Die Zahl der Austritte bleibt konstant hoch wie auch die Zahl der Sterbefälle. Verlieren die Kirchen – evangelische und katholische – als Institution zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung?

Michael Lienhard: Vor 50 bis 60 Jahren hatte die Kirche als Institution natürlich einen ganz anderen Stellenwert. Damals war es selbstverständlich in der Gesellschaft, dass man getauft wird und zur Kirche gehört. Heute ist die Verbundenheit deutlich zurückgegangen.

Rainer Stockburger: Ja, man kann schon von einer Art Traditionsabbruch sprechen, der in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Wobei dieser Trend wohl noch weiter zurückgeht, als wir sehen können. Der christliche Glaube ist einer, der weitergegeben werden muss. Der fällt nicht einfach so vom Himmel. Da fällt der Familie eine wichtige Rolle zu.

 

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Und welchen Anteil haben die Kirchen an dieser Entwicklung?

Stockburger: Um etwas bildhaft zu werden: Kirchen sind in meinen Augen ein großes Schiff auf dem Meer, kein kleines Segelboot. Es existieren eine lange Tradition, eine lange Geschichte. Wenn so ein Schiff fährt, fährt es in eine Richtung. Es kann – im Gegensatz zum kleinen Segelboot – im offenen Meer bestehen. Aber Kursänderungen einzuleiten, ist sehr schwierig. Deshalb sind wir als Kirche ein Stückweit immer hinten dran. Bis wir feststellen, wie die Gesellschaft tickt, steht sie schon längst wieder woanders. Das ist sicher ein Problem. Die Kirche garantiert andererseits eine verlässliche Kontinuität in einer schnelllebigen Zeit.

Haben es die Kirchen also verpasst, gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen und mitzugehen?

Lienhard: Man hat es schon immer wieder versucht und es hat sich viel in den Kirchen verändert in den letzten 50 Jahren, aber wir leben heute in einer sehr freiheitlichen Gesellschaft, in der Bindungen und Traditionen ins Hintertreffen geraten. Viele leben einen starken Individualismus, beschäftigen sich nicht bewusst mit der Suche nach Gott und suchen auch keine Bindung an eine Glaubensgemeinschaft.

Stockburger: Der Glaube an sich hat sich privatisiert. Er hat sich losgelöst von der Kirche. Wenn ich auf die Straße gehe und Leute frage, ob sie an etwas glauben, sagen sie: „Natürlich, irgendwas wird es schon geben. Aber Kirche brauche ich nicht!“

Was uns zurück zum Thema Kirchenaustritte führt. 50 haben im vergangenen Jahr der katholischen Kirche in Stockach den Rücken zugekehrt, 26 waren es in der evangelischen. Sprechen Sie mit diesen Menschen?

Lienhard: Wenn ich die Nachricht bekomme, dass jemand austritt, bekommt derjenige einen Brief von mir. Die meisten der Austretenden kenne ich aber nicht. Und eine Reaktion auf den Brief bekomme ich fast nie.

Stockburger: Ich habe selber auch Leute angeschrieben, die Beweggründe erfragt. Und wenn mir mal jemand geantwortet hat, wurden mir häufig steuerliche Gründe genannt, was zeigt, dass bereits eine große Entfremdung stattgefunden hat.

Eine Studie der CVJM-Hochschule Kassel hat die Austrittsgründe untersucht. Demnach spielen die Steuern nur eine untergeordnete Rolle. Die Menschen identifizieren sich vielmehr nicht mehr mit der Kirche.

Stockburger: Genau, das hängt hinten dran. In dem Moment, in dem die Menschen die Identifikation mit der Kirche verlieren, fragen sie sich: „Ich gebe hier Geld. Was hab ich persönlich davon?“

Leidet die Identifikation auch wegen diverser Skandale, die die jüngere Generation kritisch beurteilt?

