Jan Enz arbeitet im Familienzentrum St. Nikolaus in Singen. Auf die Frage, wie ein junger Mann darauf komme, einen „typischen Frauenberuf“ zu erlernen, antwortet der 22-Jährige, ihm habe sein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) im Paulus-Kindergarten in Singen so gefallen, dass er diesen Beruf erlernen wollte. Mirja Zahirovic ist die Leiterin des Kindergartens. Die Erzieherin ist auch Fachwirtin für Organisation und Führung und ausgebildet in systemischer Kindertherapie. Sie sagt: „Ich finde, es ist eine große Bereicherung, auch männliche Erzieher im Team zu haben. Sie haben andere Stärken als Frauen und bringen eine gewisse Leichtigkeit und neue, wertvolle Sichtweisen mit.“

98 Kinder aus den verschiedensten Ländern mit vielfältigen Konfessionen, einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen und Lebensumstände werden hier betreut. Neben drei Kindergartengruppen für Drei- bis Sechsjährige gibt es auch zwei Krippengruppen für Kinder ab neun Monaten. Außer Jan Enz arbeiten nur Frauen hier. Doch in der Ausbildung seien noch mehr männliche Kollegen. Mirja Zahirovic erklärt, Jan Enz sei bei ihnen der erste Erzieher mit Festanstellung, die Zahl männlicher Praktikanten nehme aber jährlich zu.

Am liebsten macht der junge Mann mit den Kindern Sport in der Turnhalle und alles, was mit Bewegung zu tun hat. „Ich gehe mit ihnen in den Garten, lasse sie rennen oder baue einen Parcours auf. Aber ich mache auch gerne Bilderbuchbetrachtungen mit ihnen“, sagt Jan Enz. Er versichert, dass sich seine Arbeit nicht von denen der Kolleginnen unterscheidet. Manchen Kindern fehle jedoch die Vaterfigur, die suchten sie bei ihm. Für ihn sei es überhaupt kein Problem, wenn ein kleines Kind sich zu ihm auf den Schoß setze. Von den Eltern oder seinen Kolleginnen seien noch nie Vorbehalte geäußert worden, sein Verhältnis zu den kleinen Jungen und Mädchen sei nicht gleich wie das der Frauen.

Das bestätigt auch seine Chefin: „Vorurteile gegenüber männlichen Erziehern konnte ich noch nie beobachten. Im Gegenteil, die Reaktionen sind durchweg positiv. Jungs und Mädchen gehen gleichermaßen auf die Erzieher zu, da männliche Vorbilder und positive Beziehungen zu Männern wichtig sind und zunehmend auch notwendiger werden.“ Jan Enz will auf jeden Fall in den nächsten Jahren mehr Berufserfahrung sammeln und danach eine einjährige Ausbildung zum Erlebnispädagogen anhängen. In der Mettnau-Schule berichten vier junge Männer von ihrer Entscheidung für die Praxisintegrierte Ausbildung (PIA). Manuel Heß (23) hat nach dem Abitur sein FSJ in einem Kinderhaus sehr gut gefallen. Das begonnene Studium lag ihm dagegen nicht so. „Ich bin froh, diese Form der Ausbildung gefunden zu haben“, sagt er. PIA bedeute ähnlich wie ein Duales Studium wesentlich mehr Aufwand und Einsatz als die klassische Erzieher-Ausbildung. An zweieinhalb Tagen sind die Auszubildenden in der Einrichtung, die übrige Zeit in der Schule.

<p>Fachabteilungsleiterin Claudia Meuselmit den Auszubildenden Thimo Wrzeszcz, Patrick Kopping, Daniel Hoffmann und Manuel Heß (von links). Bild: Claudia Ladwig</p>

Fachabteilungsleiterin Claudia Meuselmit den Auszubildenden Thimo Wrzeszcz, Patrick Kopping, Daniel Hoffmann und Manuel Heß (von links). Bild: Claudia Ladwig

Daniel Hoffmann (28) war zuvor Finanzassistent in einer Bank. Schon im Zivildienst habe er festgestellt, dass ihm der Umgang mit Kindern gefalle, die Arbeit sei viel ehrlicher und gebe ihm viel mehr als die Jahre zuvor.

Patrick Kopping (21) war zunächst auf der Wessenberg-Schule in Konstanz und hat ein FSJ in einem Kindergarten absolviert. Durch eine Anzeige sei er auf PIA aufmerksam geworden. Sein Klassenkamerad Thimo Wrzeszcz (24) kam nach Abitur und FSJ sowie ehrenamtlichen Tätigkeiten beim DRK zu dieser Ausbildung. Er habe beschlossen, statt Grundschullehrer Erzieher zu werden.

