In wenigen Wochen beginnt für viele Jugendliche die Ausbildung. Raus aus dem behüteten und geregelten Umfeld der Schule, rein ins Arbeitsleben. Zum September ist offiziell Ausbildungsbeginn und motivierter Nachwuchs ist gefragt, wie eine Bestandsaufnahme kurz vor dem nächsten Ausbildungsjahr zeigt. Laut Walter Nägele von der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg sind noch 111 Ausbildungsstellen im Bereich Stockach frei. Unternehmen schildern auf Nachfrage keine Schwierigkeiten bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze. Doch die Zahl der Bewerbungen sei deutlich zurückgegangen.

"Früher waren es definitiv mehr", sagt Daniela Grundler vom Obstgroßmarkt Grundler in Espasingen über die Bewerbungen, die nach ihrer Stellenanzeige eingegangen sind. Zwischen 15 und 20 Bewerbungen habe sie erhalten, ein Bewerber davon beginnt am 1. September seine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Auch Markus Wild als Geschäftsführer von Stockach Alu wird an diesem Tag Lehrlinge begrüßen, einen im kaufmännischen Bereich und einen als Schlosser. "Für beide war es kein Problem, jemanden zu finden", sagt er. Michael Enderle berichtet Ähnliches für die Softwarefirma Nissen und Velten: "Wir haben das Glück, dass wir bis dato noch nie Probleme hatten, gute Auszubildende zu bekommen." Auch die Firma Aptar in Radolfzell, welche auch in Eigeltingen vertreten ist, findet Nachwuchs, doch laut dem technischen Ausbildungsleiter Günter Krämer haben sich die Bewerbungen in den vergangenen Jahren nahezu halbiert.

Rückgang von Bewerbern zieht sich durch alle Bereiche

In Stockach und Umgebung werden derzeit beispielsweise noch 21 Sport- und Fitnesskaufleute, fünf Altenpfleger, sechs Verkäufer und fünf Lagerlogistiker gesucht. Eine besonders unbeliebte Branche kann Walter Nägele von der Agentur für Arbeit dabei nicht ausmachen: "Es geht durch alle Bereiche", sagt der Pressesprecher. Auf der anderen Seite gebe es noch 51 sogenannte unversorgte Bewerber. Gemeldet haben die Firmen im Bereich Stockach in diesem Jahr 225 freie Stellen, was 33 weniger seien als im Vorjahr. Die IHK Hochrhein-Bodensee meldet für den Landkreis Konstanz: Mit Stichtag 31. Juli wurden 938 neue Ausbildungsverträge eingetragen. Das sei ein Plus von 6,5 Prozent zum Vorjahr.

Die IHK führt die sinkende Nachfrage auf den demografischen Wandel zurück: "Der Grund für den Nachwuchsmangel liegt zum einen an den geburtenschwachen Jahrgängen, die aktuell die Schule erfolgreich abschließen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen hingegen nach und nach in den Ruhestand, die Wirtschaft brummt und daher werden viele Fachkräfte benötigt." Außerdem würden Jugendliche zunehmend einen höheren Schulabschluss und Studium anstreben.

Firmen werden selbst aktiv, um Auszubildende zu gewinnen

"Manche Arbeitgeber tun schon ganz schön viel", sagt Walter Nägele von der Agentur für Arbeit. Landwirt Andreas Deyer aus Mühlingen inseriert etwa in Fachzeitschriften und engagiert sich in Berufsverbänden, wie er berichtet. Sein aktueller Auszubildender habe das Berufsfeld Landwirtschaft beispielsweise beim Karrieretag in Stockach präsentiert. Deyer beobachtet, dass sich zunehmend fachfremde Menschen für die Landwirtschaft entscheiden – ohne dass über die eigene Familie ein Bezug besteht. Über Praktika lerne man sich im Vorfeld kennen, auch für 2019 habe er schon jemanden gefunden. Auch Nissen und Velten setzt auf Praktika, wie Michael Enderle mitteilt, um sich besser für einen Azubi zu entscheiden.

Arbeitsagentur-Sprecher Walter Nägele macht angesichts der offenen Stellen Hoffnung: "Wer jetzt noch nichts hat, hat weiterhin gute Chancen. Es ist alles noch da." Im Zuge einer Berufsberatung könne man neben Stärken und Interessen eines Jugendlichen auch Alternativen auf dem Weg zum Wunschberuf aufzeigen. Und auch wenn es erst im nächsten Jahr klappt, macht Günter Krämer als technischer Ausbildungsleiter bei Aptar Mut: Eine nicht so gute Note sei im Handwerk kein Beinbruch. "Ein ordentliches Verhalten ist wichtig, den Rest kriegt man hin."