Stockach – Die Zeiten, in denen Schüler vormittags zur Schule gingen und einen Klassenlehrer sowie einige Fachlehrer hatten, sind lange vorbei. Viele Kinder und Jugendliche sind ganztags in der Schule – und haben dort nicht nur Unterricht, sondern nehmen vielfältige Angebote wahr. Für diese Bildungs- und Betreuungsangebote können öffentliche Schulen am Jugendbegleiter-Programm des Landes Baden-Württemberg teilnehmen. In Stockach setzen Schulen ihre Jugendbegleiter unterschiedlich ein. Einige Beispiele zeigen, was alles möglich ist, und wo die Probleme liegen.

Seniorinnen üben mit Kindern das Lesen

In die Grundschule Stockach kommen vormittags fünf Lesepatinnen, vier Damen im Ruhestand und eine Mutter. Schulleiter Frank Sauer sagt, die meisten seien schon vor seiner Zeit an der Schule aktiv gewesen. Er erklärt: "Die Jugendbegleiterinnen lesen mit Kindern, die sich noch schwer tun. Die Eins-zu-eins-Betreuung und Zuwendung tut den Kindern gut." Pro Stunde holen sie drei Kinder aus dem Unterricht. Sauer sagt: "Wir haben ein Lesepatenzimmer eingerichtet. Dort ist es bequem und gemütlich." Die Grundschüler lesen ihrer Lesepatin aus einem eigenen Buch vor oder sie sucht etwas aus. Einmal kommt das Programm Antolin zum Einsatz. Darin beantworten die Kinder Inhalts- und Verständnisfragen. In der Vorbereitungsklasse hilft Evelyn Lussmann beim Erlernen der deutschen Sprache. Frank Sauer ist überzeugt: "Dass andere Menschen in unsere Schule kommen, ist Teil unseres Miteinanders. Davon profitieren alle."

Elftklässler erklären den Unterrichtsstoff

Am Nellenburg-Gymnasium helfen Zehnt- und Elftklässler jüngeren Schülern. Koordinator Stefan Düben erklärt, es gehe um die individuelle Förderung in Notsituationen, wenn beispielsweise ein Schüler länger krank war oder durch Zuzug aus einem anderen Bundesland Schwierigkeiten habe, das Klassenziel zu erreichen. "Ein älterer Schüler zeigt dem jüngeren über mehrere Wochen, wie man sich organisiert, Hausaufgaben erledigt oder Vokabeln lernt." Normalerweise erfolge die Begleitung einzeln, bei Problemen in einer Fremdsprache könne aber auch eine Kleingruppe mit einem Jugendbegleiter üben.

Unterstützung beim Lernen

Düben sagt, Fachlehrer, die bei einem Schüler Handlungsbedarf sähen, wendeten sich an ihn. "Ich suche einen Begleiter, der verantwortungsvoll ist. Nach ein bis zwei Wochen habe ich meistens jemand gefunden." Aktuell sind 15 Schüler im Jugendbegleiter-Programm. Die Fachlehrer stünden in Kontakt mit den Jugendbegleitern und unterstützten deren Arbeit. In der Regel treffen sich Helfer und Schüler in der Schule.

Die Grundschule Winterspüren nimmt seit diesem Schuljahr mit acht Stunden am Jugendbegleiter-Programm teil. Schulleiterin Nicole Bohnenstengel betont: "Es war nicht einfach, freiwillige und für einen ausgewählten Bereich pädagogisch ausgebildete Mitarbeiter zu finden." Sie habe sich in den weiterführenden Schulen mit einem Aushang an Schüler ab 16 Jahren gewandt. "Ich habe auch den Elternbeirat einbezogen, um interessierte Eltern zu finden und die Vereine zu einem Informationsabend eingeladen." Sie war recht erfolgreich. "Wir haben zwei Zehntklässlerinnen vom Gymnasium, die zweimal pro Woche nachmittags Hausaufgabenbetreuung machen. Eine Mutter bietet eine Bastel-, Back- und Spiele-AG an." Eine andere Mutter übernehme drei Mal pro Woche die Frühbetreuung in der ersten Stunde.

Kooperationen mit mehreren Vereinen

Beate Clot, Schulleiterin vom Schulverbund Nellenburg bestätigt: "Wir arbeiten seit Jahren mit Jugendbegleitern und wären ebenfalls froh, wenn wir noch mehr aktivieren könnten." Es gibt eine Kooperation mit der DLRG, dem Golf-Club und dem Imkerverein, Schülereltern, die im Nachmittagsbereich ein Spiel-, Sport- und Bastelangebot anbieten und eigene Schüler, die an der Schule zu Hausaufgabenbetreuern ausgebildet werden. Clot bedauert: "Die Akquise ist mühsam, da wir den Jugendbegleitern nur eine Aufwandsentschädigung von sieben Euro pro Stunde bezahlen können." Die Kooperationen gleichen ein Stück der Zeit aus, die die jungen Menschen früher nachmittags in Vereinen verbracht haben – was sie heute wegen der längeren Schulzeit nicht mehr leisten können.

In Wahlwies bildet man sich in Kunst weiter

Auch Ulrika Eschbach, Rektorin der Grundschule Wahlwies, sucht Menschen, die sich in die Schulgemeinschaft einbringen. In diesem Schuljahr hat sie mit Kunsttherapeutin Susan Rüffer nur eine Jugendbegleiterin. Sie findet Ehrenamt gesellschaftlich wichtig und sagt: "Es ist schön, das Künstlerische an die Kinder weiterzugeben. Wir sind viel freier als im Unterricht und haben schon mit Ton, Acrylfarben, Pastellkreiden und Tinte gearbeitet." Zwei Gruppen mit je acht Kindern kommen an einem Nachmittag im Wochenwechsel zu ihr in den Schulwerkraum. Susan Rüffer wirbt: "Jeder kann Fähigkeiten vermitteln und der Gesellschaft etwas zurückgeben."

Die Schule sucht ab Mitte September weitere Jugendbegleiter für die Nachmittage. "Das Angebot kann künstlerisch, sportlich, musisch, naturpädagogisch oder sprachlich sein", sagt Ulrika Eschbach. Sie hoffe auf Helfer, denn sie müsse pro Woche vier Zeitstunden anbieten, damit das Programm, das für Schüler und Anbieter verbindlich ist, laufe.