Schnelles Internet ist abseits der Ortschaften noch immer eine Seltenheit – auch im Raum Stockach. Laut dem Breitbandatlas des Bundesverkehrsministeriums sind viele Höfe und Weiler der Gemeinde nicht an ein Breitbandnetz angebunden. Die Junge Union fordert den Stockacher Gemeinderat in einem Aktionsplan dazu auf, „den Ausbau des schnellen Internets zum Prioritätenthema zu erklären“. Was bedeutet das konkret, was sagt die Stadt dazu – und vor allem: was bedeutet es für die betroffenen Anwohner, ohne schnelle Internetverbindung zu leben? Drei Blickwinkel auf ein Thema:

Das beklagen die Anwohner:

Familie Lohrmann lebt idyllisch: Die fünfköpfige Familie wohnt auf dem Quellenhof im Stockacher Weiler Ursaul. Sie betreibt dort eine Pferdepension, hält Schweine und Rinder und vermietet eine Wohnung an Feriengäste. Im Garten des Wohnhauses liegt ein Schwimmteich.

Doch die Idylle hat ihren Preis: Die Internetverbindung ist, wie auch bei Lohrmanns Nachbarn, miserabel. Vor allem nachmittags und abends sei die Leistung extrem schlecht und am Wochenende gehe so gut wie gar nichts, sagt Marco Lohrmann. Sein 18-jähriger Sohn Magnus fügt an: „Es gibt Tage, an denen man noch nicht mal ein Okay per Messenger verschicken kann.“ Einen Film im Internet schauen – auch als streamen bekannt – oder ein Computerspiel im Internet spielen, ist für die meisten Gleichaltrigen selbstverständlich, für ihn und seine beiden jüngeren Geschwister gehe das aber oft gar nicht. „Und wenn es dann mal klappt, läuft zwar der Ton, aber das Bild ist total verpixelt“, sagt Magnus.

Doch unter der schlechten Internetverbindung leidet nicht nur das Freizeitvergnügen, sondern auch die Arbeit auf dem Betrieb. „Vor allem beim Gemeinsamen Antrag ist es ein Problem, wenn man immer wieder rausfliegt“, sagt Marco Lohrmann. Mit dem Gemeinsamen Antrag beantragen Landwirte Ausgleichszahlungen. Seit einiger Zeit können die dafür benötigten Tabellen nur noch online ausgefüllt werden. Die erhobenen Daten werden dann mit den Geodaten des jeweiligen Betriebes verknüpft: Beispielsweise muss Marco Lohrmann einen Acker auf einer digitalen Karte einzeichnen und ihn mit den in der Tabelle erfassten Informationen verknüpfen. „Vor allem das Kartenmaterial hochzuladen, gelingt oft nicht – der Computer hängt sich immer wieder auf“, sagt Marco Lohrmann. Doch auch für den täglichen E-Mail-Verkehr müssten sie vielfach auf die mobilen Daten ihrer Handys ausweichen.

Das fordert die Junge Union:

Die Nachwuchsorganisation der CDU nennt in ihrem Aktionsplan „Schnelles Internet für Stockach“ fünf Forderungen an den Gemeinderat, die Stadtverwaltung und die Telekom. „Unsere Forderungen haben wir bewusst ambitioniert formuliert“, sagt Simon Mai, Vorsitzender der Jungen Union Stockach. Zwar sei Stockach auf einem guten Weg, da bis Ende dieses Jahres in weiten Teilen der Gemeinde – mit Ausnahme der meisten Höfe und Weiler – FTTC-Standard eingerichtet werde. Das Internetsignal werde jedoch durch Kupferkabel zu den Häusern geleitet und deren Kapazität sei stark begrenzt.

„Kupferkabel reichen nicht, um alle Abnehmer mit schnellem Internet zu versorgen.“ Simon Mai, Junge Union
„Kupferkabel reichen nicht, um alle Abnehmer mit schnellem Internet zu versorgen.“ Simon Mai, Junge Union | Bild: Freißmann, Stephan

„Das reicht nicht aus, um die steigende Anzahl Abnehmer mit schnellem Internet zu versorgen“, sagt Simon Mai. Die JU fordere den Gemeinderat daher dazu auf, schnelles Internet zum Prioritätenthema zu erklären und den Glasfaserausbau mit entsprechenden Mitteln auszustatten, damit ein FTTH-Standard bis 2022 realisierbar sei und langfristig auch die Höfe und Weiler ans Glasfasernetz angeschlossen würden. Dort solle mindestens eine Datenübertragungsrate von 42,2 Megabit pro Sekunde sichergestellt werden.

Doch die JU nimmt nicht nur Stadt und Gemeinderat in die Pflicht, sondern auch die Telekom. Sie fordert von dieser, dass sie ihren Verpflichtungen in Zizenhausen und Hoppetenzell im angegebenen Zeitrahmen nachkommt und in den beiden Ortsteilen mindestens FTTC-Standard herstellt.

Das sagt die Stadt:

Bürgermeister Rainer Stolz schreibt auf Nachfrage: „Die städtischen Aktivitäten werden das Zugesagte, nämlich die Breitbandversorgung der Stadt und der Stadtteile mit einer Leistung von bis zu 25 Megabit pro Sekunde, mit einer geringen zeitlichen Verzögerung erfüllen.“ Die Stadt werde sich auch künftig darum bemühen, ihre Angebote stets bedarfsgerecht weiter auszubauen.

Laut dem Stockacher Rechnungsamtsleiter Bernhard Keßler, der bei der Verwaltung für die Aufgabe zuständig ist, will die Stadt in den nächsten zwei bis drei Monaten prüfen, ob ein privater Anbieter den Breitbandausbau in den Höfen und Weilern der Gemeinde übernehmen will. Diese öffentliche Ausschreibung sei Pflicht, sagt Keßler: „Wir dürfen nur etwas machen, wenn sich kein privater Anbieter findet.“

„Wir dürfen nur etwas machen, wenn sich kein privater Anbieter findet.“ Bernhard Keßler, Rechnungsamtsleiter Stockach
„Wir dürfen nur etwas machen, wenn sich kein privater Anbieter findet.“ Bernhard Keßler, Rechnungsamtsleiter Stockach | Bild: Freißmann, Stephan

Wie die Stadtwerke Anfang November mitteilten, sei seit diesem Jahr der Weiler Airach an das Breitband-Netz angebunden. Einwohner Gerold König bestätigt, dass er eine spürbare Beschleunigung beim Datenverkehr spüre. Die Ortsteile Hoppetenzell und Zizenhausen sollen durch die Telekom versorgt werden. „Wie mir die Telekom mitgeteilt hat, werden die Arbeiten in Zizenhausen bis spätestens März abgeschlossen sein“, so Bernhard Keßler. Hoppetenzell wiederum werde laut Telekom bis spätestens Ende Oktober 2019 mit FTTC versorgt sein.

Da die Stadt den Ausbau in den beiden Ortsteilen nicht selbst vornehme, wolle sie das dadurch eingesparte Geld in die Stadtwerke einlegen. „Wenn die Stadt den Breibandausbau selbst machen darf, ist es am sinnvollsten, wenn das in Kombination mit anderen Baumaßnahmen geschieht, die mehrere Häuser betreffen – etwa, wenn was mit Strom oder Gas gemacht wird“, erklärt Keßler. Werde der Ausbau isoliert vorgenommen, koste dies die Gemeinde ein Vielfaches. Die Stadt wolle aber dazu beitragen, dass auch die Höfe von Stockach mit FTTB versorgt seien, sagt Keßler.