Bald ist es wieder soweit: Wenn die Temperaturen tagsüber auf fünf Grad klettern, die Nächte frostfrei sind und ein warmer Regen fällt, beginnt die Massenwanderung der Amphibien. Sie erwachen aus ihrer Winterstarre und machen sich zwischen Wahlwies und Stahringen aus den Winterquartieren in den Hangwäldern auf zu ihren Laichgebieten im Naturschutzgebiet Schanderied. Die Entfernung ist dabei nicht das Problem, eine Erdkröte kann beispielsweise gut drei Kilometer bewältigen. Aber die stark befahrene Kreisstraße stellt ein großes Hindernis dar. Viele ehrenamtliche Helfer werden benötigt, um möglichst viele Tiere unbeschadet über die Straße zu bringen. Sabrina Molkenthin vom Umweltzentrum Stockach (UZ) sucht noch Freiwillige, die die Strecke ablaufen, die Tiere zählen, ihren Arten zuordnen und sie dann ein Stück weg von der Straße wieder aussetzen.

Wenn sich "Krötenwetter" abzeichnet, muss es schnell gehen. Die Straßenmeisterei stellt dann Schutzzäune auf, die die Amphibien am Überqueren der Straße hindern. Diese flachen Zäune zu früh aufzubauen sei riskant, so Molkentin. Bei Schneefall würden die Schneeräumfahrzeuge sie beschädigen. An den Enden der Zäune werden Eimer im Boden versenkt. Weil die Tiere einen Weg am Hindernis vorbei suchen, fallen sie in die Eimer und kommen selbst nicht mehr hinaus. Krähen stellen eine Gefahr dar. Die Naturschützer legen deshalb Holzwolle in die Eimer, darunter verkriechen sich die Tiere. Wenn es trocken und warm ist, können Ameisen die Amphibien in den Eimern angreifen. In den Eimern finden sich vor allem Erdkröten, Grasfrösche, Bergmolche und Laubfrösche. Die Tiere seien nicht glitschig, sondern ließen sich angenehm anfassen, sagt Sabrina Molkenthin. Sie beißen auch nicht. Das könne bei Ringelnattern passieren, die sich gelegentlich in die Eimer verirrten. Aber der Biss sei nicht giftig und kaum schmerzhaft, beruhigt die Fachfrau.

Jedes Tier wird statistisch erfasst

Nun kommen die Krötenhelfer ins Spiel. Weil die Amphibien in der Dämmerung und nachts wandern, kontrollieren die Helfer morgens und abends die Eimer. Die Tiere werden entnommen, gezählt und im Erfassungsbogen mit Art und Geschlecht vermerkt. Dann kommen sie in einen Transport­eimer und werden im "Kröten-Taxi", dem Auto des Helfers, durch die Bahnunterführung hindurch möglichst weit ins Schanderied gebracht und ausgesetzt. Steht der Zaun, sollten Autofahrer an diesen Stellen langsam und besonders vorsichtig fahren, um Amphibien und Helfer zu schützen. Den Sommer verbringen Amphibien in Wiesen und Gärten, wo sie Insekten, Würmer und Schnecken fressen und Fettreserven aufbauen. Ihre Rückwanderung erfolgt langsam und nicht massenhaft.

Bild: SK

Sabrina Molkenthin findet diese Arbeit immer noch spannend und aufregend. Mit den erfassten Daten nimmt sie wissenschaftliche Untersuchungen vor. "Bei der Laichwanderung einer gesunden Population von Erdkröten ist das Verhältnis Weibchen zu Männchen etwa eins zu acht", erklärt sie. Männliche Tiere wandern jedes Jahr, die Weibchen setzen auch mal ein bis zwei Jahre aus, denn das Laichen ist sehr kräftezehrend. Bei einem Laichvorgang legen sie Laichschnüre ab, die aus 3000 bis 6000 Eiern bestehen können. Wenn sich das Verhältnis angleicht oder es am Ende sogar einen Weibchen-Überschuss gibt, liegt das laut Molkenthin hauptsächlich am Straßenverkehr. Wenn Pestizide den Tieren schaden, verringert sich allgemein die Zahl der Amphibien, das Verhältnis Weibchen zu Männchen bleibt jedoch gleich.

Amphibien sind besonders in ihrer Existenz bedroht. Dazu tragen die Landwirtschaft, Straßen, Pestizide und der Rückgang natürlicher Gewässer bei. "Wir haben in der Gegend mehrere Weiher angelegt, die von den Amphibien gut angenommen werden", berichtet Sabrina Molkenthin. Am 10. Juni bietet sie eine Expedition zum Storchenweiher beim Erlenhof an, wo Besucher Frösche, Kaulquappen und Libellen beobachten können.

Für Helfer gibt's Brötchen

Seit 2002, also bereits zum 16. Mal, wird der Amphibienschutzzaun zwischen Wahlwies und Stahringen aufgebaut. Pro Woche gibt es etwa zwischen Anfang März und Ende Mai 14 Dienste (täglich morgens und abends). Benötigt werden daher 14 feste Helfer und Springer. Insgesamt kommt das Umweltzentrum meist auf etwa 30 Freiwillige. Sabrina Molkenthin erstellt einen Einsatzplan und verteilt Unterlagen, die den Helfern die Einordnung der Tiere nach Art und Geschlecht erleichtern. Nach jedem Dienst darf sich der Helfer oder die Helferin eine "Krötentüte" – frische Brötchen aus dem Dorfladen des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes – abholen. Wer mithelfen möchte, meldet sich unter Telefon (0 77 71) 4999 oder per Mail unter info@uz-stockach.de