Herr Lienhard, Herr Stockburger, Herr Strittmatter, Herr Schubert, seit einiger Zeit arbeiten ihre vier Gemeinden enger zusammen. Wie kam es dazu?

Schubert: Das fing vor etwa zwei Jahren an.

Stockburger: Da saß Kay Schubert plötzlich bei mir im Büro und ich wusste nichts von ihm.

Schubert: Ich lebe mit meiner Frau und unseren drei Kindern seit fünf Jahren in Stockach. Davor waren wir Missionare in Afrika. Dort gab es immer viel Miteinander unter den verschiedenen Konfessionen, teilweise in unmittelbarer Nähe. Es hat niemanden gestört, dass es ein Durcheinander gab. Und nachdem wir dann in Stockach waren, bin ich erst einmal zu den anderen gegangen. Der katholische Pfarrer Michael Lienhard sagte dann, dass es noch eine weitere Gemeinde hier gibt.

Strittmatter: Und so sind dann wir Neuapostolischen ins Boot gekommen.

Lienhard: In einem nächsten Schritt gab es Treffen. Zuerst waren wir bei der Freien Christengemeinde eingeladen. Es war schön, sich kennenzulernen und zu erleben, wie Ihr den Glauben seht. Ein paar Monate später waren wir dann auch in der Neuapostolischen Kirche zu Gast. Vertrautheit und Vertrauen sind entstanden. Und daraus sind dann im letzten Jahr drei Dinge geworden.

Zum Beispiel das Gedenken an die Reichspogromnacht im November.

Stockburger: Es war mir ein Herzensanliegen, dass wir das gemeinsam machen. Aber eigentlich war das klar.

Lienhard: Bei der Friedensdekade haben wir gemeinsam Gottesdienst in der evangelischen Kirche gefeiert. Und wir haben angefangen, die Bibel-Aktion zu planen, die jetzt beginnt.

Gab es keine Bedenken gegen mehr ökumenische Zusammenarbeit?

Stockburger: Doch. Als wir bei der Freien Christengemeinde eingeladen waren, kamen nur wenige Evangelische. Dabei gibt es viel Spannendes zu entdecken.

Schubert: Was mich bewegt, ist, dass wir alle einig in Jesus Christus sind. Und wir wollen, dass die Stadt viel von Jesus mitbekommt.

Strittmatter: Ich war erfreut, wie viele Menschen bei uns in der Gemeinde zu Besuch waren. Man merkt, wie inzwischen Berührungsängste nachlassen.

Stockburger: Man kann heute die Unterschiede zwischen den Konfessionen stehen lassen, ohne den anderen etwas absprechen zu müssen.

Herr Strittmatter, Herr Schubert, was macht die Freie Christengemeinde und die Neuapostolische Kirche aus?

Strittmatter: Wir orientieren uns stark an der Urkirche. Wir haben zum Beispiel lebende Apostel, die berufen werden. Das Oberhaupt der Kirche ist der Stammapostel, der seinen Sitz in Zürich hat. Wir kennen drei Sakramente, nämlich die Wassertaufe, die Versiegelung oder Geistestaufe und das Heilige Abendmahl. Ämter sind in unserer Kirche auf Männer beschränkt, was aber durchaus thematisiert wird. Bei uns gibt es nur Laienprediger, ich selbst bin ehrenamtlicher Priester.

Schubert: Die Freie Christengemeinde gehört zu den Pfingstgemeinden. Diese Bewegung entstand im 19. Jahrhundert, vor allem in den USA. Zu unserem Glauben gehört, dass es Zeichen gibt, zum Beispiel Heilungen Gottes. Unser Versuch ist, das, was in der Bibel steht, so weit wie möglich umzusetzen. Und wir glauben an die Liebe von Gott, wir wollen eher eine Beziehung zu Gott aufbauen als Traditionen fortzusetzen. Für uns ist Gott nicht fern, sondern Christus lebt in uns. Ich arbeite hauptberuflich in der Gemeinde, das Amt heißt pastoraler Begleiter.

Herr Lienhard, Herr Stockburger, was versprechen Sie sich von der Zusammenarbeit?

Lienhard: Einerseits ist es ein Geschenk und eine Bereicherung, sich miteinander auszutauschen. Andererseits ist es auch ein Auftrag des Glaubens. Jesus wünscht sich das. Und auch Jesus hatte viele unterschiedliche Typen um sich herum. Schließlich: Was man predigt, sollte man auch leben. Wenn man über Frieden predigt, muss man auch den Frieden miteinander pflegen.

Stockburger: Zu sehen, wie es andere machen, ist auch für die evangelische Kirche sehr bereichernd. Wichtig ist mir aber auch: Wir leben in einer immer stärker säkularen Gesellschaft. Die Bedeutung der Religion nimmt ab oder Religiosität wird individueller. Wenn die verschiedenen Konfessionen zusammenrücken, merkt man, dass wir alle die gleiche Bibel haben. Und die Unterschiede sind darin schon angelegt. Die vier Evangelien lassen Vielfalt zu.

Ich dachte immer, es gebe ziemlich starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Übersetzungen. Welche Bibel lesen Sie denn am liebsten? Und welche wird bei der Aktion, bei der man das ganze Neue Testament liest, gelesen?

Strittmatter: Bei der Lese-Aktion spielt es keine Rolle, welche Übersetzung man liest. Ich nutze hauptsächlich eine Luther-Bibel, aber wenn ich den Gottesdienst vorbereite, auch andere.

Schubert: Ich lese am liebsten die Elberfelder Bibel, aber die Hauptsache ist doch, dass der Sinn des Textes rüberkommt. Denn die Bibel ist nicht nur ein Arbeitswerkzeug, sondern Gott spricht daraus zu uns und hat sein Herz hineingelegt. Und das tut uns gut.

Lienhard: Ich benutze die Einheitsübersetzung.

Stockburger: Ich nehme hauptsächlich die Luther- und die Basis-Bibel.

Strittmatter: Zur Lese-Aktion gibt es auch eine App mit einem Leseplan. Da stellt man dann fest, dass man jeden Tag vier bis fünf Seiten liest, wenn man das ganze Neue Testament während des Aktionszeitraumes schaffen will. Damit erhoffen wir uns, auch jüngere Menschen anzusprechen.

Schubert: Wir wollen mit der Aktion auch Gruppen ansprechen, die mit Religion bisher wenig zu tun haben.