Vom Scrollen tut ihr das Handgelenk weh, und vom Surfen im Internet ist ihr linkes Schultergelenk ausgekugelt. Irmgard Knef, die verleugnete (fiktive) Zwillingsschwester der berühmten Hildegard erobert als grande Dame von Welt ihr Publikum zur Eröffnung der saisonalen Kleinkunstreihe im Sturm. Unter dem Motto "Kindchen fahr ab" brach der sprachgewaltig kämpferische Star von heute 93 Jahren wort- und sinnwitzig ihr Schweigen. Auf sympathische Weise vornehm, nobel distinguiert und niveau-voll beseelte der Ausnahmekünstler Ulrich Michael Heissig die Person der fiktiven Irmgard Knef verblüffend authentisch. "Sensationell!" bringt Birgit Sluzalek ihre Begeisterung auf den Punkt. Sie hat "Irmgard" im Oktober in Schwenningen erlebt und ist nun als Fan zusammen mit ihrer Mutter extra aus Triberg ins Bürgerhaus gekommen.

Grandios: Ulrich Michael Heissig alias Irmgard Knef, der fiktiven Zwillingsschwester der berühmten Chanconette Hildegard. Bild: Gabi Rieger
Bild: Gabi Rieger

Als Hildegard Knef 1925 das Licht der Welt erblickte, wurde Irmgard in Steißlage 15 Minuten später geboren. Das Publikum hängt mit Lachtränen im Augenwinkel an Irmgards Lippen. Im Plauderton serviert sie eine famose Legende, die virtuos historische Geschehnisse und die echte Knef-Biografie mit haarsträubender Fiktion und zwerchfellerschütternden Fantasien verknüpft. Nebenher tätschelt Irmgard wie nebenbei den ausgeweidete (Wüsten)Fuchs – ihr Maskottchen, das auf den Namen "Rommel" hört. Sie hatte ihn in den Vierzigerjahren ihrer Zwillingsschwester als modisches Accessoire abgeluchst. Witzige, linguistisch grandiose Salti wechseln mit clever fabrizierten Texten zu Melodien Knef'scher Chancons. Die späte Irmgard hat noch "einen Trolli in Shanghai".

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Bild: Gabi Rieger

Köstlich serviert sind Parodien auf Plattitüden und umwerfend witzig ist der Gipfel der Erkenntnis darüber, was Philosophen, Metaphysiker und Theologen mit verbundenen Augen bei der berühmten "Schwarzen Katze" suchen. Genial in Szene gebracht sind die neuen Weisen der alten Geschlauchten, präsentiert aus vorgezogenem Nachlass. Das Publikum strahlt, lacht, schmunzelt, pfeift, johlt und applaudiert. Ein gelungener Abend.