Die Ausbildung verlange viel Selbstdisziplin, an den meisten Wochenenden müssten sie sich auf Schule und Praxis vorbereiten. Das Berufsbild habe sich seit 2003 sehr verändert, erklärt Fachabteilungsleiterin Claudia Meusel. Ein breites Wissen in vielen Bereichen sei erforderlich. Vorurteile erleben die jungen Männer nicht. „Im Gegenteil, die Kinder freuen sich, wenn wir da sind, und Eltern fragen uns nach Erziehungstipps“, berichtet Daniel Hoffmann.

Im Kindergarten St. Leonhard in Wahlwies freut sich Leiterin Melissa Kaiser auf den neuen Auszubildenden, der ab September die PIA-Stelle ausfüllen wird. „Ein Mann in diesem Beruf ist an sich etwas Spannendes, Neues und Besonderes.“ Er habe die gleichen Aufgaben wie die Frauen, dazu gehören zum Beispiel das Wickeln und die Förderung feinmotorischer Fähigkeiten. Der neue Mitarbeiter habe sich schon vorgestellt und die Kinder seien ohne Hemmungen ganz offen auf ihn zugegangen. Er werde für Zweijährige bis Viertklässler zuständig sein, denn in den Ferien übernehme er auch die Betreuung der Grundschüler.

<p>Im Wahlwieser Kindergarten St. Leonhard kümmern sich bisher nur Frauen um die Kinder. Ab September kommt ein männlicher Auszubildender hinzu. Im Garten spielt Erzieherin Verena Kaiser mit einigen Kindern im Sand. Bild: Claudia Ladwig</p>

Im Wahlwieser Kindergarten St. Leonhard kümmern sich bisher nur Frauen um die Kinder. Ab September kommt ein männlicher Auszubildender hinzu. Im Garten spielt Erzieherin Verena Kaiser mit einigen Kindern im Sand. Bild: Claudia Ladwig

Zwei Schulen bilden den Nachwuchs aus

Wer Erzieher werden möchte, braucht die Mittlere Reife oder einen vergleichbaren Schulabschluss. Im Landkreis Konstanz bieten die Mettnau-Schule in Radolfzell als öffentliche Schule und das Marianum in Hegne als Privatschule diese Ausbildung an.

Hegne und Mettnauschule: Studierende mit unterschiedlicher Vorbildung absolvieren ein einjähriges Berufskolleg für Sozialpädagogik. Der Altersschwerpunkt liegt zwischen 17 und 19 Jahren. Es finden Vollzeitschule mit 30 bis 32 Unterrichtsstunden pro Woche, zwei zweiwöchige Blockpraktika und regelmäßige Tagespraktika statt. Nach bestandener Abschlussprüfung erfolgt die Aufnahme ins zweijährige Berufskolleg für Sozialpädagogik. Dieses beinhaltet Vollzeitschule mit 34 bis 36 Unterrichtsstunden pro Woche, zwei dreiwöchige Blockpraktika und regelmäßige sozialpädagogische Übungen. An die schulische Ausbildung schließt sich ein einjähriges Berufspraktikum an. Aufnahmegebühr: 80 Euro, Schulkosten: 600 Euro pro Schuljahr.

Die Praxisintegrierte Ausbildung (PIA) ist ein neuer Ausbildungsgang zum Berufsabschluss Erzieher an beiden Schulen. Diese Ausbildung soll Personen ansprechen, für die die klassische Form der Ausbildung keine Option war. Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher ist dreijährig: Enthalten ist ein Ausbildungsvertrag mit einer Tageseinrichtung für Kinder sowie die Bezahlung einer monatlichen Ausbildungsvergütung von knapp 800 bis 900 Euro brutto im dritten Ausbildungsjahr. Die Ausbildung setzt sich zu gleichen Teilen aus Unterricht und Praxis zusammen.

In der Vollzeitausbildung der Mettnau-Schule erfolgt die praktische Ausbildung an zwei Tagen je Unterrichtswoche. Unterrichtet werden Religionslehre/-pädagogik, Deutsch, Englisch, Berufliches Handeln fundieren, Erziehung und Betreuung gestalten, Bildung und Entwicklung fördern sowie Musik/Rhythmik und Sport- und Bewegungspädagogik. Das zweijährige Berufskolleg für Sozialpädagogik folgt mit 33 Wochenstunden. Es endet mit dem Abschluss staatlich geprüfter Erzieher, nach einjährigem Berufspraktikum als staatlich anerkannter Erzieher. Durch den Besuch von Zusatzunterricht in Mathematik und durch eine Zusatzprüfung in Deutsch, Englisch und Mathematik ist der Erwerb der Fachhochschulreife möglich. Es besteht Schulgeld- und Lernmittelfreiheit. (wig)
 

Informationen zu den Schulen: www.mettnau-schule.de und www.marianum-hegne.de