Neun Zeugen waren geladen, als ein 28-Jähriger sich wegen Beleidigung, illegalem Drogenbesitz und gefährlicher Körperverletzung vor dem Stockacher Amtsgericht verantworten musste. Seinem 36-jährigen Bruder warf das Gericht Beleidigung und Beihilfe vor.

Im Februar des vergangenen Jahres begegneten die beiden Männer in Stockach zwei Asylbewerbern. Nachdem der ältere Bruder laut Verlesung der Anklage einen der Männer mit einem Pizzakarton angerempelt haben soll und das Essen auf dem Boden gelandet war, brach ein Streit aus. Hierbei sollen die beiden Angeklagten sich zunächst ausländerfeindlich geäußert haben, bevor der 28-Jährige plötzlich ein Messer gezückt und einen der beiden Asylbewerber damit in den Arm gestochen haben soll. Als sein Opfer daraufhin zu Boden ging, schlug er ihm mit dem Messergriff heftig auf den Kopf. Die Folge war eine Platzwunde. Der Bruder des Hauptangeklagten soll in der Zwischenzeit ein Messer gezogen haben, um den Freund des Opfers davon abzuhalten, Hilfe zu leisten. Hierbei blieb es allerdings nicht: Durch die Beschreibung der Asylbewerber und Videoaufzeichnungen des Ladens, in dem die Brüder zuvor die Pizza gekauft hatten, konnte die Polizei schließlich die Adresse des 28-Jährigen ausmachen. Als sie dort erschienen, zeigte sich der Angeklagte sehr unkooperativ. Nachdem er die Beamten beleidigt und ihnen gegenüber sein Geschlechtsteil entblößt hatte, wehrte er sich so heftig gegen eine Festnahme, dass einer der Beamten Verletzungen davon trug. Wegen Spätfolgen wie Schmerzen und Schlaflosigkeit forderte der Polizist, der ebenfalls als Zeuge geladen war, ein Schmerzensgeld. Er erzählte zudem, dass sich der 28-Jährige auch nach der Festnahme abfällig äußerte: "Er hat durchgehend irgendwelche Beleidigungen geschrien." Eine Blutprobe des Angeklagten ergab damals einen Alkoholwert von 1,9 Promille, zudem stellten die Polizisten bei einer Hausdurchsuchung neben dem Tatmesser und blutbefleckter Kleidung auch Marihuana sicher.

Angeklagte erzählen andere Geschichte

Vor Gericht räumte der 28-Jährige ein, sein Opfer zunächst mit dem Messer und anschließend mit dessen Griff verletzt zu haben. Als Schadenswiedergutmachung bot er dem Asylbewerber daher 1800 Euro an. Er gestand auch den heftigen Widerstand gegen die Polizisten und einigte sich mit dem verletzten Beamten auf eine Schmerzensgeldzahlung von 480 Euro in Monatsraten. Die Drogen seien ihm jedoch zur Behandlung einer Krankheit ärztlich verschrieben worden. Da er hierfür einen Nachweis vorzeigen konnte, erklärte Richterin Julia Elsner sich bereit, diesen Anklagepunkt fallen zu lassen.

Nicht akzeptieren wollten die Brüder allerdings den von der Vertretung der Staatsanwaltschaft verlesenen Tatablauf. Wie sie durch ihre Anwälte verlauten ließen, habe nicht der 36-Jährige einen der Asylbewerber mit dem Pizzakarton angerempelt. Stattdessen sei er es gewesen, der gestoßen wurde. Zudem habe ihn einer der Asylbewerber geschlagen. Bei der anschließenden Auseinandersetzung sei auch der 28-Jährige verletzt worden. Der 36-Jährige habe auch kein Messer gezogen und den Freund des Opfers nicht davon abgehalten, diesem zu Hilfe zu kommen. Die Angeklagten legten Fotos vor, die ihre Verletzungen zeigten und ihre Version der Geschichte daher bestätigen sollten.

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Richterin glaubt Zeugen

In ihrer Zeugenaussage sagten die Asylbewerber, sie wüssten nicht, ob der 36-Jährige ein Messer gehabt hatte oder nicht. Einer von gab sogar zu Protokoll, er sei lediglich beleidigend geworden, habe jedoch keine körperliche Auseinandersetzung gesucht oder sich in den Weg gestellt, um Hilfe zu verhindern. Warum die Asylbewerber zuvor bei der Polizei andere Angaben gemacht hatten, konnte nicht geklärt werden. Sie betonten zudem, die Angeklagten nicht angerempelt oder geschlagen zu haben. Stattdessen hätten die Brüder absichtlich Streit provozieren wollen.

Da vier Polizisten es für wahrscheinlich hielten, dass zumindest die Verletzungen des 28-Jährigen durch seinen Widerstand bei der Festnahme entstanden seien, glaubte Richterin Julia Elsner, dass lediglich der jüngere Bruder, jedoch nicht die Asylbewerber gewalttätig geworden waren. Sie verurteilte den 28-Jährigen zu einem Jahr und vier Monaten Haft auf drei Jahre Bewährung und 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Sie kritisierte den Grund für die Auseinandersetzung scharf: "Ausländerfeindlichkeit ist einfach ein verachtenswertes Motiv." Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten ohne Bewährung gefordert.

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Der 36-Jährige wurde wegen Beleidigung schuldig gesprochen und zu 3000 Euro Strafe in Raten verurteilt. Eine Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch die Angeklagten sind mittlerweile gegen das Urteil in Berufung gegangen.