Ein sensationeller Auftritt der Stockacher Stadtmusik mit zwei fantastischen Dirigenten hat das Publikum in der rappelvollen Jahnhalle begeistert. Musikdirektor (MD) Helmut Hubov und seine bestens vorbereitete Stadtmusik Stockach bescherten in der nahezu ausverkauften Jahnhalle einen nachhaltig inspirierenden, hochkarätigen Konzertgenuss.

Johan van Iersel spielt „Casanova“

Im Hauptstück des Abends, der achtteiligen Suite „Casanova“ von und mit Johan de Meij, beseelte der niederländische Cellovirtuose Johan van Iersel den Titelhelden. Eindrucksvoll demonstrierte er, wozu ein Profi der ersten Liga in der Lage ist – facettenreich im Ausdruck, und zuweilen in schwindelerregender Schnelligkeit.

Der niederländische Komponist Johan de Meij mit seinem Cellisten Johan van Iersel und der Stockacher Stadtmusik.
Der niederländische Komponist Johan de Meij mit seinem Cellisten Johan van Iersel und der Stockacher Stadtmusik. | Bild: Gabi Rieger

Aufhorchen ließ sein wunderschön kantabler, beseelter Celloton. Dabei bewies Johan van Iersel stets ein gutes Ohr für sich selbst, wie auch für die 80 Musiker des brillant mitgestaltenden sinfonischen Blasorchesters. Sehr feinfühlig und ausdrucksstark repräsentierte das Solocello die Charakterzüge des Casanova, dessen Leben am Hof das hohe Blech feierlich beschrieb. Dramatisch ging es zu bei Casanovas Flucht aus dem Gefängnis.

Weiter standen de Meijs Werke „The Wind in the Willows“ und „Klezmer Classics“ auf dem Programm, ebenso wie eine Reihe seiner Bearbeitungen. Am Dirigierpult standen abwechselnd Johan de Meij und MD Helmut Hubov.

Seit Jahren auf höchstem Niveau

Leidenschaft, Disziplin, Begabung, Fleiß, viel Können und die Fähigkeit, Visionen musikalisch umzusetzen sind wichtige Zutaten für so ein Spitzenorchester wie die 80 Musiker starke Stadtmusik, die sich mit ihrem Dirigenten Helmut Hubov seit Jahren auf Höchststufen-Niveau bewegt. „Ich finde beide Dirigenten unglaublich gut“, hatte der Musikstudent Thibeault Peth schon bei den vorausgegangenen Proben bemerkt, bei denen die bereits erarbeiteten Stücke minutiös ausgefeilt ihren letzten Feinschliff vor dem sensationellen Auftritt bekamen.

MD Hubov hatte de Meij vor über 30 Jahren bei einem Meister-Dirigierkurs in Holland kennengelernt. „Die Idee zum gemeinsamen Auftritt in Stockach entstand vor zwei Jahren beim Feiern nach unserem Konzert in der Carnegie-Hall in New York„, erläuterte der Stadtmusikdirektor.

Vom Pianissimo zu „richtig viel Krach“

In geheimnisvollem Pianissimo gestaltete das sinfonische Blasorchester den psychedelisch anmutenden Beginn von „The Wind in the Willows“, aus dem sich wie im Ur-Knall bei der Erschaffung der Welt die Musik zu formen begann. Schon bei den Proben war beratschlagt worden, wie hier der Drummer „richtig viel Krach“ machen könnte – eine mit Besteck gefüllte Wanne, eine Schubkarre mit Schrauben?

„Wir haben uns alle riesig auf dieses Konzert gefreut!“ Ralf Böttinger, Euphonium-Spieler und Vorsitzender der bewirtenden Kolpingfamilie.
„Wir haben uns alle riesig auf dieses Konzert gefreut!“ Ralf Böttinger, Euphonium-Spieler und Vorsitzender der bewirtenden Kolpingfamilie.

Die Perkussionisten hatten extra ein entsprechendes Blech für den vom Komponisten gewünschten Sound gebastelt. Schlagwerker, Bläser, Kontrabässe, Harfe und Keyboard gaben alles. Die zuvor Adrenalin-geschwängerte Atmosphäre wandelte sich beim Konzert in ein großartiges Miteinander von Musikern, Dirigenten und Zuhörern, die es vor Begeisterung schier von den Stühlen riss.

Puccini und „Klezmer Klassiks“

Villis sind feenhafte Wesen. Wenn eine Frau unverheiratet an gebrochenem Herzen stirbt, zwingen sie den Herzensbrecher dazu, sich zu Tode zu tanzen. Diese Legende wählte Giacomo Puccini für seine erste Oper „Le Villi“, mit „The Witches Sabbath“ als Einstieg ebenso dirigiert von Helmut Hubov, wie später die von de Meij aus dem jiddischen Klezmer-Repertoire bearbeiteten „Klezmer Klassiks“. Eine farbenreiche Darstellung, die mit ihren charakteristisch fröhlichen und zugleich wehmütigen Klängen eine einzigartig mitreißende Stimmung verbreitete.

„Ich fand es super. Und ich freue mich, dass wir so tolle Laienorchester im Landkreis haben.“ Landrat Zeno Danner
„Ich fand es super. Und ich freue mich, dass wir so tolle Laienorchester im Landkreis haben.“ Landrat Zeno Danner

Wenn das Musical „Elisabeth“ seit seiner Uraufführung in Wien 1992 mehr als zwei Millionen Besucher auf der ganzen Welt begeisterte, so sind es seit dem brillanten Auftritt der Stockacher Stadtmusik ein paar hundert Begeisterte mehr. Es wurde viel applaudiert. Zweimal gab es Standing Ovations, und zwei Zugaben gab es abwechselnd von zwei großartigen Dirigenten.

Komponist und Werk

Johan de Meij, geboren 1953 in Voorburg, Südholland, gilt als einer der wichtigsten Komponisten und Arrangeure für Blasmusik. Er studierte Posaune und Dirigieren am Königlichen Konservatorium Den Haag. Neben seinem Wirken als Komponist spielt Johan de Meij Posaune in diversen namhaften Orchestern. Als Gastdirigent wirkt er bei Blasmusik-Seminaren in Europa, Japan, Singapur, Brasilien und in den USA mit.

Mit dem Cellokonzert „Casanova“, 1999 mit dem ersten Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb in Corciano ausgezeichnet, hat de Meij ein Portrait von Giacomo Casanova umrissen, dessen Persönlichkeit durch das Cello verkörpert wird. Die ersten beiden Teile stellen den Protagonisten vor, der dritte vertont das höfische Leben. Die Teile vier bis sechs repräsentieren Casanovas Zeit im Gefängnis. Teil sieben stellt seinen Kloster-Aufenthalt dar, verbunden mit seiner Beziehung zu zwei Nonnen. Der Abschluss gipfelt im „Triumph der Liebe“.