Mehr als die Hälfte ist geschafft: Rund 37 200 von anvisierten 51 000 Negativen aus dem riesigen Archiv der Stockacher Fotografenfamilie Hotz sind digitalisiert. Insgesamt umfasst die Sammlung zwischen 170 000 bis 250 000 Bilder. "Es ist ein Mammutprojekt und wir sind auf einem guten Weg", sagt Johannes Waldschütz, Leiter des Stadtmuseums und -archivs.

Da zahlreiche Fotos den Archivaren Rätsel aufgeben, wollen sie im April die Stockacher ins Boot holen und ehemaligen Gebäuden, veränderten Straßenzügen oder Personen auf den Jahrzehnte alten Bildern auf die Spur gehen. "Manche Fotos sind nicht beschriftet und viele Orte haben sich stark verändert", sagt Waldschütz. Am Montag, 23. April, findet ein Infoabend im Alten Forstamt statt, um alteingesessene Stockacher dafür zu gewinnen, bei der Identifizierung und historischen Einordnung der Motive zu helfen. Näheres gibt das Stadtmuseum noch bekannt. "Wir wollen das städtische Gedächtnis anzapfen und das Wissen der Bürger nutzen", beschreibt Stadtarchiv-Mitarbeiterin Sybille Trefflich das Vorhaben. Wie groß das Interesse an Stockachs früherem Aussehen ist, sieht Waldschütz an der großen Resonanz auf die laufende Ausstellung im Alten Forstamt mit Rekonstruktionen, wie die Stadt um 18. Jahrhundert ausgesehen haben könnte.

In solchen kleinen, beschrifteten Behältern befanden sich Rollfilme im Fotoarchiv Hotz.
In solchen kleinen, beschrifteten Behältern befanden sich Rollfilme im Fotoarchiv Hotz. | Bild: Ramona Löffler

Wenn Sybille Trefflich und Johannes Waldschütz von Digitalisierung sprechen, bedeutet das übrigens noch nicht das Ende der Arbeit an einem Bild. Es ist eigentlich nur der zweite Schritt. Am Anfang stand die Sichtung und Sortierung des gesamten Bestands, nun ziehen Fotos und Negative mit der Digitalisierung in das Archiv-Programm Augia. Sybille Trefflich sorgt anschließend für die richtigen Schlagworte und Beschreibungen. "Die Nachbearbeitung ist sehr aufwendig", erzählt sie. Dieser Aufwand macht später aber alles umso leichter, denn die verschlagworteten Fotos sind dann einfach und schnell zu finden.

Die Leser erkannten dieses Gebäude, das es heute nicht mehr gibt und das auf dem Farbluftbild zu sehen ist. Bild: Hotz-Archiv
Die Leser erkannten dieses Gebäude, das es heute nicht mehr gibt und das auf dem Farbluftbild zu sehen ist. Bild: Hotz-Archiv | Bild: Stadtarchiv Stockach, Foto Hotz, KBa_0116_01

Der Wissensstand bei den Bildern und Negativen ist ganz unterschiedlich. Manche Motive sind gut erkennbar oder wiederholen sich auch, wenn es zum Beispiel um die Fasnacht geht. Bei anderen wiederum rätseln die Archivare. Hier und da sind bekannte Personen zu sehen, aber bei vielen Aufnahmen ist nichts zu den Protagonisten verzeichnet. Einen Teil dieser Bildgeheimnisse kann Sybille Trefflich mit Hilfe der Registerbände der Familie Hotz lösen. In diesen Büchern haben die Fotografen Datum, Namen der Auftraggeber und Preise aufgeschrieben. "Man sieht hier auch, wie weit das Umfeld der Kunden war", erzählt Johannes Waldschütz. So kamen auch Leute aus dem Schwarzwald mit Fotoaufträgen. Oder es sind bekannte Stockacher Namen darunter, die Familie Fahr zum Beispiel.

