaltung schneller greifbar wird. „Dann verstehen die Schüler das auch ganz anders“, ist sich Wind sicher.

In Gruppenarbeit beantworten die Schüler die Fragen über den Ersten Weltkrieg an den jeweiligen Stationen. Die Antworten finden sich auf den Informationstafeln und bei Betrachtung der Ausstellungsstücke.
In Gruppenarbeit beantworten die Schüler die Fragen über den Ersten Weltkrieg an den jeweiligen Stationen. Die Antworten finden sich auf den Informationstafeln und bei Betrachtung der Ausstellungsstücke. | Bild: Marinovic, Laura

Der regionale Bezug soll dazu ebenfalls beitragen. In Glaskästen finden sich Briefe und Karten, geschrieben von Soldaten aus dem Stockacher Umland. Zusätzlich erzählt Johannes Waldschütz von bekannten Orten und zeigt Register mit den Namen ansässiger Familien. „Wir versuchen, die weltgeschichtlichen Ereignisse mit denen vor Ort zu verknüpfen“, erklärt Waldschütz. Zudem setzt er auf Emotionen, um die Schüler zu fesseln. „Ich möchte zeigen, wie grausam und sinnlos der Krieg ist“, begründet er seinen Vortrag, der das Leiden der Kämpfenden und ihrer Familien nicht beschönigt. Dennoch achtet er darauf, dass das Erzählte von den Schülern verarbeitet werden kann und geht nicht zu sehr ins Detail.

Anhand von originalen Ausstellungsstücken wird das Leben der Stockacher während des Ersten Weltkrieges dargestellt.
Anhand von originalen Ausstellungsstücken wird das Leben der Stockacher während des Ersten Weltkrieges dargestellt. | Bild: Marinovic, Laura

Er möchte ohnehin nicht allzu viel vorwegnehmen. Stattdessen sollen die Neuntklässler eigenständig die Arbeitsstationen bearbeiten. Auf einem Aufgabenblatt stehen Fragen zur Ausrüstung der Soldaten, der Rolle Stockachs im Ersten Weltkrieg, aber auch zu dem Beginn der Weimarer Republik. Die Antworten hierzu sind auf den zahlreichen Informationstafeln und bei genauer Beobachtung der Ausstellungsstücke zu finden. In mehreren Gruppen machen die Schüler sich auf die Suche, studieren Karten, untersuchen die Ausrüstungsgegenstände der Soldaten und Fotos des Stockacher Fotografen Gustav Hotz II, der den Alltag im Schützengraben dokumentiert hat. Bei den Jugendlichen kommt die Projektarbeit sehr gut an. „Es ist informativ und man kann gut aufpassen“, urteilt der 16-jährige Mario Hege. Auch Aylia Mayer ist sich sicher, viele Informationen mitnehmen zu können. „Es ist einfacher, das so zu verstehen“, erklärt sie. Insbesondere der regionale Bezug gefällt ihr, der in der Schule womöglich zu kurz kommen könnte: „Es bringt nichts, etwas über die Geschehnisse in Berlin zu wissen, wenn man nichts über die eigene Heimat weiß.“