Einlasskontrollen, Justizbeamte im Gerichtssaal, ein Zeuge in Fußfesseln: Diese zweitägige Verhandlung am Stockacher Amtsgericht hatte es in sich. Der 43-jährige Angeklagte aus Stockach sowie alle anderen Beteiligten sind vor Gericht keine Unbekannten. Auch wie mühsam bei ihnen die Aussagen sein können, wusste Richterin Julia Elsner bereits aus Erfahrung. Dieses Mal ging es um Körperverletzung, versuchte Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung. Doch obwohl der Angeklagte bereits zwei laufende Bewährungsstrafen hat, lautete das Urteil schließlich auf neun Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung mit strengen Auflagen sowie 3000 Euro Geldstrafe an die Staatskasse.

Wie aber kam es bei so einer Konstellation nochmal zu einer Bewährung? Die Richterin machte sich dies nicht einfach. Sie bohrte ganz genau nach, wie derzeit die Lebensumstände des 43-Jährigen aussehen, der 13 Einträge im Bundeszentralregister hat. Er ist inzwischen verheiratet und hat das erste Mal in seinem Leben seit einem Jahr ununterbrochen Arbeit mit der Aussicht auf eine Festanstellung.

Zwei Vorfälle abends im August 2018

Die Vorfälle, um die es in der Verhandlung ging, waren an einem Abend im August 2018 geschehen. Nachbarn und Familienmitglieder saßen abends beim Grillen draußen, als der 43-Jährige eine Verwandte geschlagen und beschimpft, haben soll. Dann soll er sich mit einem 31-jährigen Mann geprügelt haben und im Anschluss wieder die Verwandte angegriffen und ihr ein Haarbüschel ausgerissen haben. Außerdem soll er eine Gartenstatue nach ihr geworfen haben.

In der Anklageschrift war davon die Rede, dass der Beschuldigte die Auseinandersetzungen begonnen hatte. Nachdem sich alles wieder beruhigt hatte, kam es später am Abend nochmals zu einer Auseinandersetzung. Bei dieser soll der Angeklagte eine Bierflasche und ein Fahrrad nach verschiedenen Personen geworfen haben. Er wurde selbst im Streit verletzt und hatte beim Eintreffen der Polizei blutende Kopfwunden.

Es gab 13 Zeugen – Nachbarn, Freunde, Verwandte und Polizisten. Wer genau wen warum und wie angegriffen und verletzt hat, stellten die Zeugen sehr unterschiedlich dar. Manche beriefen sich auch auf ihr Verweigerungsrecht wegen Verwandtschaft. Der Angeklagte selbst wollte nicht aussagen, warf jedoch immer wieder Zwischenbemerkungen ein und machte indirekte Angaben zum Geschehen, als er sein Recht nutzte, den Zeugen jeweils am Ende ihrer Aussagen Fragen zu stellen.

Die Verwandte, die Strafantrag gestellt hatte, hatte diesen zwischenzeitlich wieder zurückgezogen und machte von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hielt jedoch die betreffenden Anklagepunkte aufrecht, da öffentliches Interesse an der Strafverfolgung bestehe.

Zeuge sitzt derzeit im Gefängnis

Der 31-Jährige, mit dem sich der Angeklagte geschlagen hatte, kam direkt aus dem Gefängnis und wurde folglich in Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt. Zu den Ereignissen am frühen Abend erzählte er, dass der Angeklagte Streit mit der Verwandten gehabt habe und ihn aufgefordert habe, sie zu verteidigen, weil sie seine Freundin sei. „Dann hab ich zugeschlagen“, räumte der Zeuge ein. Zum späteren Vorfall sagte er, dass der 43-Jährige ihn ins Gesicht geschlagen habe, wogegen er sich gewehrt habe. Auf die Frage der Richterin nach den Gründen für die Schlägereien wusste er keine Antwort. Er sagte nur: „Ich denke nicht, dass er es gemacht hätte, wenn er nicht betrunken gewesen wäre.“