Lienhard: Ich denke, das ist abhängig davon, wie stark man in die Kirchengemeinschaft eingebunden ist. Wenn einem der Glaube viel gibt, wird man eher sagen: „Skandale gibt es überall, das beeinflusst jetzt nicht meinen persönlichen Glauben vor Ort.“ Für andere ist das sicherlich eine Sache, die das Fass der Distanz zur Kirche zum Überlaufen bringen kann.

Stockburger: An die Kirche wird ja allgemein ein hoher Maßstab angelegt, den legen wir auch selber an uns an, wie wir leben und wie wir leben sollen. Aber solche Ereignisse wie die Skandale sind meines Erachtens nicht der eigentliche Grund für einen Austritt. Ich denke, da geht vorher schon ganz viel verloren. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen erleben, dass Gott nicht notwendig ist. Der Strom kommt aus der Steckdose, ob ich nun an Gott glaube oder nicht. Das Auto fährt, ob ich an Gott glaube oder nicht. Die Gesellschaft funktioniert, ob ich an Gott glaube oder nicht.

Ist der Wegfall des Glaubens an das Christentum ihrer Meinung nach denn nur negativ behaftet?

Stockburger: Was ich befürchte, um etwas politischer zu werden: Dort, wo das Christentum verschwindet, erheben sich andere Werte. Das erlebt man derzeit im Osten Deutschlands, wo die AfD sich etabliert hat. Dort, wo Religion verschwindet, machen sich menschenverachtende Ideologien breit, das hat die Vergangenheit schon häufig gezeigt.

Strömungen wie AfD und Pegida stützen sich auf ein christliches Abendland.

Stockburger: Ja, da frag ich mich, was das soll. Was wollen diese Menschen hochhalten? Da wird das Christentum für die eigene Ideologie missbraucht.

Sollten die Kirchen vielleicht auch politischer werden, dass solch ein Vakuum nicht entstehen kann?

Stockburger: Eindeutig ja. Ich wünsche mir, dass es eine klarere Abgrenzung durch unseren Bischof und auch durch uns Christen gibt, dass er sagt: Das geht nicht mit dem zusammen, was wir vertreten. So, wie die Mandatsträger der AfD sich zeigen, geht das nicht mit unserem christlichen Menschenbild zusammen.

Lienhard: Das sehe ich ähnlich, wobei es schon sehr deutliche Worte von Papst Franziskus und Bischöfen zu den aktuellen politischen Themen gegeben hat.

Abschließend die Frage: Wo sehen Sie Ihre Kirche in 50 Jahren?

Stockburger: Die Volkskirche, so wie wir sie derzeit noch haben, wird es wohl nicht mehr geben. Die Anzahl der Gemeindemitglieder wird zurückgehen. Aber die, die sich in die Kirche einbringen, haben sich bewusst für sie entschieden. Insofern sehe ich optimistisch in die Zukunft, denn wir haben mit unserem Glauben einen wahren Schatz.

Lienhard: Ich denke auch, dass die Kirchen kleiner werden. Denn der gesellschaftliche Automatismus, Teil der Kirche zu sein, wird weiter wegfallen. Aber die, die dabei sind, sind es dann möglicherweise bewusster im Glauben.

Stockburger: Und das wird eine Herausforderung sein, die ökumenisch ist. Denn da befinden sich katholische und evangelische Kirche in der gleichen Situation.

Fragen: Lukas Reinhardt

Zu den Personen

  • Rainer Stockburger, geboren 1957 in St. Georgen, leitet seit Mai 2017 die evangelische Kirchengemeinde Stockach. Sein Studium der Theologie führte ihn nach Bielefeld, Tübingen, Berlin und Basel. Die evangelische Kirchengemeinde Stockach umfasste Ende 2017 3465 Mitglieder. 2013 waren es noch 3575.
  • Michael Lienhard, geboren 1963 in Offenburg, ist seit dem Jahr 2005 Leiter der katholischen Seelsorgeeinheit Stockach. Er studierte Theologie in Freiburg und Salzburg. Die katholische Seelsorgeeinheit Stockach umfasste Ende 2017 7248 Mitglieder. 2014 waren es noch 7448. (lre)