Eine Doppelseite aus einem der Registerbücher der Fotografenfamilie Hotz mit Fotoaufträgen.
Eine Doppelseite aus einem der Registerbücher der Fotografenfamilie Hotz mit Fotoaufträgen. | Bild: Ramona Löffler

Die Digitalisierung läuft inzwischen seit drei Jahren. Je nach Art und Empfindlichkeit der zu digitalisierenden Negative kommen diese zu Firmen nach Stuttgart oder Mannheim. Die Anfälligkeit der Filme ist auch maßgeblich für die Reihenfolge der Digitalisierung. Nitratfilme zum Beispiel sind leicht entzündlich und können sich schnell zersetzen. "Die aus dem Hotz-Archiv sind in gutem Zustand", erzählt Sybille Trefflich. Sie hatten aber dennoch hohe Priorität. Die Wahl in diesem Jahr fiel auf die rund 2200 Glasplatten-Negative, weil sie erste Ablösungen zeigen. Was 2019 zur Digitalisierung kommt, steht bisher noch nicht fest.

In 150 Jahren haben sich bei der Familie Hotz viele Fotoapparate wie diese angesammelt. Sie füllen drei Schränke im Stadtarchiv.
In 150 Jahren haben sich bei der Familie Hotz viele Fotoapparate wie diese angesammelt. Sie füllen drei Schränke im Stadtarchiv. | Bild: Ramona Löffler

Sybille Trefflich ist vor etwa einem Jahr in die Arbeit mit den Hotz-Fotos eingestiegen und hat dabei die eine oder andere Überraschung erlebt. So tauchten zum Beispiel beim Sichten und Umpacken der Glasplatten-Negative noch andere Filmmedien auf. Und bei digitalisierten Bildern von einer Schultheater-Aufführung entdeckte sie unter den Kindern den heutigen Kulturamtsleiter Stefan Keil und Rainer Vollmer, der unter anderem als Mitglied des Narrengerichts bekannt ist.

So sah die Hauptstraße in Stockach beim Narrentreffen 1969 aus. Links ist das heutige Bürgerhaus Adler Post.
So sah die Hauptstraße in Stockach beim Narrentreffen 1969 aus. Links ist das heutige Bürgerhaus Adler Post. | Bild: Stadtarchiv Stockach, Foto Hotz, KBb_1969_1124_006

Solche noch nicht so alten Fotos zieht Waldschütz als Beispiel für ein Hindernis bei dem Vorhaben heran, später die Bildrecherche im Internet möglich zu machen: Denn jeder hat das Recht am eigenen Bild. Fotos mit Personen, die leben, dürfen deshalb nicht einfach so online gestellt werden, erklärt er. Es sollen deshalb später nur Bilder durchsuchbar sein, bei denen davon ausgegangen werden könne, dass die abgebildeten Personen bereits verstorben sind.

Blick in die Kaufhausstraße und zum heutigen Gustav-Hammer-Platz um 1950, wo früher das alte Kaufhaus stand. <b>Wer erkennst die Personen oder weiß, was damals mit der Feuerwehr los war?</b>
Blick in die Kaufhausstraße und zum heutigen Gustav-Hammer-Platz um 1950, wo früher das alte Kaufhaus stand. Wer erkennst die Personen oder weiß, was damals mit der Feuerwehr los war? | Bild: Stadtarchiv Stockach, Bildarchiv Foto Hotz, KBa_0063_04

 

Fotoarchiv Hotz

Das Bildarchiv der Stockacher Fotografen-Familie Hotz umfasst Fotos aus 150 Jahren. Die Stadt Stockach hat den Gesamtbestand im Jahr 2014 erworben und es läuft nun die Sortierung und Digitalisierung (51 000 Negative werden bezuschusst). Es gab auch bereits Ausstellungen, in denen Fotos zu sehen waren. Im Treppenhaus des Hotz-Hauses in der Schillerstraße gibt eine Dauerschau außerdem Einblicke in die Geschichte der Fotografenfamilie. Das Hotz-Archiv besteht aus Fotos, Negativen, Kameras und anderen fotografiebezogenen Dingen. (löf)