Ein Hausbewohner stellte es dann etwas anders dar. Er sagte aus, dass die Frau „einen über den Durst getrunken hat“ und mit dem Angeklagten Streit angefangen habe. Dieser sei eskaliert. „Sie hat ihn trotzdem weiter provoziert und nicht aufgehört.“ Er schilderte außerdem, dass der 31-Jährige die Schlägerei begonnen habe – nicht der Angeklagte. Später am Abend habe die Frau den Angeklagten so lange gereizt, bis er aus dem Haus gekommen sei. „Es vergeht kein Tag ohne Polizei wegen ihr“, sagte er und ergänzte zu den Vorfällen: „Wenn sie ihn nicht so provoziert hätte, wäre es nicht so weit gekommen.“ Er gab zu, dass seine Aussage bei der Polizei damals nicht ganz richtig gewesen sei. Er habe sich auf die falsche Seite gestellt. Dasselbe sagte auch eine spätere Zeugin.

Ein 24-jähriger Zeuge erzählte, dass der Angeklagte ihn gegenüber seiner Verwandten verteidigen haben wolle. Diese habe den 24-Jährigen wegen anderen Geschehnissen verbal attackiert und mit einer Krücke auf ihn losgehen wollen, als der Angeklagte eingegriffen hätte. In der Folge sei es zur Schlägerei mit dem anderen Mann gekommen. Damit brachte der Zeuge eine neue Version der Ereignisse am frühen Abend vor.

Sein Bruder bestätigte diese Beschreibung und ergänzte, dass die anderen sauer gewesen seien, dass der Angeklagte zu ihnen gehalten habe, anstatt zu seinen Verwandten. Die Ehefrau des 43-Jährigen führte außerdem Neid an: „Denen ist es ein Dorn im Auge, dass er sein Leben in den Griff gekriegt hat.“ Sie sagte, ihr Mann habe ihr versprochen, dass er nun das letzte Mal vor Gericht sitze.

Richterin muss Zeugen ermahnen

Weitere Zeugen machten es der Richterin schwer, weil sie sich darauf beriefen, sich nicht erinnern zu können, zwischen den Vorfällen hin und her sprangen oder nun Dinge erwähnten, die sie bei der Polizei nicht gesagt hatten. Sie musste mehrfach Ermahnungen aussprechen, die Wahrheit zu sagen und dass eine Aussagepflicht besteht. Der Angeklagte unterstellte außerdem mehrfach, dass ein Teil der Zeugen dazu gebracht worden sei, so auszusagen, wie sie es taten.

Die Polizisten, die aussagten, erzählten, dass es an jenem Abend chaotisch gewesen sei und viel Geschrei gegeben habe. Der Alkohol-Pegel sei hoch gewesen und es habe eine aggressive Stimmung geherrscht. Einer beschrieb es als heilloses Durcheinander, in dem jeder Recht haben wollte.

Zwischen den beiden Verhandlungstagen wurde ein Teil der Vorwürfe eingestellt, da sich herausgestellt hatte, dass diese nicht haltbar waren – zum Beispiel, dass jemand von einer geworfenen Statue getroffen und verletzt worden sei.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hielt am Ende ein sehr kurzes Plädoyer und forderte für die verschiedenen Anklagepunkte die Bildung einer Gesamtstrafe von zehn Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Der Verteidiger verwies darauf, dass manche Zeugen massiv zurückgerudert seien. Er betonte die Provokation durch die Verwandte und dass eine Gefängnisstrafe den Angeklagten in alte Muster zurückwerfen würde. Er bat um einen Freispruch, höchstens aber um eine Geld- oder Bewährungsstrafe.

Die Richterin sah es als erwiesen an, dass der 43-Jährige die Statue und die Bierflasche geworfen hatte, das Fahrrad jedoch nur umgefallen war. Es spreche auch einige dafür, dass er Angeklagte, seiner Verwandten Haare ausgerissen hatte. Sie sah aber auch die wechselseitigen Provokationen. Die Freiheitsstrafe auf Bewährung und die Geldstrafe sind die letzte Chance für den 43-Jährigen. Der Verurteilte hat die Bewährungsauflage, dass er sich auf dem Gelände, wo die Vorfälle passiert sind, nach 19 Uhr nicht mehr aufhalten darf. Verstößt er dagegen, kann die Bewährung widerrufen werden. Das Urteil ist bisher noch nicht rechtskräftig.